POLITIK
27/04/2018 15:40 CEST | Aktualisiert 27/04/2018 16:10 CEST

Korea kann Frieden erreichen – wenn Kim Jong-un sich kontrollieren lässt

Mauerfall oder Trauerfall?

KOREA SUMMIT PRESS POOL via Getty Images
Die beiden koreanischen Staatschefs und ihre Ehefrauen.
  • Der 27. April wird in die Geschichtsbücher eingehen.
  • Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un hat einen gewaltigen Schritt in Richtung Süden gemacht – doch er muss sich kontrollieren lassen.

Nein: Man sollte nicht kleinreden, was sich gerade auf der koreanischen Halbinsel tut.

Es ist eine politische Sensation, dass mit Kim Jong-un erstmals ein nordkoreanischer Machthaber zu Gesprächen nach Südkorea gereist ist.

Es macht Hoffnung, dass beide Seiten derzeit starke Signale der Entspannung senden.

Und es ist gut, dass auch US-Präsident Donald Trump auf das Gesprächsangebot aus Nordkorea eingegangen ist.

Zuvor schien es monatelang so, als ob die Welt am Rande eines Atomkriegs stünde. Wir erinnern uns: Es ist noch nicht lange her, als Kim Jong-un verkündete, dass seine Raketen nun jeden beliebigen Punkt in den USA atomar vernichten könnten.

Darauf hin prahlte Trump damit, dass sein Atomknopf viel mächtiger sei als der des „Little Rocket Man“ (gemeint war damit Kim).

Zwei Kindsköpfe, die leider über das Potenzial verfügten, die Welt mehrfach vernichten zu können. Es war ein Alptraum für die Zukunft der Menschheit.

Wie der Mauerfall 1989?

Was jedoch nun passiert, könnte womöglich Geschichte schreiben: Die Annäherung der beiden koreanischen Staaten könnte für Asien eine ähnliche Bedeutung bekommen wie der Mauerfall im Jahr 1989 für Europa.

Noch jedoch gibt es einigen Grund daran zu zweifeln, ob das neuerliche Tauwetter von Dauer sein wird.

► Angefangen hatte die Annäherung der beiden Länder bei den olympischen Winterspielen in der südkoreanischen Stadt Pyoengchang, die Mitte Februar stattfanden.

Nachdem es lange Zeit so aussah, dass Nordkorea keine Mannschaft entsenden würde, vereinbarten die Regierungen knapp zwei Wochen vor den Spielen, dass eine Delegation aus dem Norden an den Spielen teilnehmen würde.

Nach Südkorea war auch die Schwester des nordkoreanischen Machthabers gereist, Kim Yo-jong. Welche Gespräche es im Hintergrund gab, ist bis heute nicht bekannt.

► Was jedoch öffentlich wurde: Am 5. März reisten fünf südkoreanische Emissäre nach Nordkorea, wo sie mit Außen- und Verteidigungspolitikern sprachen und wiederum auf Kim Yo-jong trafen. 

Koreakrieg – im Westen zu Unrecht in Vergessenheit geraten 

Wenige Tage später griff US-Präsident Trump die Signale aus Korea auf. Überraschend erklärte er, dass er zu einem Gipfel mit Kim Jong-un bereit sei. Gleichzeitig wurde auch ein Treffen zwischen den beiden Koreas vereinbart.

Es ist nicht das erste Mal, dass es so etwas wie Entspannungspolitik auf der koreanischen Halbinsel gibt. Und es gab auch Momente, in denen die Gespräche über eine Befriedung der Region schon weiter waren.

► Denn von den aktuellen Gesprächen über nukleare Abrüstung bleibt ein Punkt unberührt: Und das ist ein möglicher Friedensvertrag.

Von 1950 bis 1953 tobte in Korea ein unfassbar brutaler Krieg, der heute im Westen zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. An den sich ständig ändernden Fronten kämpfte eine Interventionstruppe der Vereinten Nationen unter amerikanischer Führung auf Seiten von Südkorea. Nordkorea wurde von Soldaten aus China unterstützt, die Sowjetunion lieferte Material. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht, aber es wird geschätzt, dass vier Millionen Menschen ihr Leben verloren.

Waffenstillstand – aber bis heute kein Friedensvertrag

Seit 1953 gibt es einen Waffenstillstand. Ein Friedensvertrag steht aber bis heute aus.

► Anfang der 1990er-Jahre gab es erste Friedensgespräche, die schließlich in einem „Versöhnunsabkommen” mündeten. Doch schon einige Jahre später eskalierte die Situation erneut, als Nordkorea die Inspekteure der internationalen Atombehörde IAEO des Landes verwies und drohte, den Atomwaffensperrvertrag aufzukündigen.

► Die Atompolitik Nordkoreas blieb in den folgenden Jahrzehnten ein permanenter Störfaktor.

► Ende der 1990er-Jahre begann die Phase der „Sonnenscheinpolitik“ , in der sich beide Staaten wieder annäherten. Südkoreas Staatschef Kim Dae-jung erhielt dafür im Jahr 2000 den Friedensnobelpreis. Doch 2003 erklärte Nordkorea endgültig den Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag.

► Im Jahr 2007 unterzeichneten die Staatschefs beider Koreas eine „Friedenserklärung“. Sogar ein echter Friedensvertrag schien greifbar. Doch spätestens mit den Berichten über einen möglichen Atomtest Nordkoreas im Jahr 2009 kam die erneute Annäherung beider Länder zum Erliegen.

Die folgenden Jahre waren von militärischer Konfrontation gekennzeichnet. Erst die jüngsten Initiativen geben wieder Hoffnung auf eine Deeskalation des Korea-Konflikts.

Kim muss internationale Atom-Inspektoren zulassen

Die entscheidende Frage wird sein, wie ernst es Nordkorea mit dem Bekenntnis zur nuklearen Abrüstung meint. Bisher galt das Atomwaffenprogramm als Faustpfand des Kim-Regimes in der außenpolitischen Auseinandersetzung. Und schon mehrfach hat Nordkorea in der Vergangenheit Zusagen zu möglichen Abrüstungsbemühungen gebrochen.

Wenn es Kim Jong-un wirklich ernst ist, muss er umfassende internationale Inspektionen zulassen, die in eine von der IAEO kontrollierte Vernichtung des Atom-Arsenals münden. Daran gibt es Zweifel.

Kritiker glauben, dass Kim Zeit gewinnen will, um sein Raketenprogramm voranzutreiben.Und selbst wenn es Inspektionen gibt, darf das nicht der letzte Schritt sein.

Nach 65 Jahren braucht die koreanische Halbinsel einen Friedensvertrag. Erst dann wird Korea seinen Mauerfall-Moment erleben.

(mf)