BLOG
16/03/2018 14:12 CET | Aktualisiert 16/03/2018 15:21 CET

Brief einer Muslima: Herr Seehofer, Sie haben gar keine Ahnung vom Islam

Seit wann sind denn Muslime und der Islam etwas Unterschiedliches?

Emine

Sehr geehrter Herr Seehofer,

Sie sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Muslime wiederum gehörten zu Deutschland.

Ich muss Ihnen an dieser Stelle sagen: Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen.

► Denn was trennt den Islam von Muslimen? Muslime ohne Islam, geht das?

Ich lebe nun seit 45 Jahren in Deutschland. Ich bin aus einer sehr traditionellen Stadt an der Nordküste der Türkei in ein oberbayerisches Dorf mit damals gerade einmal 500 Einwohnern gezogen.

Mehr zum Thema: Bundesinnenminister Seehofer behauptet: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland“

“Ich habe nie auf der Straße meinen Gebetsteppich ausgerollt”

Die Menschen dort leben ihre bayerischen Traditionen sehr aktiv, es gibt regelmäßige Jahrmärkte, Dorf- und Bierfeste.

Gleichzeitig gehen wir unseren Traditionen nach. Wir fasten, wir beten und besuchen die Moschee wie andere die Kirche. Und nie gab es ein Problem. 

Ich bin nicht auf die Straße gegangen und habe meinen Gebetsteppich ausgerollt. Aber das war auch nie mein Wunsch.

► Sie, Herr Seehofer, sagen, die Deutschen sollten nicht aus falscher Rücksichtnahme die landestypischen Traditionen und Gebräuche aufgeben

Aber das passiert doch auch nicht.

► Sie sagen, dass Deutschland durch das Christentum geprägt sei.

Und da haben Sie Recht. Ich höre in meinem Dorf keinen Gebetsruf aus den Moscheen, sondern die Kirchenglocken am Sonntag.

Trotzdem hatte ich in den vergangenen 45 Jahren nie das Gefühl, dass der Islam, den ich lebe, kein Teil Deutschlands ist – eben weil ich ein Teil Deutschlands bin

Und niemand in meinem Umfeld hat mir jemals auch nur ansatzweise solch ein Gefühl gegeben.

Muslime ohne Islam gibt es nicht

Doch Sie müssen wissen: Muslime ohne Islam gibt es nicht. Genauso wenig wie Christen ohne Christentum.

Warum also wollen Sie die Trennung zwischen uns und unserer Religion? 

► “Muslime müssen mit uns leben, nicht neben oder gegen uns”, sagen Sie weiter.

Um das zu erreichen, bräuchten wir gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme. 

Ich möchte Sie an zwei Sachen erinnern:

► Ich habe in all meinen Jahren nie “gegen” jemanden gelebt. Denn ich habe mit meinen Nachbarn gelebt, mit den Menschen, die ich kenne – warum unterstellen Sie uns pauschal das Gegenteil?

► Ihre Aussage, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, hat in meinen Augen so gar nichts mit dem von Ihnen erwähnten gegenseitigen Verständnis und Rücksichtnahme zu tun. Im Gegenteil: Der Satz ist ein Affront gegen mich und andere Muslime in Deutschland. 

Ich bin Muslima. Und ich sehe mich als ein Teil von Deutschland – genauso wie den Islam, den ich hier lebe.

Dieser Beitrag wurde aufgezeichnet von Meltem Yurt.

Mehr zum Thema: Kanzlerin Merkel kontert Seehofer: Islam gehört zu Deutschland

(mf)