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20/03/2018 10:57 CET | Aktualisiert 20/03/2018 10:57 CET

USA: Sexueller Missbrauch von obdachlosen Frauen ist Normalität

Wenn eine obdachlose Frau etwas erzählt, hört keiner zu.

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Obdachlose Frauen sind nirgendwo sicher.

Wie viele Frauen fühle auch ich mich von der “Me-Too-Bewegung” ermutigt. Denn diese Bewegung hat viele Fälle von sexuellem Missbrauch und sexueller Belästigung ans Licht gebracht. Und sie hat in mir den Wunsch geweckt, mich noch mehr dafür einzusetzen, dass auch diejenigen ihre Geschichten erzählen können, denen noch immer niemand zuhört ― und damit meine ich vor allem Frauen, die auf der Straße leben.

Ich bin Soziologin und forsche hauptsächlich im Bereich Lebensmittelknappheit. Deshalb treffe ich mich auch regelmäßig mit Frauen, die kein Zuhause haben.

Unsere ursprünglichen Gespräche über Ernährung entwickeln sich oft in eine völlig andere Richtung. Die Frauen wollen darüber sprechen, wie unsicher sie sich hier auf der Welt fühlen.

Sie erzählen mir, dass sie nicht zu bestimmten Essensausgabestellen gehen, weil sie befürchten, dass sie dort belästigt werden könnten ―  oder weil sie dort bereits schon einmal Opfer von sexueller Belästigung geworden sind.

Die Öffentlichkeit beschäftigt sich nicht mit dem Problem von sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch im Zusammenhang mit Lebensmittelknappheit.

Obdachlose Frauen sind nirgendwo sicher

Auch beim Thema Obdachlosigkeit wird dieser Aspekt ausgeblendet. Und dennoch weiß ich aus Erzählungen, aus eigener Erfahrung und sogar aus Studien, dass obdachlose Frauen nirgendwo sicher sind.

Ich habe einmal mitbekommen, wie ein Mann eine Frau direkt vor der Tür einer Essensausgabestelle für Bedürftige so lange verbal attackiert hat, bis sie anfing zu weinen.

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Ein paar Leute versuchten dazwischen zu gehen. Doch der Mann brüllte weiter herum, dass man der Frau verbieten sollte, das Gebäude zu betreten. Denn er meinte: “Du bist ja schon so dick ― brauchst du dieses Essen wirklich?”

Das Ganze passierte vor acht Monaten. Die Frau hat mir erzählt, dass sie seitdem nicht mehr zu dieser Essensausgabestelle gegangen ist.

Ich habe mich auch noch mit einer anderen jungen Frau unterhalten. Sie hat mir erzählt, dass sie nicht mehr zu bestimmten Suppenküchen geht, weil sie genau weiß, dass sie dort von den Männern angebaggert wird.

Das beginnt, sobald sie durch die Tür tritt und hört erst auf, wenn sie wieder geht. Die junge Frau lebte damals in ihrem Auto.

Sie erzählte mir, dass sie manchmal lieber eine Tüte Chips zum Abendessen aß, als irgendwo hinzugehen und sich eine kostenlose Mahlzeit zu besorgen, weil sie sich nicht mit den Männern auseinandersetzen wollte, die sie belästigten.

 

Ich wurde von einem Mann verfolgt

Eine junge Frau, die in einer Obdachlosenunterkunft wohnt, erzählte mir, dass sie nirgendwo allein hingeht. Denn die Männer wissen, dass sie obdachlos ist. Sie gehen deshalb davon aus, dass sie auch bereit ist, für Geld Sex zu haben und behandeln sie dementsprechend schlecht.

Auch ich selbst habe Belästigungen dieser Art erfahren. In all den Wochen, in denen ich zu einer bestimmten Lebensmittelausgabestelle ging, wurde ich von einem Mann verfolgt. Er baggerte mich immer wieder an, obwohl ich mich permanent dagegen wehrte.

Ein paar Monate später versuchte ein anderer Mann, mich auf den Mund zu küssen. Als ich ihm sagte, dass ich nicht angefasst werden wollte, antwortete er mir: “Du bist doch eine Frau ― du solltest das eigentlich mögen.”

Erst vor kurzem hat mir eine Frau erzählt, dass ihre Freundin vergewaltigt wurde, als sie unter der Woche um 20 Uhr an deiner Bushaltestelle stand. Die beiden Frauen sind momentan obdachlos. Sie sagten mir, dass der Täter ständig Frauen wie ihnen auflauerte.

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Nach Angaben der Frau, mit der ich gesprochen habe, schlug der Mann ihrer Freundin mit der Faust ins Gesicht. Dann bog er ihr die Hände auf den Rücken und schleifte sie zu einem verlassenen Parkplatz in der Nähe. Dort vergewaltigte er sie.

Obdachlose sind stark stigmatisiert

Die Frau, die mir diese Geschichte erzählt hat, erklärte mir auch, dass das Opfer später einen Polizisten über die Vergewaltigung informiert hatte. Wie die Frau mir erzählte, hatte der Polizist dem Opfer gesagt, dass er nichts für sie tun könne und dass sie stattdessen bei der Notrufzentrale anrufen solle.

Die Frau brach in Tränen aus, als sie mir dies alles erzählte. Sie glaubt, den Vergewaltiger zu kennen. Und sie hat Angst, dass sie die Nächste sein könnte.

Wie diese Frau mir außerdem erzählte, vermutet sie, dass der Polizist ihre Freundin nur deshalb abgewimmelt habe, weil er wusste, dass sie obdachlos ist. Und auch mir erscheint diese Vermutung äußerst plausibel.

Obdachlose Menschen sind vermutlich die am stärksten stigmatisierte Personengruppe überhaupt. Und oft sehen Obdachlose die Polizei eher als Bedrohung an als eine Anlaufstelle, bei der sie Hilfe finden könnten. Denn Polizisten werden oft damit beauftragt, “die Straßen zu säubern.”

Ich habe daraufhin die örtliche Polizeidienststelle kontaktiert. Ich wollte versuchen, die Meldung über die Vergewaltigung zu bestätigen und ich wollte die Polizei darüber informieren, was ich von den Obdachlosen erfahren hatte.

Ich wurde ich an die Notrufzentrale weitergeleitet. Man sagte mir, das ein Polizeibeamter mich innerhalb der nächsten 30 Minuten zurückrufen würde. Und das tat er dann auch.

Die Frauen haben Angst vor der Polizei

Er sagte mir, dass man ohne offizielle Anzeige des Opfers nicht besonders viel tun könne. Ich versuchte ihm zu erklären, dass die Frauen, mit denen ich mich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit unterhielt, oft Angst vor der Polizei hatten. Und ich sagte ihm, dass ich gehört hatte, dass dies ein wesentliches Problem von obdachlosen Frauen sei ― und kein Einzelfall.

Der Polizeibeamte erklärte mir, dass er ein Auge darauf haben werde. Dass er ohne den Namen des Opfers jedoch nicht wirklich viel tun könne. Und ich durfte ihm den Namen des Opfers nicht nennen. Schlußendlich erreichten wir also überhaupt nichts.

Diese Geschichten sind jedoch keine Ausnahmen. Für obdachlose Frauen sind sie die Regel.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass obdachlose Frauen permanent gefährdet sind, Opfer von sexueller Gewalt und Belästigung zu werden.

Im Jahr 2005 fanden Wissenschaftler aus Florida in einer Umfrage mit 737 obdachlosen Frauen heraus, dass 78 Prozent der befragten Frauen angaben, dass sie in ihrem Leben bereits mindestens einmal vergewaltigt, körperlich angegriffen und/oder verfolgt worden waren.

Diese Zahlen sind im Vergleich mit dem nationalen Durchschnitt überproportional hoch.

Die allgemeine Öffentlichkeit weiß nichts darüber

Doch wenn ich diese Problematik bei Freunden, Familienmitgliedern oder sogar bei anderen Wissenschaftlern anspreche, lautet ihre Antwort immer nur: “Darüber habe ich noch nie nachgedacht.”

Die allgemeine Öffentlichkeit liest keine Studien über obdachlose Menschen. Und die Mainstream-Medien berichten nicht über das Thema. Wenn ich doch nur jedes Mal eine Münze bekommen würde, wenn ich mitbekomme, dass jemand seinen Blick von einem Menschen abwendet, der auf der Straße lebt.

Denn dann könnte ich es mir wahrscheinlich leisten, die erschwinglichen Wohnungen zu bauen, die in vielen amerikanischen Städten dringend benötigt werden.

Wenn ich am Ende des Tages mit meiner Arbeit fertig bin, nachdem ich mir all diese Geschichten angehört habe, dann setze ich mich ins Auto und fahre nach Hause. Und dann fühlt sich mein Herz so an, als würde es gleich explodieren.

Ich gehe zu diesen Essensausgabestellen für Bedürftige, weil ich mir das selbst so ausgesucht habe. Nicht, weil ich es tun müsste. Ich muss nie wieder dorthin zurückkehren, wenn ich das nicht möchte.

Doch wohin sollen diese Frauen gehen?

Es gibt in den USA keine einzige Gruppe an Frauen, die frei von der Tatsache wäre, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, die die Existenz von Frauen abwertet.

Es gibt nur einen einzigen Unterschied zwischen den obdachlosen Frauen, mit denen ich mich regelmäßig unterhalte, und den Frauen, die jetzt mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gehen und die dort auch Gehör finden: Wenn eine obdachlose Frau etwas erzählt, hört keiner zu.

Wie wir das Problem bekämpfen können

Die Polizei muss sich unbedingt darum kümmern, ein besseres Verhältnis zu obdachlosen Frauen aufzubauen. Anzeigen wegen Übergriffen und Belästigungen müssen ernst genommen werden. Und zwar unabhängig davon, ob das Opfer über einen festen Wohnsitz verfügt oder nicht.

Frauen, die Opfer eines Übergriffs geworden sind, fällt es meist auch leichter, mit einer weiblichen Polizeibeamtin zu sprechen. 

Und wir als Gesellschaft sollten auch Gesetze in Frage stellen, die Obdachlosigkeit unter Strafe stellen. Denn solche Gesetze verstärken das Misstrauensverhältnis zwischen der Polizei und obdachlosen Menschen noch mehr.

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Obdachlose Frauen leben ohnehin bereits am Rande unserer Gesellschaft. Sie stehen am Rande der #MeToo-Bewegung. Und sie befinden sich im hintersten Winkel unserer Köpfe. Das Allermindeste, was wir tun können, ist es, anzuerkennen, wie die Realität dieser Frauen wirklich ausschaut.

Mari Kate Mycek ist Doktorandin an der Fakultät für Soziologie der North Carolina State University. In ihrer Forschungsarbeit konzentriert sie sich auf die Schnittstellen zwischen Nahrung, Ungleichheit und Gemeinwesenarbeit.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.