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20/04/2018 17:49 CEST | Aktualisiert 21/04/2018 09:36 CEST

Manchmal baggern mich Männer an, die mich eigentlich abschieben wollen

Einer nannte mich "Ölauge" – aber ich wehre mich auf meine Weise.

Neubeckum ist ein Kaff im Herzen Westfalens, ein Anhängsel der Kleinstadt Beckum. Einigen aus NRW dürfte Neubeckum dennoch ein Begriff sein – es liegt an der A2, auf dem Weg nach Berlin kommt man daran vorbei.

Für mich ist Neubeckum der Ort, in dem ich den rassistischen Begriff “Ölauge“ als Bezeichnung für Menschen meiner Herkunft zum ersten Mal gehört habe. Ein Mann in Neubeckum hat das Wort sogar dazu genutzt, um mich anzubaggern. Doch dazu später mehr.

In Neubeckum geht nichts

Neubeckum hat einen Bahnhof, ein paar Supermärkte und auch ein  paar “Bars“. Das war’s.

Die Jüngeren in dem Städtchen mit seinen 10.000 Einwohnern unternehmen eigentlich alles, um der Einöde so schnell wie möglich zu entkommen. Ich weiß das, ich hab schließlich selbst dort gelebt.

Ich vermute, dass diese Einöde der Grund dafür ist, dass man dort auf blöde Gedanken kommt. Wie zum Beispiel Rassist werden oder am helllichten Tage in eine Dorfkneipe gehen.

Wir wollten zeigen, wie rebellisch wir waren

Ich kann bis heute nicht verstehen, wie meine Freundin und ich auf den Trichter kamen, in Neubeckum auszugehen. Man muss erwähnen, dass wir 16 Jahre alt waren und uns für ziemlich cool hielten.

An diesem Samstagnachmittag im Sommer 2006 hatten wir bereits seit Stunden in dem Zimmer meiner Freundin nach Möglichkeiten gesucht, wie wir der Außenwelt zeigen konnten, wie unglaublich rebellisch und unangepasst wir waren.  

Damals befanden wir uns noch in der Hochphase unserer Pubertät und fanden alles gut, was mit Punkmusik und Ablehnung zu tun hatte. Dass Letzteres an diesem Tag ausgerechnet mich treffen werden würde, ahnte ich bis dato noch nicht.

Beim Betreten der Kneipe wusste ich: Das war keine gute Idee 

Nach längerem Überlegen kamen wir zu dem Schluss, dass bei Tag Alkohol zu trinken das Rebellischste ist, was man in Neubeckum so machen konnte, und zogen los, um unseren Plan zu verwirklichen. Wir steuerten direkt die erste Kneipe an, die wir fanden.

Ich werde nie vergessen, dass ich bereits beim Betreten dieser Spelunke wusste, dass das keine gute Idee war.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis meine Freundin und ich von merkwürdigen Gestalten umzingelt wurden.

Alle Männer in dieser Kneipe hatten einen finsteren Gesichtsausdruck, keiner schien wirklich Spaß zu haben.

Mit unserer schrillen Kleidung und der Tatsache, dass wir nüchtern und Mädchen waren, stellten meine Freundin und ich dort auf jeden Fall eine Besonderheit dar.

“Du bis doch so’n Ölauge”

Ein betrunkener Mann löste sich aus seiner Trance und wankte von der Theke zu uns rüber. Er stellte sich dicht neben mich an den Stehtisch. In meinem Nacken spürte ich seinen feuchten Atem.

“Du bist doch so’n Ölauge“, raunte er mir zu und hatte Mühe, aufrecht stehen zu bleiben.

Er klammerte sich fest an unseren Tisch und kam so nah an mich heran, dass seine Nasenspitze nun an meiner Wange klebte.

Ich war so starr vor Schock und Angst, dass ich mich weder bewegen noch etwas sagen konnte.

“Aber schöne Ölaugen haste”

Meine Freundin schien diese Szene nicht so schlimm zu finden wie ich, jedenfalls lächelte sie die ganze Zeit nur verlegen und nippte an ihrem Bier. Vielleicht wusste sie genauso wenig wie ich, was sie in dieser Situation machen sollte. Wir waren schließlich noch sehr jung.

Mein unwillkommener Tischnachbar hielt kurz inne, fuchtelte mit seinem Bier vor meiner Nase rum und sagte dann, nachdem er mich eingehend studiert hatte: “Aber schöne Ölaugen haste.“

Rassistische Beleidigung in Running Gag umgewandelt

Seit diesem Tag ist es unter meinen Freunden zum Running Gag geworden, mich Ölauge zu nennen. Ich weiß, dass sie damit sagen wollen, wie lächerlich sie solche Beleidigungen finden.

Ich muss immer wieder lachen, wenn jemand “Ölauge” zu mir sagt. Das kann ich, weil ich nach dem Vorfall in der Kneipe relativ schnell beschlossen habe, die Fassungslosigkeit über diesen offen zur Schau gestellten Rassismus gegen einen humoristischen Umgang damit einzutauschen.

Allerdings brauchte ich ein paar Jahre, um diese Gelassenheit auch wirklich zu fühlen.

Unterbewusst beschäftigte mich der Vorfall aus Neubeckum länger als der Alltagsrassismus, dem ich sonst ausgesetzt bin, weil der Typ auch noch sexistisch gewesen war.

Vergiftetes Kompliment

Ich weiß, dass der Mann aus der Kneipe damals nicht wirklich beabsichtigt hatte, mir etwas Nettes zu sagen, als er mir “schöne Ölaugen“ attestierte.  

Er wollte mich noch weiter erniedrigen. Sein vermeintliches Kompliment war nichts als die Botschaft: Wenn du schon nichts kannst, außer ein “Ölauge“ zu sein, siehst du wenigstens annehmbar aus.

Dieser Satz suggeriert außerdem, dass ich immer ein Fremdkörper bleiben würde. Egal, was ich mache oder wie nah ich dem “Ideal” einer Frau mit schönen Augen käme.

In meinem Leben habe ich viele solcher Situationen erlebt

Im Laufe meines Lebens musste ich noch viele solcher Situationen über mich ergehen lassen. Es passiert so oft, dass sich Männer Stunden bei mir darüber auslassen, wie scheiße sie Ausländer finden und mich danach anbaggern.

Ich verstehe nicht, was in solchen Männern vorgeht. Vielleicht glauben sie mit dem Anbaggern zeigen zu können, dass sie auch eine weiche Seite haben.

Diese Rechnung geht allerdings nicht auf.

Wenn Männer Menschen aufgrund ihrer Herkunft schlechtreden und für mich eine Ausnahme machen wollen, weil ich in dem Moment zufällig nicht ins Raster ihres Feindbildes passe, sage ich dann gern:

Rassismus bleibt Rassismus, egal wie konsequent er ausgelebt wird.

Nur weil man 0,1 Prozent der Menschen, die man aufgrund ihrer Herkunft eigentlich verachtenswert findet, als okay bezeichnet, heißt das nicht, dass man kein Rassist mehr ist.

Dieses Denken finde ich beispielsweise auch wieder, wenn Leute zu mir sagen, dass ich in Deutschland bleiben “darf“, weil ich ja kein krimineller Migrant sei. 

Solche Aussagen offenbaren, dass die Redner tatsächlich davon ausgehen, dass alle Migranten kriminell sind, bis jemand, wie ich, zufällig daherkommt und das Gegenteil beweist.

Lasst doch diese eklige Doppelmoral!

Auch diesen Menschen möchte ich einen Tipp geben: Lasst diese eklige Doppelmoral doch ganz und urteilt erst über eure Mitmenschen, wenn ihr sie kennengelernt habt.

Vergesst dabei trotzdem nicht, dass negative Beispiele aus eurem Bekannten- oder Freundeskreis nicht für die Mehrheit der Bürger der Nation stehen, der sie entstammen.

″Ölauge“ ist ein Teil meiner Alltagssprache geworden

 Ich bin froh, dass ich einen Weg gefunden habe, mit rassistischen Bemerkungen dieser Art umzugehen. Mittlerweile bezeichne ich mich ja sogar selbst als “Ölauge“.

Ich bin der Ansicht, dass ich Rassisten den Wind aus den Segeln nehmen kann, wenn ich ihren Begriff in meinen Alltagssprache übernehme und dazu nutze, um mich über Rassismus lustig machen. (Das gilt natürlich nur für die Bezeichnung meiner Person.)

Das geht sogar so weit, dass mein bald erscheinender Podcast bei der HuffPost meinen “Spitznamen“ im Titel trägt.