BLOG
14/02/2018 13:42 CET | Aktualisiert 14/02/2018 13:42 CET

„Nur das Land ist ewig“

„Nur das Land ist ewig“. Welch wunderreiche Sentimentalität schafft sich Gehör in diesem Ausruf. Das Leben selbst dagegen: „Vom Winde verweht“. Die Tränen messen in Millionen Hektolitern. Wenigstens. Denn wer hätte sich je dem Zauber dieses Romans und seiner Verfilmung entziehen können?

Eine Scarlett O’Hara, die Tara verkauft?

In ihrem Südstaaten-Melodram hat Margaret Mitchell dem Thema „Real Estate“ ein Denkmal gesetzt. Ein zeitloses. Mit Tara, dem Gut der O’Haras, hat sie einen Wert an sich im kollektiven Unterbewussten der Cineasten verankert. Und nicht nur bei denen. Bis heute. Bis heute? Ja, bis heute. Was nämlich die Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs nicht vermochten, die Investoren des 21. Jahrhunderts machen’s möglich. Das Land wird ent-emotionalisiert, wird Handelsware. Zur „Asset Klasse“ degradiert. Verschoben von Eigentümer zu Eigentümer. Der unerbittlichen Beliebigkeit des globalen Kapitalmarktes preisgegeben. Eine Scarlett O’Hara, die Tara verkauft? Des schnöden Mammons wegen? Würde Franziskus den Petersdom verkaufen? Für ein paar Silberlinge? Oder Frau Merkel den Reichstag? Elisabeth den Buckingham-Palast?

Und dann und wann ein weißer Elefant

Warum nicht? Alles scheint möglich. Der 22-jährige Manager milliardenschwerer Immobilien-Fonds zieht dem 62jährigen Grand Seigneur des Lebens und der Flächen das Fell über die Ohren. Gewinnmaximierung. Im Dienste des Kapitals. Die sachlich rationale Kaltschnäuzigkeit der Jugend besiegt die mitunter in Ehren ergraute, mitunter aber auch in Unehren grauenvoll gewordene Würde des Alters. Honnit soit qui mal y pense. Die Hierarchie der Werte hat sich verkehrt. Wechsel der Paradigmen. Der Wert von Land : Nicht mehr unbegrenzt. Entgegen der augenfälligen Erfahrung von dessen natürlicher Begrenztheit. Keine Scholle ist beliebig multiplizierbar. Aber was dem Land besitzenden Bauern im Virginia Scarlett O’Haras alltägliche und schweißtreibende Erfahrung war, ist den global agierenden Heuschrecken im fortgeschrittenen Zeitalter des Kapitals außeralltäglich wurscht. Und kostet sie keinen einzigen Tropfen Schweiß. Geschweige denn Tränen. Oder Blut. Wenigstens Letzteres fließt nicht mehr mehr. Zumindest nicht in zivilisierten Breiten. Und zumindest nicht für oder wegen Land. Dafür danken wir den Fondsmanagern. Verbindlich verbindendes Kulturgut ist die friedliche Eroberung von Land freilich noch nicht geworden. Noch lange nicht. Jedenfalls nicht überall. Auch nicht in unseren Breiten. Und die Welt bleibt groß. Groß genug noch immer für unheilige Allianzen. Die von Boden und Blut. Zum Beispiel. Wechsel der Paradigmen? Kaleidoskop der Paradigmen. Und auf einem Karussell? Die Interpreten dieser Paradigmen. Und dann und wann ein weißer Elefant.