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21/12/2018 10:02 CET | Aktualisiert 23/12/2018 20:16 CET

Ex-Hartz-IV-Empfänger schildert, wie arrogant das Jobcenter ihn behandelt hat

“Sie haben ja während Ihres Studiums arbeiten können, oder? Warum denn nicht jetzt?”

Im Video oben zeigen wir euch die gnadenlosesten Jobcenter Deutschlands.

Wer an Hartz-IV-Empfänger denkt, hat meist den wenig oder gar ungebildeten Menschen vor Augen, der sich auf der sozialen Hängematte ausruht und so der Allgemeinheit zur Last fällt.

Wie die meisten Klischees stimmt in der Regel auch dieses nicht. Abgesehen davon, dass die wenigsten Menschen freiwillig arbeitslos werden, gibt es auch Fälle wie die von August W.(Name geändert): Der 26-Jährige war nach seinem Studium kurzfristig auf Hartz IV angewiesen, bis er einen Vollzeit-Job gefunden hat. Für die Zahlungen ist er dankbar, jedoch kritisiert er den Umgang der Sachbearbeiter mit ihren Kunden: So wenig Wertschätzung hat er noch nie erlebt.

Es war nur ein kurzes Gastspiel, aber eines, das ich mir gerne erspart hätte. Als ich nach meinem Studium für einen Zeitraum von ungefähr drei Monaten Hartz IV empfing, sollte ich selbst erfahren, wie es den Menschen ergehen muss, die ständig auf diese Zahlungen angewiesen sind.

finwal via Getty Images
August wünscht sich einen menschlicheren Umgang im Jobcenter (Symbolbild).

Denn das erste, was ich von meiner Sachbearbeiterin im Jobcenter zu hören bekam, war, dass ich aus ihrer Sicht nicht wirklich “bedürftig” sei. Sie stellte mir die Frage: “Sie haben ja während Ihres Studiums arbeiten können, oder? Warum denn nicht jetzt?”

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Im Jobcenter erfuhr ich trotz meiner Bemühungen wenig Wertschätzung

Dazu ist festzuhalten, dass ich während meines Studiums diversen Jobs nachgegangen war. Die letzten zwei Jahre lang arbeitete ich neben dem Studium als Werkstudent in einer Print-und Onlineredaktion und war mit einem 450-Euro-Job als freier Mitarbeiter bei einer Presseagentur tätig.

Es war eine seltsame Erfahrung, trotz all meiner Bemühungen in den vergangenen Jahren schlagartig so wenig Wertschätzung entgegen gebracht zu bekommen.

Freundlich antwortete ich, dass ich ja im Moment auch arbeiten würde. Doch meine Sachbearbeiterin stellte klar, ein 450-Euro-Job sei nichts wert. Es könne doch nicht sein, fuhr sie immer ruppiger werdend fort, dass Leute wie ich Arbeitslosengeld II empfangen würden, während sie sich auf die Suche nach ihrem “Traumjob” machten. Dazu sei Hartz IV nun wirklich nicht gedacht, erläuterte sie.

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Etwas bestimmter versuchte ich ihr daraufhin deutlich zu machen, dass ich bedauerlicherweise nicht aus einem 450-Euro-Job eine Teil- oder gar Vollzeitstelle zaubern könnte. Und dass es mein größtes Anliegen wäre, möglichst bald wieder vollständig unabhängig zu sein.

Doch darauf wollte sie nicht näher eingehen. Sie klatschte mir ein Papier vor die Nase, die Eingliederungsvereinbarung. Das Schreiben, mit dem ich mich dazu verpflichtete, mindestens zehn Bewerbungen im Monat vorzulegen.

Gerne bin ich dieser Vorgabe nachgekommen. Hilfreich waren die Jobvorschläge, die ich derweil vom Jobcenter bekam, allerdings nicht, hatten sie doch tatsächlich häufig nichts mit meinen Berufsvorstellungen zu tun. Doch auch diese nahm ich wahr, um nicht sanktioniert zu werden.

Wer entscheidet, ob jemand hilfsbedürftig ist oder nicht?

Aktuelle Zahlen zu Hartz IV

► Arbeitslosengeld II, oder umgangssprachlich auch Hartz IV genannt, ist die Grundsicherungsleistung für Hilfebedürftige. Das Gesetz zu Hartz IV wurde am 24. Dezember 2003 ausgefertigt.

► Derzeit beziehen etwa 4,2 Millionen Menschen Hartz IV.

► Unter Menschen mit akademischen Abschluss sind die Arbeitslosenzahlen besonders niedrig: Im Jahr 2017 waren 194.000 Akademiker arbeitslos gemeldet. Das macht weniger als zwei Prozent der Gesamtzahl arbeitsloser Menschen aus. 

Ich wünsche mir einen menschlicheren Umgang im Jobcenter

Fakt ist: Ich wäre in dieser Zeit mit meinem Gehalt ohne Hilfe nicht über die Runden gekommen. Meine Haupteinkommensquelle als Werkstudent war ich mit dem Ende des Studiums los. Mein zweiter Job als freier Mitarbeiter bei einer Presseagentur brachte mir nur 450 Euro ein, die Krankenkassenbeiträge schossen nach dem Studium plötzlich in die Höhe. Bald flatterte auch der BAföG-Rückzahlungsbescheid in meinen Briefkasten.

Ich war daher äußerst dankbar für die Solidargemeinschaft, durch deren Hilfe ich weiterhin meine Rechnungen begleichen konnte. Tatsächlich hatte ich bereits nach drei Monaten wieder einen Job gefunden. Dennoch: Einen menschlicheren Umgang hätte ich mir sehr gewünscht.

Dieser Artikel ist Teil der HuffPost-Heiligabend-Aktion. Anlässlich des 15. Jahrestags von Hartz IV am 24. Dezember 2018 stellen wir Menschen vor, deren Leben durch Hartz IV verändert wurde. Weitere Beiträge findet ihrhier.

(kiru)