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06/03/2018 11:13 CET | Aktualisiert 06/03/2018 11:40 CET

Hamburger Künstlerin: Ich bin obdachlos und niemand sieht es

Ich kann auch ohne Wohnung und Geld glänzen.

Nicole Forster
Nicole Förster ist obdachlos, sieht aber trotzdem aus wie eine Grand Dame.

Ich bin obdachlos. Und bevor ihr nun denkt, ich wäre deswegen schmutzig und hätte auch sonst nicht viel vom Leben, solltet ihr meine Geschichte vom Dasein unter freiem Himmel lesen.

Alles begann damit, dass mir mein Vermieter vor fünf Jahren erklärte, er müsse die Wohnung verkaufen. Ich versprach, bald auszuziehen ­– nahm mir insgeheim allerdings vor, die Wohnung selbst zu kaufen.

Um es kurz zu machen: Es hat nicht geklappt. Ich bin Kunstmalerin, seit 20 Jahren erfolgreich, aber nicht reich.

Ich bin stolz auf mich

So bin ich ungeplant obdachlos geworden. Ich habe mich nie geschämt – bin eher stolz auf mich, denn ich kann auch ohne Wohnung und ohne Geld glänzen.

Auf meinem Weg gab es so einige Stationen: Ich wohnte in meinem Fiat 500 Cabriolet, in einem Zelt, einem Anhänger und schließlich wieder in einer normalen Wohnung.

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Ich verzichte absichtlich auf staatliche Gelder, weil ich mich so ganz auf meine Kunst konzentrieren kann, ohne mich vor den Ämtern rechtfertigen zu müssen.

Die öffentliche Toilette mit Blumen dekoriert

Ich fing an, Pfandflaschen zu sammeln – in Rüschenhemdchen und Samtröckchen. Oft spürte ich dabei die Blicke der Passanten. Wer mich auf der Straße sah, dachte wohl kaum, ich sei obdachlos. 

Ich duschte und pflegte mich genauso wie früher, als ich noch in einer Wohnung lebte. Ich wusch und bügelte meine Wäsche, putzte meine Schuhe, machte Sport und hatte Spaß daran, mich schick zu kleiden und meine Haare zu stylen.

Eine Zeit lang tat ich all das auf einer öffentlichen Toilette. Das klappte perfekt.

Da dieses WC mit zu meinem Lebensraum gehörte und ich ein Ästhetik liebender Mensch bin, schmückte ich es mit Blumen, die ich immer auf meinen “Flaschenzügen” fand. Ich sammelte kleine Schnapsflaschen als Vase und stellte so neben dem Spiegel und in den Kabinen immer ein schönes Bouquet auf.

Später jedoch lernte ich die Angebote der Wohnungsloseneinrichtungen in Hamburg zu schätzen.  

Dort konnte ich meine Wäsche waschen und flicken, duschen, mich mit Lebensmitteln eindecken, kochen oder günstig ein warmes Essen kaufen. Es gab sogar die Möglichkeit, Telefone und Computer zu nutzen und für wenig Geld zum Friseur zu gehen.

Ich ging oft ins Hotel Vier Jahreszeiten

So konnte ich mich durchaus im Hotel Vier Jahreszeiten sehen lassen.

Dort war ich tatsächlich auch oft, um in einer angemessen Umgebung meinen täglichen Schreibarbeiten nachzugehen. Ich ging auch ins Kino und ins Theater, ich ging tanzen und amüsierte mich – ohne viel Geld.

Nicole Forster
Ich ging oft ins Hotel Vier Jahreszeiten, um zu arbeiten.

Ich fühlte mich durch das Flaschensammeln niemals degradiert – wieso auch. Man beseitigt Müll, tut nicht nur was für die Umwelt, sondern hält auch noch den Körper fit. Auf mein übliches Walking konnte ich in dieser Zeit verzichten. Ich lief circa 20 Kilometer pro Tag.

Außerdem war ich überrascht, was man in Müllbehältern alles finden kann - von  perfekten, edelsten Lebensmitteln über funkelnagelneue Handtaschen und Schuhen bis hin zu tadellosen Wasserkochern.

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Jeden Tag sparte ich 50 Cent von meinem Flaschengeld und legte mir mehrere Spardepots an – für nützliche Dinge und für Vergnügungen. So konnte ich mir schließlich ein Tablet und Smartphone leisten. 

Schließlich musste ich das Auto aufgeben

Nachdem mein Auto ziemlich lange ohne TÜV, ohne Zulassung und mit vielen zugedrückten Augen noch immer auf öffentlicher Straße stand, musste ich dann schließlich doch von der Straße runter.

Zunächst schlief ich nur auf meiner Isomatte direkt auf dem Parkplatz, auf dem zuvor mein Auto stand. Wenig später schenkten mir liebe Menschen ein Zelt. Da es nicht erlaubt ist, auf einem öffentlichen Parkplatz zu zelten, war diese Lösung jedoch nur zeitlich begrenzt.

Schließlich half mir ein Freund mit seinem Hänger – kein Wohnwagen, sondern einer zum Beladen und Transportieren. Darin schlief ich jede Nacht.

Ein Café ist mein Wohnzimmer

Ich hatte einen sehr geregelten Tagesablauf: Ich stand immer zur selben Uhrzeit auf, machte Sport und ging zu meiner Lieblingssuppenküche oder in eine örtliche soziale Einrichtung, um dort ehrenamtlich die Frauengruppe zu leiten.

Nicole Forster
Regelmäßig gehe ich zur Suppenküche.

An den Wochenenden und zu jeder anderen freien Minute saß und sitze ich heute noch in meinem Lieblingscafé an der Binnenalster, wo ich bei einem Kaffee oder Tee kostenlos ins Internet gehen oder auch mal das Handy oder Tablet aufladen kann. 

Das Café ist mein Wohn- und Arbeitszimmer. Hier mache ich es mir gemütlich und sogar Freunde besuchen mich dort.  

Die erste Nacht in einer Wohnung schlief ich schlecht

Doch die Nächte im Hänger sind mittlerweile vorüber. Im Januar hatte ich Besuch von der Polizei. Jemand habe sich um mich gesorgt, wurde mir gesagt. Ich wiederum machte mir Sorgen um den TÜV für den Hänger, denn der war wieder mal abgelaufen.

Ich bat meinen Freund also, seinen Hänger abzuholen. 

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Ich verlor erneut meinen Schlafplatz – und fand Zuflucht in der Wohnung einer Freundin. Doch das ist nur eine Übergangslösung. 

Nachdem ich jahrelang draußen geschlafen hatte, fand ich es in der ersten Nacht viel zu warm in der Wohnung. Die Luft war viel zu trocken und ich überlegte mir schon, ob ich nicht auf dem Balkon schlafen sollte.

Wie es weiter geht, steht deshalb noch in den Sternen. Sicher ist aber, dass ich weiter an meinem Ziel arbeite, reich zu werden – mit oder ohne Dach über dem Kopf.