POLITIK
25/04/2018 21:15 CEST | Aktualisiert 26/04/2018 10:07 CEST

Nordkoreas Atomtest-Anlage zerstört? Warum Kim Jong-un nun unberechenbar wird

Auf den Punkt.

Im Video oben: Die Welt hält Kim Jong-un für einen irren Diktator – ein Nordkorea-Experte erklärt, warum das ein schwerer Fehler ist

Am 3. September explodiert Hunderte Meter unter dem Berg Punggye-ri in Nordkorea eine gewaltige Bombe. Die Detonation löst ein Erdbeben der Stärke 5,6 aus, die Einschätzungen der Experten über die Kraft der Explosion reichen von 70 bis zu 280 Kilotonnen.   

Es ist der größte – und erfolgreichste – Nukleartest in der Geschichte Nordkoreas. Um genau 12 Uhr mittags (6 Uhr morgens deutscher Zeit) macht das Kim-Regime klar: Wir sind eine Atommacht. Und: Wir sind unantastbar.  

Doch nun melden chinesische Wissenschaftler: Ein Teil des Bergs und des darauf befindlichen Atomtest-Gelände soll in Folge des Nukleartests eingestürzt sein. 

Es ist ein Ereignis, das dem Nordkorea-Konflikt eine neue Richtung gibt – und das den zuletzt so diplomatisch auftretenden Diktator Kim Jong-un wieder unberechenbar macht. 

Die Folgen der nordkoreanischen Atom-Katastrophe auf den Punkt gebracht. 

Die Lage in Nordkorea: 

► Schon kurz nach dem Test im vergangenen September warnten Wissenschaftler der University of Science and Technology of China in Hefei vor einer dramatischen Folgegefahr: Die Atomexplosion könnte den Punggye-ri zum Einsturz bringen. 

► Nun haben die Wissenschaftler laut der “South China Morning Post” neue geologische Messungen angestellt und wollen bei diesen entdeckt haben: Ein Teil des Bergs ist tatsächlich eingestürzt – mitsamt des Atomtest-Geländes darauf

► Die Forscher vermuten, dass der Atomtest im September so viel Strahlung und Hitze freigesetzt hat, dass ein bis zu 200 Meter großer Hohlraum im Punggye-ri entstanden sei. Dieser sei schließlich zusammengebrochen. 

► Geologen der Chinese Academy of Sciences in Peking bestätigten die Ergebnisse der Forscher aus Hefei, berichtet die “South China Morning Post”. Das Atomtest-Gelände sei “unwiederbringlich zerstört”

► Der Politikwissenschaftler Jeffrey Lewis, ein führender Experte für Nordkoreas Atomprogramm, ist zurückhaltender. Er schreibt auf Twitter, zwar sei ein Hohlraum im Punggye-ri eingestürzt, doch es seien in anderen Teilen des umliegenden Gebirges weiter Atomtests möglich. 

► So oder so hat der Einsturz direkte Folgen für die ganze Region. Es besteht die Gefahr, dass radioaktive Strahlung und radioaktiver Staub aus den Trümmern austreten. Diese könnten laut den chinesischen Wissenschaftlern auch nach China gelangen. Durch einen Erdrutsch könnte sogar das südchinesische Meer verseucht werden. 

Welche Auswirkungen der Einsturz für Kim Jong-un hat: 

► Doch der teilweise Einsturz des Punggye-ri ist nicht nur für Menschen und Umwelt eine Katastrophe – sondern auch eine politische Gefahr

► Denn für Nordkoreas Diktator Kim Jong-un ist die Beeinträchtigung eines der wichtigsten Standorte seines Atomprogramms ein herber Rückschlag. Mehr noch: Ein Zeichen der Schwäche

► In den vergangenen Monaten hatte sich Nordkoreas Machhaber derer keinerlei erlaubt. Mit seinen Atomtests unterstrich er seine militärische Macht – und auch auf der diplomatischen Bühne war es zuletzt Kim, der Fakten schaffte.

► Er war es, der die Annäherung zu Südkorea anstieß, er war es, der ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump anleierte und er war es, der sich mit einem historischen Staatsbesuch die Unterstützung Chinas sicherte. 

Jetzt aber, ausgerechnet vor dem viel erwarteten Aufeinandertreffen mit Trump, wirkt Kim Jong-un vor der ganzen Welt angeschlagen. Vor wenigen Tagen hatte er – scheinbar gönnerhaft – verkündet, vorerst keine Atom- und Raketentests durchzuführen. Eine Entscheidung, die nun erzwungen wirkt. 

► Zumal, so berichtet es die “South China Morning Post”, Nordkoreas Entscheidung, auf weitere Tests am Punggye-ri zu verzichten, nur zwei Tage nach einem Besuch von Lee Doh-sik, dem wichtigsten Geologen des Landes, und auf Drängen des Nachbars China gefällt worden sei. 

Mehr zum Thema: Nordkorea verkündet Stopp der Atom- und Raketentests: Was das bedeutet

Für Kim Jong-un ist die Beschädigung seiner Atomtest-Anlage also ein Gesichtsverlust. Aus seiner starken Verhandlungsposition im Nordkorea-Konflikt ist keine schwache, aber eine schwächere geworden – zumal Experten schon länger mutmaßen, dass Nordkoreas Diktator bei seiner Diplomatie-Offensive von einer ökonomischen oder politischen Krise im Inland getrieben sein könnte. 

► Nordkoreas Diktator ist nun unberechenbar. Als Kim sich stark wähnte, war sein Ziel klar: Er strebte eine Rückkehr Nordkoreas in die internationale Gemeinschaft an. Nun könnten westliche Verhandler die Effektivität seines Atomprogramms in Frage stellen – und Kim könnte es für nötig erachten, zu einer kriegstreiberischen Abschreckungs-Strategie zurückzukehren. 

Die nordkoreanische Atom-Katastrophe auf den Punkt gebracht:

Die wichtigste Atom-Testanlage in Nordkorea ist laut Auswertungen von chinesischen Wissenschaftlern als Folge einer enormen Nuklearexplosion bei einem Test im vergangenen September teilweise eingestürzt.

Für Diktator Kim Jong-un ist der Vorfall ein politischer Rückschlag. Monatelang bestimmte er zuletzt die Richtung des Nordkorea-Konflikts, jetzt aber erleidet er einen peinlichen Gesichtsverlust. 

Kim ist angeschlagen – und der deshalb unberechenbar.

(mf)