POLITIK
29/04/2018 08:22 CEST | Aktualisiert 29/04/2018 10:20 CEST

Siegessicher oder verzweifelt? Warum Kim Jong-un nicht zu trauen ist

Die HuffPost-These.

Bloomberg via Getty Images
Ein kurzer Schritt in den Norden: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un nahm beim Koreagipfel Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in für einen Moment mit in sein Land. 

Es waren bewegende Bilder. Kim Jong-uns historischer Gang über die Grenze nach Südkorea, der kurze gemeinsame Schritt mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in in den Norden. Die Umarmung der beiden Staatschefs, deren Länder sich seit 64 Jahren im Krieg befinden.

Gesten des Friedens, vor den Augen der ganzen Welt. Gesten, die Hoffnung machen.  

Und die doch nur Symbole sind. 

Was hat Kim Jong-un wirklich vor?

Kim Jong-un hat seine Atom- und Raketentests ausgesetzt. Mit der auf dem Koreagipfel unterzeichneten Erklärung von Pamunjom zeigt er sich bereit, den Krieg mit Südkorea zu beenden und Gespräche über Denuklearisierung zu führen. 

► In der Nacht zum Sonntag gab Nordkorea nun bekannt, sein Atomtestgelände im Mai schließen zu wollen – im Beisein von internationalen Beobachtern. 

► Zudem verkündete US-Präsident Trump, sich in “drei bis vier Wochen” mit Nordkoreas Diktator treffen zu wollen.  

All das sind historische Fortschritte in einem Konflikt, der vor einem Jahr nur eine unüberlegte Entscheidung davon entfernt war, in einem militärischen Desaster zu enden. 

Doch trotz all dieser Entwicklungen bleibt eine Frage im Nordkorea-Konflikt ungewiss: Was hat Kim vor? 

Nordkoreas Regime betreibt weiter Propaganda

Die Versprechen des Diktators bleiben vage. 

Kim mag sein Atomtestgelände schließen – ein Testgelände, das laut chinesischen Geologen zu großen Teilen zerstört ist –, aber auch beim Gipfeltreffen in Südkorea hat er keine konkreten Versprechungen gemacht, seine Langstreckenraketen und Atomsprengköpfe aufzugeben.  

Gleichzeitig mag der nordkoreanische Diktator zwar von Frieden und Einigkeit zwischen den beiden Koreas gesprochen haben – doch der konkrete Weg hin zu einer Verbesserung der Beziehungen bleibt unklar. Kim Jong-un wird sein Atomprogramm nicht einfach aufgeben, ohne selbst Garantien für das Überleben seines Regimes zu verlangen. 

Wenn das nordkoreanische Regime also Denuklearisierung verspricht, dann versteckt sich in diesem Versprechen auch eine Forderung: Die Denuklearisierung ganz Koreas. Und das bedeutet auch: Einen Abzug der Truppen der USA. 

Kim Jong-un hat also gute Absichten erklärt. Aber nicht mehr.

Das koreanische Gipfeltreffen war für den Diktator auch ein Schaulaufen, eine symbolträchtige Möglichkeit seinen Ruf des Massenmörders gegen den des Friedensstifters zu tauschen. 

Kim betreibt vor der Welt weiter Propaganda. Und er bleibt weiter gefährlich – vor allem, weil niemand weiß, was Nordkoreas Machthaber wirklich motiviert. 

Kim Jong-un: Siegessicher, heimtückisch – oder verzweifelt? 

Es ist verdächtig, dass Kim Jong-uns Diplomatie-Offensive genau zu Beginn des Jahres 2018 begann.

In den zwölf Monaten zuvor waren Nordkorea mehrere Tests von Langstrecken und Interkontinentalraketen gelungen. Das Regime zeigte der Welt mit einem Atomtest im September zudem, wie groß das nukleare Gefahrenpotential ist, das von ihm ausgeht. 

Kims jahrelange Abschreckungspolitik befand sich Ende 2017 auf ihrem Höhepunkt. Warum also der plötzliche strategische Wandel? 

Drei mögliche Erklärungen für Kims Manöver sind wahrscheinlich: 

Kim Jong-un strebt die Anerkennung Nordkoreas als Atommacht an: Es ist möglich, dass Nordkorea bereit ist, sein Atomprogramm aufzugeben, weil es bereits über ein nukleares Waffenarsenal besitzt – und eine einzelne Atombombe reicht, um jeden militärischen Aggressor abzuschrecken. Kims Plan könnte sein, in den Verhandlungen mit den USA und Südkorea diesen Status quo anerkennen zu lassen.

Nordkoreas Regime spielt auf Zeit: Ebenfalls könnte es sein, dass Kim Jong-un mit seinen Friedensangeboten Zeit erkaufen will. Bisher ist es Nordkorea laut Experten noch nicht gelungen, seine atomaren Sprengköpfe auf seine Langstreckenraketen zu montieren. Zur wirklich effektiven atomaren Abschreckung fehlt dem Regime also noch ein Schritt. 

Kim Jong-un ist von Not getrieben: Zuletzt ist denkbar, dass Kim aus Verzweiflung agiert. Nordkorea ist ein bitterarmes Land, das Volk leidet, die Wirtschaft des Landes war komplett auf das Vollenden des Atomprogramms ausgerichtet. Die Sanktionen des Westens und Chinas könnten das Regime nun endlich doch in die Knie gezwungen haben. 

Mehr zum Thema: Warum nordkoreanische Flüchtlinge zurück in Kims Diktatur wollen

Niemand weiß sicher, welche dieser Erklärungen zutrifft. Oder ob es überhaupt eine von ihnen tut. 

Niemand weiß sicher, was Kim Jong-uns langfristige Pläne sind. 

Die Welt darf sich jetzt nicht in die Hände des Diktators geben. Sich nicht wieder enttäuschen lassen, wie Südkorea und die USA bei den gescheiterten Friedensverhandlungen 1994. 

Der Druck auf Kim Jong-un, die Skepsis gegenüber ihm muss groß bleiben. 

Die Chance auf Frieden im Nordkorea-Konflikt ist einmalig. Sie muss entschieden wahrgenommen werden. 

Es darf nicht bei bewegenden Bildern bleiben. 

(ujo)