POLITIK
07/03/2018 09:54 CET

Das unwürdige Leben von obdachlosen Frauen in deutschen Städten

Viele werden Opfer von Misshandlung und Vergewaltigung – nicht nur auf der Straße.

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Obdachlose in einer Unterführung. Der Frauenanteil unter Menschen ohne feste Wohnung liegt mittlerweile bei knapp einem Drittel. 
  • In den Städten fehlen Hilfseinrichtungen für obdachlose Frauen
  • Die Betroffenen drängt das in prekäre Abhängigkeitsverhältnisse

Jetzt, da die arktische Kälte in Deutschland vorüber ist, geraten sie wieder aus dem Blick der Öffentlichkeit: Obdachlose ringen im Winter mit eisigen Temperaturen, mit Anbruch des Frühlings aber kämpfen sie gegen das Vergessenwerden.

Dabei leben mehr und mehr Menschen in Deutschland ohne Wohnung: Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAGW) sind es derzeit 860.000 Menschen – ein Anstieg um 150 Prozent seit 2014. In diesem Jahr soll die Zahl um weitere 40 Prozent auf 1,2 Millionen anwachsen.

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Als Gründe dafür gelten europäische Wanderungsbewegungen, fehlende Armutsbekämpfung und eine verfehlte Wohnungspolitik, die über Jahre zu wenig für den sozialen Wohnungsbau getan hat.

Fast ein Drittel der Obdachlosen sind Frauen

Auffällig ist: Unter diesen Vergessenen steigt die Anzahl von Frauen. Sie sind zwar unter den Menschen ohne feste Bleibe noch immer in der Minderheit, doch das Stereotyp vom Obdachlosen als rauschebärtiger, alleinstehender Mann entspricht längst nicht mehr der Realität.

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Eine Obdachlose in Berlin.

Nach Angaben der BAGW ist der Frauenanteil unter Wohnungslosen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und beträgt derzeit knapp ein Drittel.

Flucht vor Gewalt

Wie Anne Rossenbach vom Sozialdienst katholischer Frauen in Köln der HuffPost sagt, geraten Frauen oft in die Obdachlosigkeit, wenn ihnen aufgrund einer Trennung oder eines Schicksalsschlags der Boden unter den Füßen weggerissen worden sei.

Ältere könnten manchmal ihre Angelegenheiten nicht mehr allein regeln und hätten niemanden, der ihnen helfen könne. In vielen Fällen sei aber auch die Flucht aus dem eigenen Zuhause der Grund, warum Frauen obdachlos werden, sagt Rossenbach:

“Oft ist häusliche Gewalt eine Ursache für Wohnungslosigkeit, weil es einfach unmöglich war, in der gemeinsamen Wohnung zu bleiben.”

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Trotzdem sind Frauen seltener auf der Straße zu sehen. Denn eher als Männer versuchen sie, ihre Lage so gut und so lange es geht, geheim zu halten.

Auf der Suche nach einem geschützten Platz, an dem sie schlafen und sich und ihre Kleidung waschen können, gehen sie oft Zweckbeziehungen ein, in denen sie dann gezwungen werden, sich zu prostituieren.

Sex gegen Schlafplatz

Holger Brandenburg kennt das Problem seit Langem. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Unsichtbar e.V., der sich für Obdachlose einsetzt. Wie er der HuffPost sagt, werden obdachlose Frauen häufig Opfer einer besonders perfiden Strategie:

Ihnen werde ein Zimmer angeboten für gewisse Gegenleistungen. “Da heißt es dann, ein warmer Platz gegen Sex. Den gibt es dann aber nicht. Stattdessen werden sie schamlos ausgenutzt – von Menschen, die sich die Not anderer zu Nutze machen.”

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Angezeigt würden solche Fälle praktisch nie. Denn meist schämten sich die Opfer zu sehr und hätten Angst, dass man ihnen ohnehin nicht glaube.

Vergewaltigung auf der Straße

Auch zu Misshandlungen und Vergewaltigungen obdachloser Frauen auf der Straße gibt es keine Statistik, denn die meisten Delikte werden nicht angezeigt, kommen nie an die Öffentlichkeit. Berichtet wird in der Regel nur über die wenigen, bekannt gewordenen Fälle:

► So wurde etwa im November im niedersächsischen Delmenhorst eine 51-jährige Obdachlose zu Tode misshandelt. Die Leiche der Frau war auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs der Stadt liegen gelassen worden.

► Im Dezember 2016 wurde eine Münchner Obdachlose im Vorraum einer Bank vergewaltigt. Zufällig vorbeikommende Kunden waren der regungslos am Boden liegenden 53-Jährigen zu Hilfe gekommen. 

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Eine Frau bettelt auf der Straße in Köln.

► Im April berichtete Angelika Krüger der “Süddeutschen Zeitung” (“SZ”) von ihren Erlebnissen auf der Straße. Drei Jahre lang war sie obdachlos, ihr Schlafplatz war am Hauptbahnhof Kassel. Eines Nachts, erzählt sie der “SZ”, sei sie von einer ganzen Gruppe Jugendlicher vergewaltigt worden:

“Die haben geglaubt, sie können das einfach mit mir machen, weil ich obdachlos bin. Nichts wert.”

► Die 22-jährige Lena erzählte im Dezember der “Hannoverschen Allgemeinen” (“HAZ”): “Ich hatte immer Angst.“ Gleich am zweiten Tag auf der Straße sei sie nur sehr knapp einer Vergewaltigung entgangen. Damals sei sie erst zwölf gewesen. 

Beinahe jede Frau auf der Straße hat Erfahrungen mit derartigen Übergriffen. Nach Angaben des Vereins Nothilfe Mensch e.V. haben neun von zehn obdachlosen Frauen bereits sexuelle Gewalt erlebt.

Gemischte Unterkünfte bieten wenig Schutz

Zwar stehen rein rechnerisch in den meisten Städten genug Schlafplätze zur Verfügung, sodass niemand auf der Straße übernachten müsste. Doch wie Werena Rosenke, Sprecherin der BAGW, der “Welt” sagte, würden Frauen auch in den gemischten Unterkünften Opfer von Übergriffen.

Beate Vetter-Gorowitz vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Berlin sagt der HuffPost, viele Frauen hätten so viel Angst vor den Männern in den Unterkünften, dass sie erst gar nicht dorthin gingen. “Da fehlt die Vertrauensbasis.”

► Wie das Nachrichtenportal “Der Westen” berichtet, muss sich derzeit ein Obdachloser aus Bottrop vor dem Essener Landgericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, eine Frau mehrfach zum Sex gezwungen zu haben, mit der er damals in der gleichen Unterkunft gelebt hatte.

Den Frauen droht also von allen Seiten Gefahr: Auf der Straße, in den klassischen Unterkünften, von Wohnungslosen und Passanten.

Zu wenig Plätze in Frauenunterkünften

Eine Lösung sind Unterkünfte speziell für Frauen. Doch die Zahl der Plätze steht in keinem Verhältnis zur Anzahl weiblicher Obdachloser.

► Vor allem in der Hauptstadt ist die Lage dramatisch. Wie die “Berliner Zeitung” (“BZ”) unter Berufung auf den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) berichtet, gibt es dort bis zu 3000 Frauen unter den Obdachlosen.

Dem gegenüber stünden neben einigen getrennten Schlafsälen in gemischten Unterkünften gerade einmal 54 Schlafplätze in Einrichtungen speziell für Frauen. Und davon ist fast die Hälfte von Schließung bedroht, weil der Vermieter den Vertrag gekündigt hat.

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Wie die Leiterin des Frauen-“Obdach”, Natalie Kulik, der “BZ” sagte, gibt es Probleme, neue Räume zu mieten. Der Grund dafür seien nicht nur überteuerte Preise, sondern auch die Vorbehalte der Vermieter: “Die denken an Verwahrlosung und Drogen. Dabei suchen die meisten Frauen bloß Schutz.“

Auch Hilfe von den Behörden zu bekommen, kann schwierig sein. Der SkF Berlin hat eine Einrichtung für Frauen seit 20 Jahren nur mit Spenden finanziert. Viele Anträge auf Unterstützung seien erfolglos geblieben, sagt Geschäftsführerin Rita Brandt der HuffPost.

Für eine weitere Not-Übernachtungsstelle dagegen gibt es seit zwei Jahren Geld. Das Interesse der Stadt scheint also geweckt.

Ähnlich sieht es in anderen deutschen Großstädten aus: Die Behörden reagieren, aber der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt:

► In Köln gibt es laut SkF etwa 5000 Obdachlose, ein Viertel davon Frauen. Erst kurz vor Weihnachten hat eine neue Unterkunft eröffnet, mit 25 Plätzen.

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► In München hat sich die Zahl der Wohnungslosen seit 2011 auf rund 9000 verdreifacht. Etwa 2200 davon sind Frauen. Die Stadt bietet zusammen mit verschiedenen Trägern ein differenziertes Hilfesystem für Frauen, Familien und Mütter mit Kindern.

Michaela Rehle / Reuters
München: reiche Stadt, arme Menschen.

Das Problem in der bayerischen Hauptstadt sind die extrem hohen Mieten. Wie die Leiterin des Frauenobdachs “Karla 51”, Isabel Schmidhuber, der HuffPost sagt, steht das Hilfesystem deshalb kurz vor dem Zusammenbruch:

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“Die Einrichtungen können ihre Frauen mangels Wohnungen nicht weitervermitteln, es entsteht ein Rückstau, nur wenige neue Frauen können aufgenommen werden.”

► Die Stadt Hamburg sieht scheinbar keinen Handlungsbedarf bei dem Thema. Die Verantwortlichen wissen nicht einmal, wie viele Obdachlose es überhaupt gibt, die letzte offizielle Erhebung stammt von 2009. Sozialverbände gehen aber laut “Hamburger Morgenpost” von etwa 2000 bis 2500 Menschen aus.

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Marcel Schweizer von der Hamburger Sozialbehörde sagte der HuffPost, man gehe von einem Frauenanteil von konstanten zehn Prozent aus. Ein Anstieg könne im Winternotprogramm nicht verzeichnet werden.

Doch genau das könnte eine fatale Fehleinschätzung sein.

Denn die Betroffenen trauen sich eben oft nicht in die Einrichtungen – aus Angst, dort nicht sicher zu sein. Die Zahlen aus dem Notprogramm sind also trügerisch; der größte Teil bleibt, von Außenstehenden meist nicht zu erkennen, weiterhin in versteckter Obdachlosigkeit.