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05/03/2018 16:43 CET | Aktualisiert 05/03/2018 16:43 CET

Ich bin obdachlos und gehe auf eine der teuersten Privatschulen der USA

Wenn ich das Gelände der Schule in Los Angeles betrete, reise ich in eine andere Welt.

Klaus Vedfelt via Getty Images
Yun Kang lebt mit ihrer Familie in einem Kleinwagen.

Fünf Uhr morgens. Der Handywecker klingelt. Der schrille Ton dringt in
jede noch so kleine Nische des Kleinwagens vor, in dem meine Familie ihr Zuhause hat.

Draußen ist es noch stockdunkel, aber wir sind schon spät dran. Wir haben noch genau zwei Stunden, um unseren Wagen umzuparken und uns zum Duschen in eines der öffentlichen Schwimmbäder zu schleichen.

Zwei Stunden, bevor ich den Bus nehme, um es rechtzeitig zur ersten Schulstunde zu schaffen.

Als Unterschlupf blieb uns nur der Familienwagen

Unter “Zuhause“ hatten wir uns eigentlich immer etwas anderes vorgestellt. Als wir vor einigen Jahren vom anderen Ende Kaliforniens nach Los Angeles zogen, wohnten wir zunächst sogar in einem gemütlichen, kleinen Stadthaus. Uns ging es gut.

Doch unser Glück währte nicht lange. Wenige Monate später verloren meine Eltern unerwartet ihre Jobs. Bevor ich überhaupt begriffen hatte, was mit uns geschah, hatte man uns bereits den Mietvertrag gekündigt. 

Unsere Wohnlage verdüsterte sich immer mehr. Am Ende blieb uns als Unterschlupf nur noch der eigene Familienwagen.

Die Schulgebühren betragen fast das Doppelte des Jahreseinkommens meiner Eltern

Wann immer ich aus dem Bus steige und das Gelände meiner Schule betrete, kommt es mir vor, als wäre ich in eine komplett andere Welt gereist.

Meine Mitschüler tragen ausschließlich Designerkleidung, von ihren Armen baumeln Handtaschen, die man sonst nur aus Hochglanzmagazinen kennt. Manche der Eltern fahren in Limousinen vor, die mehr gekostet haben dürften als manche Häuser in meiner alten Wohngegend.

Die Schulgebühren betragen fast das Doppelte des kombinierten Jahreseinkommens meiner Eltern. Die extravagante Lässigkeit, mit der Reichtum hier zur Schau gestellt wird, raubt einem fast den Atem.

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Als meine Familie sich damals zum Umzug entschloss, hatte ich zunächst keine Ahnung, dass ich an eine Privatschule gehen würde.

Ich bekam ein Stipendium

Der erste Tag an meiner neuen staatlichen Schule in Los Angeles hatte mich sehr enttäuscht. Deshalb begann ich, mich nach Alternativen umzusehen.

Ich stellte fest dass viele der Privatschulen großzügige Stipendienpakete anboten. Ich bewarb mich – und wurde angenommen. An der teuersten Schule der Stadt. 

Ich führe ein glamouröses Doppelleben. Mit dem Läuten der Schulglocke findet mein Fantasiedasein als Beverly-Hills-Prominente jedoch jeden Tag auf Neue ein abruptes Ende.

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Das Cinderella-Märchen endet am Schultor, und dann wird es Zeit, “nach Hause“ zu fahren, zu einem dunklen Parkplatz, auf dem ein verbeulter Kleinwagen steht, in dem es ein wenig komisch riecht.

Ich musste mich lange an meine neue Schule gewöhnen. Heute bin ich vom
Reichtum meiner Klassenkameraden kaum noch schockiert und Treffen mit Promi-Eltern bringen mich auch nicht mehr aus der Fassung.

Ich gehöre nicht dazu

Ich habe mich damit abgefunden, dass sich mein Leben manchmal wie
ein Dreh der Serie “Gossip Girl” anfühlt. Aber dennoch bleibe ich anders. Ich werde jeden Tag daran erinnert, dass ich eigentlich nicht dazugehöre.

Zum Beispiel beim Mittagessen, wenn meine Freunde einen Salat für 20
Dollar bestellen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.

Oder vor unseren Unterrichtsstunden, wenn sie sich über überteuerte Fruchtsäfte austauschen, oder darüber diskutieren, welcher Fitness-Trainer die besten wöchentlichen Spinning-Kurse anbietet.

Meine Andersartigkeit fällt mir auch dann auf, wenn ich meine Freunde besuche, und feststelle, dass sogar die Gästehäuser ihrer Anwesen grösser und luxuriöser sind als jedes Haus, das ich jemals bewohnt habe.

Es passiert mir oft, dass ich die einzige Nicht-Weiße im Klassenzimmer bin

Besonders schwierig ist aber der Blick in den Spiegel. Denn ich bin im Gegensatz zu der Mehrheit meiner Schulkameraden nicht weiß. 

Die Schülerschaft meiner alte Schule war ausgesprochen vielfältig und von Einwandererkindern aus der ganzen Welt geprägt. Im Gegensatz dazu ist es mir an meiner Privatschule schon unzählige Male passiert, dass ich als einzige Nicht-Weiße in einem Klassenzimmer saß.

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Es überrascht mich nicht, wenn weiße Mitschüler der oberen Jahrgänge sich beim Eintrudeln der Aufnahmebescheide für die Eliteuniversitäten über die an diesen Universitäten gängigen politischen Förderungsmaßnahmen für ethnische Minderheiten beschweren.

An meiner alten Schule gab es niemanden, der sich an einer Eliteuniversität oder an einem privaten College beworben hätte. Die Schüler arbeiteten meist hart daran, die finanziellen Aufopferungen ihrer Einwanderereltern irgendwann einmal begleichen zu können.

Auch die Privilegien haben ihre Grenzen

Aber das allerwichtigste ist, dass meine Klassenkameraden ein Sicherheitsnetz im Rücken haben, das sie auffängt, wann immer sie einen Fehler machen.

Als einer meiner Mitschüler einmal mit soviel Kokain und Beruhigungsmitteln im Rucksack erwischt wurde, dass er dafür hätte verhaftet werden können, brauchte es nicht mehr als einen großzügigen Scheck seiner Eltern, um seinen Eintrag im Schulbuch verschwinden zu lassen und ihm seine Freiheit zu erkaufen.

Aber auch Privilegien haben ihre Grenzen. Viele meiner reichen Freunde mussten sehr viel schneller erwachsen werden als ihre Altersgenossen aus normalen Verhältnissen.

Chaotische Scheidungsschlachten, ständige Abwesenheit der Eltern und gleichgültige Kindermädchen zwangen viele von ihnen schon früh dazu, unabhängig zu sein, ohne sich dabei auf die Unterstützung einer funktionierenden Familie hätten verlassen können.

Manchmal verweigern meine Freundinnen tagelang das Essen

Sogar die üblichen Probleme, die Teenager mit dem eigenen Körper haben, wurden durch das Umfeld meiner Freunde noch weiter verschlimmert. Wenn Mütter sich mit den neuesten Diättrends gegenseitig in den Wahnsinn treiben, wirkt sich das auch auf ihre Kinder im Teenageralter aus.

Manchmal verweigern meine Freundinnen tagelang das Essen oder sie rauchen Zigaretten, um ihr Hungergefühl zu betäuben und die unerreichbaren Schönheitsideale Hollywoods erfüllen zu können.

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Aber unabhängig davon, wie befremdlich ich es manchmal finde, als Obdachlose durch die noblen Hallen der teuersten Privatschule in Los Angeles zu wandeln, bin ich trotzdem sehr dankbar für die vielen Möglichkeiten, die mein Stipendium mir eröffnet hat.

Die meisten meiner Lehrer haben Doktortitel in ihren Fächern, sie unterrichten leidenschaftlich gerne und unterstützen auch über den Unterricht hinaus tatkräftig die akademischen Ambitionen ihrer Schüler. 

Es hat mich zu einem aufgeschlosseneren Menschen gemacht

Obwohl ich mit meinen Mitschülern über meine finanzielle Lage nie viel
gesprochen habe, bin ich ihnen gegenüber doch immer offen und ehrlich gewesen. Meine engsten Freunde kennen die Geschichte meiner Familie, und obwohl sie meine Lage wohl nie wirklich ganz nachvollziehen werden können, haben sie mich bisher doch immer unterstützt.

So wie ich in den letzten Jahren viel über das Leben und die Probleme meiner reichen Mitschüler gelernt habe, haben meine Freunde durch das Zusammensein mit mir viel über ethnische Ungerechtigkeit und Einkommensungleichheit lernen können.

Als Obdachlose die teuerste Privatschule in Los Angeles zu besuchen, hat mich zu einem aufgeschlosseneren Menschen gemacht.

Denn unabhängig davon, wie unterschiedlich wir auch sein mögen, sind
wir trotzdem alle in der Lage, zwischenmenschliche Beziehungen
miteinander aufzubauen.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost US und wurde von Lukas Wahden aus dem Englischen übersetzt.