POLITIK
18/12/2017 14:51 CET | Aktualisiert 19/12/2017 16:18 CET

Was sich arme Menschen auf Deutschlands Straßen zu Weihnachten wünschen

Wir haben 5 Menschen gefragt, warum sie über die Feiertage auf der Straße um Geld bitten. Ihre Antworten machen deutlich, worum es an Weihnachten eigentlich geht.

  • Weihnachten ist auch das Fest der teuren Geschenke, dabei wünschen sich viele nichts weiter als etwas zu Essen und ein Zuhause

  • Wir waren in München unterwegs und haben versucht, herauszufinden, warum diese Menschen über die Feiertage auf der Straße sitzen

  • Oben im Video: Frau hat mitten in der Nacht eine Autopanne - dann schenkt ihr ein Obdachloser sein letztes Geld

Die Wirtschaft brummt, Deutschland geht es gut. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Zahl der Obdachlosen steigt, die Armutsquote ist nach wie vor hoch.

Mehr zum Thema:  Trotz boomender Wirtschaft in Deutschland: Immer mehr Berufstätigen droht die Armut

Wir waren in einer der reichsten und teuersten Großstädte Deutschlands unterwegs und haben mit Menschen gesprochen, die nicht viel weniger besitzen als das, was sie am Körper tragen.Im Dezember. Bei Minus 3 Grad.

Mit ihnen haben wir darüber gesprochen, wie sie Weihnachten verbringen.  warum diese Menschen auf der Straße sitzen. Das sind ihre Antworten.

Alexandru*, Straßenmusiker aus Rumänien

Julius Zimmer

“Ich bin schon viele Jahre Straßenmusiker. In den Sommermonaten spiele ich in Rumänien, meiner Heimat, aber im Winter lässt sich dort kaum Geld verdienen. Zumindest nicht genug, um meine Familie zu versorgen. Also bin ich dieses Jahr mit dem Bus nach Deutschland gekommen.

Zuerst habe ich mein Glück in Berlin versucht. Doch wegen dem Terroranschlag auf dem Breidscheidtplatz im letzten Jahr herrscht dort eine riesige Polizeipräsenz. Sie verscheuchten mich immer wieder. Ein Bekannter meinte, ich solle nach München gehen. Seit einem Monat bin ich jetzt hier und spiele für einige Euros am Tag.

Es läuft nicht so wie ich mir das vorgestellt habe. Aktuell versuche ich die 120 Euro für den Bus nach Rumänien zusammenzubekommen, um an Weihnachten wieder bei meiner Familie zu sein.”

Tibor Adamec, BISS-Zeitungsverkäufer aus München

Julius Zimmer

“Das ist inzwischen mein 25. Weihnachtsfest, seit ich angefangen habe, die Obdachlosenzeitung “BISS” auf der Straße zu verkaufen. Mit meinen 81 Jahren bin ich der älteste Verkäufer der Münchner Zeitung “Bürger in sozialen Schwierigkeiten”.

Ohne meine Arbeit für die “BISS” könnte ich überhaupt nicht überleben. Meine Rente beträgt ungefähr 125 Euro im Monat. Bis ich angefangen habe, als Zeitungsverkäufer zu arbeiten, war ich immer selbstständig und habe nur wenig in die Rentenkasse eingezahlt.

In den 1960er Jahren habe ich beim Militär in der ehemaligen Tschechoslowakei gedient, bis ich dort irgendwann abgehauen bin. Ich beging Fahnenflucht und verlor so meine Staatsangehörigkeit. Das ist inzwischen mehr als 50 Jahre her.

In Deutschland hat man mir Asyl gewährt und inzwischen habe ich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Wählen darf ich trotzdem nicht, denn auf dem Papier bin ich staatenlos.

Für meine Arbeit bei der “BISS” bin ich extrem dankbar. Sie sichert mir meine Existenz. Aufhören werde ich hier wohl erst, wenn ich dabei irgendwann mal umfalle.”

Lazlo*, Bauarbeiter aus Ungarn 

Julius Zimmer

“Wie viele andere Menschen bin ich für Arbeit nach Deutschland gekommen. Das ist jetzt knapp drei Monate her. Ich habe auf einer Baustelle in Hamburg gearbeitet und Fließen verlegt. Im ersten Monat zahlte man mich noch aus, doch nach dem zweiten hieß es plötzlich: “Du bekommst nichts mehr, geh!”. Was hätte ich tun sollen? Zur Polizei gehen?

 Auf dem Weg zurück nach Budapest ist mir das Geld ausgegangen. Ich hatte ja fest mit einem zweiten Monatsgehalt gerechnet. So strandete ich in München. Ich will hier eigentlich nur weg und zurück nach Hause, aber ich habe kein Geld für das Zugticket.

Deswegen sitze ich hier mit meiner Hündin Sissi und bitte die Menschen um eine Spende. Es fällt mir schwer, etwas zu sparen, weil ich ja auch etwas essen und trinken muss. An einem guten Tag mache ich vielleicht 20 Euro, die Hälfte geht für Essen für meine Hündin und mich drauf. Ich hoffe, dass ich das Geld für das Ticket in den nächsten zwei Wochen zusammen habe und bis Weihnachten nach Hause fahren kann.” 

Tim*, Arbeitsloser aus München

Julius Zimmer

“Wieso ich auf der Straße sitze? Weil ich meinen kranken Vater gepflegt habe, bis er verstorben ist. Da hatte ich keine Zeit, einen richtigen Job zu suchen. Das war mein Fulltime-Job. Vom Staat habe ich dafür kaum Unterstützung erhalten und so stand ich so gut wie ohne Geld da, als mein Vater starb.

Die 700 Euro Miete für meine Wohnung konnte ich nicht mehr aufbringen. Irgendwann wurde es meinem Vermieter zu bunt und er setzte mich auf die Straße. Das ist jetzt drei Monate her.

Ohne Wohnsitz ist man in Deutschland komplett aufgeschmissen. Hartz-IV kann man nur mit einer Wohnadresse beantragen und eine Wohnung bekommt man nur mit einer festen Arbeitsstelle oder mit einem Nachweis über Hartz-IV - ein richtiger Teufelskreis.

Jetzt versuche ich mich im Winter auf Münchens Straßen durchzuschlagen. Ich schlafe in einer Flüchtlingsunterkunft in einer ehemaligen Kaserne. Das ist besser als draußen schlafen. Drei Bekannte von mir haben so schon Finger und Zehen verloren.

Du pennst einmal draußen ein und wachst mit höllischen Schmerzen auf. Das will ich mir ersparen. Ich bin ja gerade mal 31 und will schon noch was anfangen mit meinem Leben - auch wenn es gerade nicht rosig aussieht.

 5. Jakov*, Landschaftsgärtner aus der Slowakei

Julius Zimmer

“Zuhause in der Slowakei habe ich vier Kinder und sieben Enkelkinder. Ich bin stolzer Vater und Opa. Aber so eine Großfamilie zu ernähren ist nicht leicht. Als Landschaftsgärtner gibt es im Winter dort so gut wie keine Arbeit.

Deswegen bin ich nach Deutschland gekommen, ich dachte hier gäbe es mehr zu tun. Ein Irrtum. Wochenlang habe ich versucht, irgendwo zu arbeiten, aber das hat einfach nicht geklappt.

Für die Fahrt hierher habe ich meine letzten Ersparnisse verbrannt. Wie viele andere versuche ich jetzt, das Geld für die Heimfahrt zusammenzukratzen. Es ist verrückt, wie vielen das gleiche widerfährt. Aber ich glaube ich habe Glück. In ein einer Woche werde ich zurückfahren. Weihnachten ohne meine Liebsten, das kann ich mir nicht vorstellen.”

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Weihnachten in Armut: Morgen Kinder wird’s nix geben

Glühwein, Tannenbaumschmuck, Geschenke: Wer Weihnachten richtig feiern möchte, muss tief in die Tasche greifen. Besonders für ärmere Familien wird das besinnliche Fest so zu einem jährlichen Stresstest. In der HuffPost sprechen Hartz-IV-Bezieher, Obdachlose, Alleinerziehende und Sozialarbeiter davon, wie die Ärmsten der Ärmsten Weihnachten verbringen

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