ELTERN
11/09/2018 17:55 CEST

Ohne schreien: Was Eltern tun können, wenn ihr Kind einfach nicht hört

Wenn Eltern regelmäßig laut werden, kann die Beziehung zu ihren Kindern nachhaltig beschädigt werden.

Westend61 via Getty Images
Schreien hat eine sehr negative Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes. (Symbolbild)
  • Wenn Kinder nicht auf ihre Eltern hören, reagieren diese oft gereizt oder werden laut – obwohl sie es vielleicht gar nicht wollen. 
  • Experten erklären, warum Kinder manchmal nicht hören und was Eltern dann tun können. 

Wer Kinder hat, kennt die Situation: Manchmal wollen die Kleinen einfach nicht tun, was man von ihnen verlangt. Und wenn die Zeit knapp wird und Eltern die Geduld verlieren, werden viele schon mal laut. Auch wenn sie ihre Kinder eigentlich gar nicht anschreien wollten und obwohl sie wissen, dass es ihren Kindern nicht gut tut.

Wenn Eltern regelmäßig laut werden, kann die Beziehung zu ihren Kindern nachhaltig beschädigt werden. Außerdem hat das Schreien auch sehr negative Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes.

Es ist daher wichtig zu verstehen, warum Kinder manchmal nicht hören wollen und was man als Elternteil tun kann, um das Schreien zu verhindern.

Den Entwicklungsstand des Kindes kennen

Häufig fühlen Eltern sich durch das Verhalten ihrer Kinder gereizt oder gar provoziert, weil sie den Entwicklungsstand des Kindes falsch einschätzen. Den wenigsten ist zum Beispiel bewusst, dass Kinder erst mit durchschnittlich vier Jahren den Meilenstein des Perspektivwechsels erreichen.

Erst dann können sie sich nämlich ansatzweise in die Gefühlswelt der Eltern hineinversetzen. “Das bedeutet, das Kind kann davor auch gar nicht nachvollziehen, dass ein bestimmtes Verhalten von ihm ausgelöst hat, das den Papa wütend macht”, sagt Danielle Graf, die Autorin des Bestsellers “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn” und Betreiberin des gleichnamigen Blogs der HuffPost.

Zunächst einmal sollen Eltern sich also bewusst machen, dass ihr Kind sie nicht bewusst ärgern will, indem es nicht tut, was sie verlangen. Die Gründe für ihr Verhalten können ganz unterschiedlich sein.

Kinder streben nach Autonomie

Ein Grund ist das ausgeprägte Streben nach Autonomie, das unseren Kindern angeboren ist. Das ist wichtig, denn anders könnten sie sich nicht von ihren Eltern lösen und lernen, eigene Entscheidungen zu treffen.

Dazu gehört auch, dass sie bestimmte Erfahrungen selbst sammeln möchten. Sie wollen und müssen herausfinden, wie sie ihren eigenen Weg gehen können.

“Das ist ganz wichtig für die Gehirnentwicklung, denn neuronale Verknüpfungen bilden sich durch verschiedene Herangehensweisen”, sagt Graf der HuffPost.

Kinder lernen durch ständige Try-and-Error-Versuche. Wir Erwachsenen haben oft sehr gefestigte Denkmuster und Verhaltensweisen, deswegen erscheint uns die Suche nach uns längst bekannten Antworten auf alternativen Wegen so mühsam.”

Mehr zum Thema: Wenn das Kind mal wieder bockig ist – so reagiert ihr richtig

Graf fügt hinzu: “Ein Kind, das zum Beispiel hundert Mal den Löffel vom Tisch wirft, will uns nicht ärgern! Es interessiert sich einfach gerade wahnsinnig für die Grundsätze der Gravitation. Fliegt der Löffel immer genauso schnell? Immer in die gleiche Richtung? Fliegt er auch beim 200. Mal runter statt hoch? Wir kennen die Antworten – unser Kind will sie ganz alleine herausfinden. Da fällt es unglaublich schwer, auf unser ‘Lass das!’ zu hören.”

Eltern müssen klar kommunizieren

Ein weiterer Grund, warum ein Kind nicht hört, kann in der Kommunikation der Eltern zu finden sein.

“Kinder hören manchmal nicht, da Eltern nicht klar und deutlich sagen, was sie wollen”, sagt Sascha Schmidt, Seminarleiter bei der Familienberatungsfirma “Familylab” und Autor des Buches “Wieder Paar sein! Erfüllte Zweisamkeit trotz Kind und Arbeit. Erste Hilfe für berufstätige Eltern” der HuffPost.

Denn anstatt zu sagen, was sie wollen, sagen sie ihren Kindern häufig, was sie nicht wollen. Bei sehr kleinen Kindern kann das jedoch zum Problem werden.

Mit dem Wort “nicht” können sie nichts anfangen. “Ihr Gehirn filtert es einfach weg”, erklärt Graf. So kommt es schnell zu Missverständnissen:

″’Nicht wegrennen!’ verstehen Kinder also als ‘Wegrennen!’ Daher tun sie in der Autonomiephase oft genau das Gegenteil von dem, was wir sagen und sind dann verwirrt, wenn wir uns ärgern.”

Graf empfiehlt Eltern, ihr Anliegen lieber positiv zu formulieren. Statt dem Kind zu sagen, was es nicht tun soll (“Du sollst nicht am Kabel ziehen!”), sollten sie sagen: “Lass das Kabel in Ruhe!”

Es sei außerdem sinnvoll, Wünsche in der Ich-Form zu formulieren, sie kurz zu begründen und um etwas Bestimmtes zu bitten.

“Aufgrund ihres Autonomiebestrebens möchten Kinder auch gerne selbst entscheiden, wann sie etwas machen”, erklärt Graf der HuffPost.

“Daher sollte man Dinge möglichst nicht sofort verlangen sondern Fristen vorgeben: ‘Bis zum Abendbrot sollten die Hausaufgaben gemacht werden.’”

Die Grenzen des Kindes wahren

Neben dem starken Bedürfnis nach Autonomie wollen Kinder auch zeigen, wo ihre Grenzen sind und die positive Erfahrung machen, dass eine aufgezeigte Grenze von den Eltern erkannt und gewahrt wird.

“Wenn die Kinder sich ‘wehren’, dann liegt es daran, dass sie entweder ihren eigenen Willen verteidigen und sehen wollen, wie ‘ernst’ die Eltern es meinen. Oder sie können einfach nicht, da wir Eltern gerade die Grenzen der Kinder überschreiten”, erklärt Schmidt.

“Abwehr gegenüber einer Jacke kann auch einfach bedeuten, dass dem Kind gar nicht kalt ist. Dieses kindliche Körperempfinden wird gegenüber der elterlichen Grenzüberschreitung verteidigt. Das ist gut so!”

Wenn Kinder spüren, dass ihre Grenzen wahr- und ernstgenommen werden, dann werden sie sich auch bemühen, die Grenzen der Eltern zu akzeptieren und mit ihnen zu kooperieren.

Ein Kind, das nicht hört, fühlt sich nicht wertgeschätzt

Wenn ein Kind sich immer wieder den Regeln der Eltern widersetzt, obwohl sie klar und positiv formuliert sind, kann es noch einen anderen Grund für sein Verhalten geben.

Möglicherweise fühlt das Kind sich durch die Eltern nicht ausreichend wertgeschätzt. Zum Beispiel, weil die Eltern nicht erkennen, wie häufig es mit ihnen kooperieren will.

Viele Kinder wollen zum Beispiel gerne im Haushalt helfen – dürfen aber nicht, weil es den Eltern häufig zu lange dauert oder mehr Chaos anrichtet als alles andere. Das ist für Erwachsene verständlich, für Kinder jedoch unter Umständen verletzend.

Wenn die Eltern immer wieder die Hilfe des Kindes ablehnen, wird es seine Kooperationsbereitschaft mit großer Wahrscheinlichkeit immer weiter einstellen.

“So lange Kinder das Gefühl haben, dass sie ausreichend gesehen und wertgeschätzt werden, kooperieren sie in der Regel mit uns (sie ‘hören’ also)”, erklärt Graf.

“Wenn Kinder also absichtlich nicht auf uns hören, uns womöglich noch angrinsen, wenn sie genau das Gegenteil von dem tun, was sie sollen, dann liegt das in vielen Fällen daran, dass sie uns sagen wollen: ’Mein Aufmerksamkeitsspeicher ist gerade leer. Ich möchte mehr von Dir gesehen werden! So lange du dieses Bedürfnis nicht ausreichend erfüllst, provoziere ich dich, um wenigstens etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.”

Was tun, wenn die Zeit drängt?

Doch auch wenn Eltern viel Geduld aufbringen und sich Mühe geben, die Gefühlswelt ihrer Kindern zu verstehen, gibt es im Alltag immer wieder auch Situationen, in denen es wichtig ist, dass die Kinder hören – zum Beispiel, wenn es mal schnell gehen muss.

Schreien hilft da oft nicht, sondern verschärft nur die Situation.

Graf hat einen konkreten Tipp: “Gehen wir einen Schritt zurück und lassen das Kind kurz durchatmen, wird es in vielen Fällen versuchen, uns doch noch zu unterstützen, indem es sich dann beeilt.

Das will es aber freiwillig machen, da es ja ein natürliches Kooperationsbestreben hat. Je mehr Druck wir aufbauen, desto mehr Widerstand erzeugen wir an dieser Stelle.”

Sinnvoll sei es auch, den Wunsch ruhig, wertschätzend und möglichst gewaltfrei zu formulieren, meint Graf.

Auch Schmidt plädiert für klare Kommunikation:

“In stressigen Situationen sollten Eltern klar und deutlich sagen: ‘Ich will, dass Du Dir jetzt Deine Schuhe anziehst. Sonst mache ich das für Dich!’ Und dann – ganz wichtig – die elterliche Verantwortung dafür übernehmen, dass Zeitdruck war. Also am Abend: ‘Es tut mir leid, dass ich heute morgen laut wurde und Deinen Wunsch, die Schuhe selber anzuziehen, unterbunden habe. Ich werde jetzt darauf achten, dass wir morgens mehr Zeit haben.’”

(nmi)