POLITIK
13/01/2018 20:32 CET | Aktualisiert 18/04/2018 06:33 CEST

Der Nordkorea-Konflikt ist entschieden – Kim Jong-un hat gewonnen

Nur schlechte Verlierer würden jetzt noch einen Atomkrieg anfangen.

  • Nordkorea hat unter Kim Jong-un Langstreckenraketen und nukleare Sprengköpfe entwickelt
  • Der Diktator hat den Konflikt mit den USA dadurch im Prinzip entschieden
  • Im Video oben: Die Welt hält Kim Jong-un für einen irren Diktator - ein Nordkorea-Experte erklärt, warum das ein schwerer Fehler ist

Schon vor fast zwei Jahrzehnten hatte Donald Trump die Welt vor diesem Moment gewarnt. Jetzt ist es zu spät. 

“Nordkorea ist komplett außer Kontrolle”, hatte der heutige US-Präsident in einem Interview mit dem US-Sender CNN im Jahr 1999 gesagt. “Wir müssen jetzt mit ihnen reden – und wenn das nicht klappt, dann müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen.” 

Trump hatte damit einen Präventivschlag der USA gegen das Kim-Regime gemeint, bevor dieses Langstreckenraketen oder sogar nukleare Sprengköpfe entwickelt. 

Genau das ist nun, 18 Jahre später, geschehen. Nordkorea hat im November eine Rakete gezündet, die das US-Festland hätte erreichen können. Und es ist im Besitz von Atombomben. Dem Land muss es nur noch gelingen, das eine mit dem anderen zu verbinden, um endgültig zur Atommacht zu werden.

Ein Prozess, der unmittelbar bevorsteht. Und der bedeutet: Kim Jong-un, der Mann, den Trump nur noch “Little Rocket Man” nennt, hat den Nordkorea-Konflikt de facto für sich entschieden. 

Was soll Kim noch aufhalten? 

Denn die USA und die internationale Gemeinschaft haben ihr Ziel verfehlt, das nordkoreanische Atomprogramm zu beenden. Mehr noch: Durch die neuesten Entwicklungen ist das Kim-Regime in Nordkorea nahezu unantastbar geworden. 

Was sollte den Diktator schließlich noch aufhalten? 

Harmlose Sanktionen 

► Von Sanktionen hat sich Nordkorea noch nie beeindrucken lassen. Tatsächlich hat es das Land geschafft, trotz diverser drakonischer Strafmaßnahmen sein Atomprogramm voranzutreiben – nicht zuletzt, weil es dank russischer und chinesischer Hilfe viele Sanktionen einfach umging. 

Mehr zum Thema: 3 Gründe, warum die UN-Sanktionen das Raketenprogramm von Nordkorea nicht stoppen werden

“Aber Sanktionen gegen Nordkorea sind nicht völlig nutzlos”, sagt Boris Toucas, Nordkorea-Analyst beim Center for Strategic and International Studies in Washington, der HuffPost. “Sie können als Druckmittel in Verhandlungen eingesetzt werden.” 

Tatsächlich schien es zuletzt als sei das geschehen. 

“China hat seine Sanktionen auf amerikanischen Druck hin inzwischen erheblich verstärkt”, sagt der Nordkorea-Experte Hans-Joachim Schmidt der HuffPost. Seit dem letzten Jahr würden diese Sanktionen in Nordkorea ihre Wirkung entfalten – und hätten auch dazu beigetragen, dass das Regime nun Gespräche mit Südkorea suche.  

Aussichtslose Gespräche

► Zu diesen ist allerdings zu sagen: Sie finden ausschließlich nach Kims Vorstellungen statt.

“Südkorea sollte nicht den Fehler machen, sich in eine Form des Dialogs zwingen zu lassen, die nur Kim hilft, sein Land als Atommacht anzuerkennen – während er selbst nur leere Versprechungen macht”, sagt Nordkorea-Analyst Toucas.

Doch bisher wurde nicht über handfeste Zugeständnisse Nordkoreas gesprochen, wie es Südkoreas Präsident Moon Jae-in zunächst verlangte – sondern über Sport.

Nordkorea wird nun an den olympischen Winterspielen in Südkorea teilnehmen. Das ist zwar eine symbolische Annäherung. Doch durch Gespräche allein wird sich Kim Jong-un keine Zugeständnisse abringen lassen. 

Das glaubt auch Experte Schmidt: “Entscheidend wird sein, was der Süden dem Norden anbieten kann und ob Seoul auch mäßigend auf Washington und US-Präsident Trump einwirken kann.”

Eine gespaltene Allianz

► Zu befürchten ist, dass genau das nicht gelingen wird. Kims Annäherung an Südkorea hat an der aggressiven Stimmung zwischen Pjöngjang und Washington nichts verändert. Zuletzt bedrohten sich beide Seiten wieder offen mit einem Atomkrieg

Dem nordkoreanischen Diktator ist es so gelungen, die Verbündeten Südkorea und USA zu spalten. Die Vereinigten Staaten haben derzeit nicht einmal einen Botschafter in Südkorea – ein deutliches Signal, dass die Trump-Regierung an Gesprächen mit Nordkorea nicht interessiert ist. 

Nun könnten die olympischen Spiele den USA die Möglichkeit geben, sich gesichtswahrend auf Nordkorea zuzubewegen, glaubt Schmidt. “Es ist aber nicht sicher, ob die USA diese Chance nutzen.”

Ein Krieg, den es nie geben darf

► Denn worüber sollten die USA mit Nordkorea auch reden? Sein Atomprogramm wird Kim Jong-un nicht abschaffen – nur es allein garantiert derzeit das Fortbestehen seiner Herrschaft. 

Bleibt der Versuch der militärischen Lösung des Konflikts, wie sie viele Kriegstreiber in den USA – inklusive des US-Präsidenten – immer wieder fordern oder andenken

Mehr zum Thema: Niemand kann Trump wirklich davon abhalten, einen Atomschlag anzuordnen

Es wäre ein kurzer, für Nordkorea vernichtender Krieg. Und einer, der nicht nur dort viele Menschenleben kosten würde. 

Analyst Toucas sagt: “Es gab im Nordkorea-Konflikt noch nie eine sinnvolle militärische Lösung – außer, die USA, Südkorea und Japan würden massive eigene Verluste akzeptieren.” Die Zahl der Opfer, von der Toucas in diesem Fall ausgeht: 130.000 Menschen. 

Toucas sagt aber auch: “Paradoxerweise ist es so, dass eine militärische Lösung noch nie so abwegig, und gleichzeitig das Risiko eines Konfliktes noch nie so groß war.”

Der letzte Strohhalm

Grund dafür ist auch, dass die Langstreckenraketen des Kim-Regimes nun eine echte Gefahr für die Menschen auf dem US-Festland darstellen.

Der Nordkorea-Konflikt hat sich aus Sicht der USA vom Stellvertreterkrieg zu einer echten Bedrohung entwickelt. Und aus dem Schurkenstaat Nordkorea ist die aufstrebende Atommacht Nordkorea geworden. 

► Noch aber können sich die USA an einen letzten Strohhalm klammern.

“Nordkorea hat noch nicht nachgewiesen, dass es seine atomaren Sprengladungen soweit verkleinern kann, dass sie auf eine ihrer Mittel- und Langstreckenraketen passen”, erklärt Konfliktforscher Schmidt. Auch könnte das Land seine Sprengköpfe bisher nicht vor der Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre schützen.

Schmidt glaubt jedoch, dass es bis zur Entwicklung dieser Technologien nur noch eine Frage der Zeit sei. Ein bis zwei Jahre Galgenfrist gibt er der Welt. 

“Solange ist das Risiko eines amerikanischen militärischen Präventivschlages nicht ganz auszuschließen”, sagt Schmidt. Die Folgen wären für alle Konfliktparteien fatal.  

Eigentlich bleibt den USA da nur noch eines: Sie müssen den Konflikt in Zukunft auf diplomatischen Wegen angehen. Kim Jong-un kann nicht mehr aufgehalten, sondern höchstens besänftigt oder geschwächt werden. 

Die Trump-Regierung müsste versuchen, eine zivilgesellschaftliche Opposition in Nordkorea aufzubauen oder das Regime zu einer Öffnung des Landes zu überreden. 

Allerdings hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, dass die USA zu solchen Schritten nicht gewillt oder in der Lage sind. Stattdessen rasselt Trump weiter mit dem atomaren Säbel. 

Dabei wäre ein militärischer Angriff der USA auf Nordkorea auch eine Ironie des Schicksals: Denn ausgerechnet Donald Trump würde die eindringliche Warnung missachten, die er 1999 selbst ausgesprochen hatte.