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25/04/2018 17:05 CEST | Aktualisiert 25/04/2018 17:05 CEST

Ein Obdachloser hat mich dringend um etwas gebeten – Geld war es nicht

Der junge Mann wünschte sich einfach nur ein bisschen Würde.

coldsnowstorm via Getty Images
Ein junger Mann lebt auf der Straße und bittet HuffPost-Autorin, ihm einfach zuzuhören. (Symbolbild)

Ich habe es eilig. Mit Kopfhörern im Ohr laufe ich an einem kalten März-Nachmittag auf die Ampel auf die Kreuzung in der Kölner Innenstadt zu. Rot. Mist.

Neben mir warten dort ungefähr fünf Menschen, die ebenfalls beschäftigt wirken, mit ihren Handys und Kopfhörern.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass ein junger Mann aufgeregt zwischen ihnen umhergeht und ihnen auf die Schulter tippt. Irritiert nehmen die Menschen ihre Kopfhörer ab.

Ich kann nicht hören, was der junge Mann zu ihnen sagt, aber ich sehe, dass alle Passanten ihm kurz zuhören und dann kopfschüttelnd den Kopfhörer wieder aufsetzen.

Das muss ein Obdachloser sein, denke ich – und schäme mich

Mir schießen sofort zwei Gedanken in den Kopf: Der Mann muss ein Obdachloser sein. Und Geld brauchen.

Ich gehe einfach davon aus, dass es so ist, ohne den Mann zu kennen. Nur deswegen, weil ich eben schon mehrere solcher Situationen erlebt habe.

Ich schäme mich für diesen Gedankengang.

Der Obdachlose lässt nicht locker

Der Mann nähert sich mir. Er trägt einen roten Parka, eine grüne Hose und auf dem Rücken einen grünen Rucksack.

Als er mich antippt und mich anschaut, wirken seine blauen Augen klar und ruhig. Er ist höchstens zwanzig Jahre alt. Instinktiv schüttelte ich den Kopf. Mit einem angedeuteten Lächeln versuche ich mich gleichzeitig zu entschuldigen.

Kurz zuvor habe ich einem anderen Obdachlosen mein ganzes Kleingeld gegeben.

Mehr zum Thema: Immer mehr Familien werden obdachlos – die Mittelschicht ist nicht mehr sicher

Allerdings lässt der Mann nicht locker. Er tippt mir noch einmal auf die Schulter. In der gleichen Sekunde schaltet die Ampel von Rot auf Grün und ich haste über die Straße.

Im Schnellschritt läuft er neben mir her. Auf der anderen Straßenseite gehe ich extra noch ein bisschen schneller. 

Insgeheim verfluche ich mich dafür, weil mir der junge Mann leid tut. Im Geist gehe ich den Inhalt meines Portemonnaies nochmal durch.

Plötzlich stellt er sich mir demonstrativ in den Weg. Er lächelt.

Aus der einen Sekunde wird eine halbe Stunde

Ich nehme einen Kopfhörer aus dem Ohr. “Nur eine Sekunde“, sagt er.

Am Ende verbringe ich eine halbe Stunde mit ihm.

Er bedankt sich höflich für meine Aufmerksamkeit und stellt sich als Jonas vor. Er lebe schon länger auf der Straße.

In der Ferne sehe ich die Lichter der nächsten Bahnstation blinken. Meine Bahn ist vor drei Minuten abgefahren. Jetzt brauche ich mich auch nicht mehr zu beeilen.

Er hat mich immer noch nicht nach Geld gefragt

Eine halbe Ewigkeit redet Jonas von Versicherungen, Gerichtsterminen und Freunden, die keine waren. Er erzählt seine Geschichte mit einer Lockerheit, als würde er mit einem Freund bei einem Bier zusammensitzen.

Ich verstehe trotzdem nicht, worauf Jonas hinaus will. Bisher hat er noch nicht um Geld gefragt.

Ein bizarrer Gedanke blitze in meinem Kopf auf: Vielleicht will er nur reden?

Jonas scheint meine Gedanken zu lesen. Er fragt, ob er mich zulabere und ich noch Interesse hätte, ihm zuzuhören.

“Ja“, sagte ich. Dann schaut er mich an und sagt lange nichts.

“Manchmal wünsche ich mir, dass die Menschen mir einfach nur zuhören.“

 Die Menschen wollen einem Obdachlosen nicht zuhören

Jonas erzählt mir, dass es ihn nerve, wenn jeder eine Meinung über ihn hat, ohne ihn zu kennen. Viele, wie ich eben an der Ampel, schüttelten den Kopf, wenn er mit ihnen reden wolle. Die Menschen wollten nichts mit Obdachlosen zu tun haben.

Er meint, dass er keine Chance habe, das vorgefertigte Bild der Menschen über ihn zu korrigieren, wenn sie ihm nicht einmal zuhörten.

Obdachlos zu sein, sei für viele Menschen mit gesellschaftlichem Versagen verknüpft, sagte er.

Schwieriger Neustart in der Hochleistungsgesellschaft

Für sein Leben könne er nichts, sagte er. Weil er Stress mit dem Gesetz hatte, sei er im Gefängnis gelandet.

Ich frage Jonas, was los war. Er winkt ab. Es habe da eben so eine Geschichte gegeben. Ich hake nicht weiter nach. Ich denke, dass jeder von uns Fehler macht und Jonas schlicht und ergreifend Pech hatte.

Als er aus dem Knast draußen war, habe ihn niemand abgeholt. Die Tante, die letzte Person aus seiner Familie, mit der er noch Kontakt hatte, habe ihn nicht mehr bei sich wohnen lassen. Von da an war er komplett auf sich allein gestellt.

Jonas hat Pech, weil Scheitern in unserer Hochleistungsgesellschaft keine Option darstellt. Wer einmal aus dem System fällt, kommt nur schwer wieder rein.

Mehr zum Thema:Warum in Finnland fast niemand mehr auf der Straße lebt

Das Sparen hat dem sozialen Sektor zugesetzt. Geld scheint über der Würde zu stehen.

Wer einmal gescheitert ist, muss sich immer wieder erklären, um von anderen Menschen akzeptiert zu werden.Ich denke, dass dieser Dauer-Seelenstriptease eine Zumutung für die Psyche sein muss.

Der Winter hält den März umklammert

Ein Windstoß lässt die Äste über uns zittern. Der Winter hält den März fest umklammert.

Jonas und ich gehen an Menschen in Schlafsäcken vorbei. Sie schlafen in Hauseingängen oder in den Eingängen von Geschäften.

Als wir fast an der Haltestelle angekommen sind, frage ich ihn, ob er nichts von mir braucht. “Wenn ich ehrlich bin“, sagt er und beißt sich dabei auf die Unterlippe “würde ich heute schon gerne in einem Hostel schlafen.“

Die Kälte und die Blicke der Menschen auf der Straße machen ihn fertig.  

Aus meinem Rucksack hole ich mein Portemonnaie und fische einen Fünf-Euro-Schein heraus. Ich drücke ihn Jonas in die Hand. Er bedankt sich und reicht mir die Hand. Sein Händedruck ist lang und fest.

Dann verabschieden wir uns und ich gehe wieder in meine heile Welt, während Jonas um eine weitere Nacht in Sicherheit kämpfen muss.

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(sk)