POLITIK
24/03/2018 14:12 CET | Aktualisiert 24/03/2018 14:14 CET

Obdachlosen-Zeitungen stehen vor dem Aus – und es geht um mehr als nur Geld

"Viele Zeitungen sind kaputt gegangen."

dpa
Obdachlose in Hannover. Für viele bietet ein Job bei einer Straßenzeitung Halt und Hoffnung.

Es sind Magazine mit überschaubarer Auflage. Kein Hochglanz. Kein Schnickschnack. 

Aber für viele Menschen sind diese unauffälligen Publikationen so viel mehr. Sie bedeuten ein bisschen Geld, Arbeit, Würde, Aufmerksamkeit, Halt und auch Hoffnung: die Obdachlosen-Zeitungen.

All das steht nun auf dem Spiel. Viele Obdachlosen-Zeitungen sind bedroht.

Auflage von “Fiftyfifty” um die Hälfte eingebrochen

Oliver Ongaro vom Düsseldorfer Straßenmagazin “Fiftyfifty”, das auch in Frankfurt verkauft wird, sagt der HuffPost: “Wir waren mal bei einer Auflage von 60.000, jetzt bei 30.000, und damit sind wir noch gut aufgestellt im Vergleich. Ganz viele sind kaputt gegangen.”

Auch Sybille Arendt vom traditionsreichen Hamburger Straßen-Magazin “Hinz & Kunzt” bestätigte der HuffPost einen kontinuierlichen Rückgang der Auflagen innerhalb der letzten vier Jahre: “Mal verkaufen wir mehr, dann wieder weniger, aber wir bemerken einen Abwärtstrend.”

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Nur noch 20 Magazine in Deutschland

Laut dem Obdachlosen-Magazin “Tagessatz” aus Göttingen gibt es in Deutschland 40 solcher Zeitungen. Das “International Network of Street Papers” (“INSP”), ein weltweiter Zusammenschluss von Straßenzeitungen, listet dagegen nur noch 20 Magazine auf.

► Die Zahl der Obdachlosen-Zeitungen ist offenbar rückläufig. Das zeigen auch Recherchen der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (“FAZ”).

Mittlerweile scheint es Regionen in Deutschland zu geben, in denen Straßenmagazine ausgestorben sind. Die Redaktionsleiterin des “Tagessatz”, Ute Kahle, sagte der “FAZ”, Hessen sei im Bezug auf Straßenzeitungen zu einer “Wüste” geworden.

An dem Negativtrend ändern auch regionale Ausnahmen nichts, wie bei “Tagessatz” in Kassel oder “Trott war” in Stuttgart, wo sich Geschäftsführer Helmut Schmid dank erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit sogar auf steigende Auflage freut.

Wie Straßenzeitungen nach Deutschland kamen

Die Idee der Straßenzeitungen stammt aus den USA und kam Anfang der 1990er-Jahre nach Deutschland: München war mit der Gründung der “Biss” im Oktober 1993 die erste Stadt, in der eine Straßenzeitung angeboten wurde. Von dort breitete sich das Konzept in Deutschland aus.

Straßenzeitungen – Selbstbewusstsein für sozial Abgehängte

Die Zeitungen sind nicht nur ein Sprachrohr für Gruppen an den Rändern der Gesellschaft.

Obdachlosen sollte mit einer Zeitung auch etwas in die Hand geben werden, mit dem sie selbstbewusst Kunden gegenübertreten können und nicht mehr betteln müssen, “nicht mehr im Müll herumwühlen”, wie es Ongaro von “Fiftyfifty” formuliert. Denn einen Teil der Einnahmen behalten die Verkäufer.

Ursachen für die Probleme bei den Straßenzeitungen

Die Ursachen für die Probleme bei den Magazinen sind vielschichtig: 

► Mehr Obdachlose und Bettler schrecken Passanten ab: Hubert Ostendorf, leitender Redakteur der “Fiftyfifty”, sagte der “FAZ”, die Konfrontation auf der Straße werde härter. Mehr Bettler machten es den Verkäufern schwer, Kontakt zu den Passanten aufzunehmen.

► Die Gesellschaft ist immer weniger bereit, sich mit sozialen Problemen auseinanderzusetzen: Ongaro von “Fiftyfifty” sagte der HuffPost, es lasse sich beobachten, dass die Leute den Verkäufern einfach 50 Cent oder einen Euro hinlegten, aber keine Zeitung kauften. Das gehe am eigentlichen Anliegen der Straßenzeitungen völlig vorbei:

“Wir wollen den Menschen ja einen Lebenssinn geben, wir wollen ja, dass sie eine Zeitung verkaufen und nicht, dass sie betteln!”

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► Die Digitalisierung verdrängt Druckerzeugnisse vom Markt: “Der Printmarkt geht allgemein zurück”, sagt Sybille Arendt von “Hinz & Kunzt” der HuffPost, “warum sollte es bei den Straßenzeitungen anders sein? Die Menschen wollen sich nicht mit Papier belasten.”

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Obdachlose trifft diese Entwicklung besonders hart. Denn sie sind selbst keine Redakteure, sondern Verkäufer. Für sie zählt der persönliche Kundenkontakt – um möglichst viel zu verkaufen, und um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ein Umzug der Magazine ins Internet ergibt für sie also kaum Sinn.

► Weniger Passanten haben heute Bargeld dabei: Der internationale Trend wird auch in Deutschland immer mehr spürbar. Arendt sagt der HuffPost, international gebe es bei Straßenzeitungen daher Überlegungen für Konzepte zum bargeldlosen Bezahlen. Doch die Hürden dafür sind hoch.

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Thomas Eichler vom “Asphalt” in Hannover sagt, die Anschaffung entsprechender Hardware sei für das Magazin zu teuer. Außerdem hätten die meisten Verkäufer nicht einmal ein Konto. 

Obdachlosen-Zeitungen bieten soziales Netz

Ein Verschwinden der Straßenzeitungen wäre für die Obdachlosen auch deshalb ein schwerer Schlag, weil die Magazine vielerorts ein ganzes soziales Netz aufgebaut haben. Die Verkäufer sind nur dessen sichtbarstes Element.

► In München können sich Obdachlose durch den Verkauf einer bestimmten Stückzahl von Magazinen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz schaffen – oft ein erster Schritt aus der Obdachlosigkeit.

Die Münchner “Biss” hat nach Angaben der “Süddeutschen Zeitung” auch ein Wohnprojekt für ihre Verkäufer geschaffen, die auf dem regulären Mietmarkt keine Chance hätten.

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► Der Nürnberger “Straßenkreuzer” bietet seinen Verkäufern an, soziale Stadtführungen auf Honorarbasis zu leiten. Dazu hat der Verein eine Fortbildungsreihe für Obdachlose entwickelt.

► In Hannover engagiert sich das “Asphalt”-Magazin in Schulen. “Seit elf Jahren besuchen wir immer wieder Schulklassen”, sagte Thomas Eichler der HuffPost: “Dabei klären Verkäufer über Drogen, Armut und soziale Isolation auf. Zum Beispiel, was heißt es, in Hartz IV abzurutschen.”

Kleine Zeitungen, große Effekte

Straßenzeitungen haben in den letzten Jahrzehnten viel geleistet: Sie haben größere Sozialprojekte vorangetrieben. Und kleine Begegnungen zwischen Menschen ermöglicht.

Dinge, die das Leben ein bisschen besser machen. 

Ob es das in Zukunft auch noch geben wird, hängt nicht nur vom Angebot der Verkäufer ab. Sondern auch davon, ob sich die Menschen auf diesen Austausch noch einlassen wollen.

(ll)