POLITIK
13/11/2018 10:31 CET | Aktualisiert 13/11/2018 14:36 CET

Nordkorea: Neue Bilder zeigen, wie geschickt Kim Jong-un die Welt vorführt

Auf den Punkt.

Im Video oben seht ihr die neuen Satellitenaufnahmen.

Kim Jong-uns Show ist gut vorbereitet.

Spezialisten des nordkoreanischen Regimes platzieren mehrere Sprengsätze gut 35 Meter tief in insgesamt drei Tunneln unter dem Berg Punggye-ri. 

Als die Bomben explodieren, splittert das Holz der Stützpfeiler, auch ein paar Hütten vor den Tunneln zerbersten. Das abgelegene Atomtestgelände im Nordosten Nordkoreas hüllt sich kurz in eine Staubwolke.  

So berichtete der US-Sender CNN von vor Ort über die Zerstörung des Atom-Testgeländes Punggye-ri in Nordkorea.

Es war die Geste, mit der Nordkoreas Diktator Kim Jong-un im Mai der Welt seine Bereitschaft für Verhandlungen zeigen wollte.

Pjöngjang behauptete, die Anlage im Nordosten des Landes sei komplett zerstört worden. Doch schon zuvor gab es Berichte, die Militärbasis sei sowieso “unwiederbringlich zerstört” gewesen, weil Teile des Berges bei einem gewaltigen Atombombentest im September 2017 eingestürzt waren.  

Nun liefert die US-Denkfabrik Zentrum für strategische und internationale Studien (CSIS) neue Hinweise, dass Kim Jong-un in über einem Dutzend geheimen Stützpunkte weiter an atomar einsetzbaren Raketen arbeiten lässt. 

Warum die Enthüllungen so brisant sind und was sie für die US-Außenpolitik und die Weltgemeinschaft bedeuten – auf den Punkt gebracht.

Die Ausgangslage im Nordkorea-Konflikt: 

► Bei dem aufsehenerregenden Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Kim Jong-un im Juni in Singapur hatte Nordkoreas Staatschef seine Bereitschaft zur “kompletten Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel” bekräftigt.

► Die Vereinigten Staaten erwarten von Nordkorea eine komplette Abrüstung seines Atomprogramms und -arsenals – doch Kim hat bisher keine konkreten Zusagen gemacht, wie und bis wann abgerüstet werden soll.

► Anders als öffentlichkeitswirksame Aktionen, wie die Sprengung des Atomtestgeländes, und Kims Bekundungen vermuten lassen, gibt es schon seit Längerem Hinweise, dass Nordkorea eher auf- statt abrüstet

► So veröffentlichte das Expertenportal “38North” Ende Juni einen Artikel, in dem anhand von Satellitenbildern gezeigt wird, dass das Kim-Regime eine seiner Nuklearanlagen ausbaut.  

 Ende Juli verdichteten sich aus Sicht der US-Geheimdienste die Hinweise, dass Nordkorea in einer Forschungseinrichtung nahe Pjöngjang möglicherweise ein bis zwei neue Interkontinentalraketen baut.

► Das Magazin “The Diplomat” enthüllte zur gleichen Zeit in einem Artikel, dass die US-Geheimdienste davon überzeugt seien, dass Nordkorea auch im Jahr 2018 die Produktion von Raketenabschussgeräten fortsetze

Der nun veröffentliche CSIS-Bericht scheint diese Entwicklung zu bestätigen.

Mehr zum Thema: Kim Jong-un und Trump: Zur Abrüstung zu wenig, zum Atomkrieg zu viel

Was neue Satellitenaufnahmen zeigen sollen:  

Anhand von neuen Satellitenbildern habe das CSIS herausgefunden, dass Nordkorea in mindestens 13 versteckten Basen (laut “New York Times” sind es sogar 16) sein Raketenprogramm vorantreibt. Die Experten gehen davon aus, dass das Kim-Regime sogar bis zu 20 geheime Anlagen unterhält.   

Für besonders problematisch hält das CSIS die Basis für Kurzstreckenraketen in Sakkanmol im Süden der kommunistischen Diktatur:

► Die Anlage beherbergt derzeit eine Einheit, die mit Kurzstreckenraketen ausgestattet ist, aber laut Experten “leicht in der Lage” sein könnte, leistungsfähigere ballistische Mittelstreckenraketen aufzunehmen – die auch vergleichsweise leicht mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden könnten. 

► Dazu kommt, dass die Anlage sehr nah an der entmilitarisierten Zone zur Grenze zu Südkorea liegt. Das heißt, die Flugzeit – und damit auch die Reaktionszeit für den Süden – ist vergleichsweise kurz.

Warum die Enthüllung gerade für US-Präsident Trump zum Problem werden könnte:

Die “New York Times” wirft Nordkorea eine “große Täuschung” vor. Das Regime verstünde es, die (Medien-)Aufmerksamtkeit auf weniger wichtige militärische Einrichtungen zu ziehen – wie auch die eingangs erwähnte Sprengung der Testanlage oder die Stilllegung einer Satellitenstartanlage in Sohae zeigen.

Damit werde die militärische Bedrohung durch die geheimen Raketenbasen für Südkorea und die dort stationierten die US-Streitkräfte und Südkorea jedoch verdeckt.

Parallel zur – mittlerweile wieder gestoppten – Demontage eines großen Raktenstartplatzes hat Nordkorea “gleichzeitig bei mehr als einem Dutzend weiterer Anlage Verbesserungen vorgenommen, die den Start konventioneller und nuklearer Sprengköpfe unterstützen”, warnt die “New York Times”.

► Pikant: Das Netzwerk soll den US-Geheimdiensten seit langem bekannt sein, es wurde aber bisher nicht öffentlich diskutiert, da Trump bis dato behauptet, die atomare Bedrohung Nordkoreas neutralisiert zu haben.

So erklärte er laut CNN auf einer Pressekonferenz erst am vergangenen Mittwoch:

“Wir sind sehr zufrieden damit, wie es mit Nordkorea läuft. Wir denken, dass es gut läuft. (...) Die Raketen sind gestoppt. Die Raketen sind gestoppt.”

Ähnlich positiv hatte sich Trump auch im September bei seiner Rede vor den Vereinten Nationen geäußert.

Doch sowohl die Hinweise in der vergangenen Monate als auch die neuesten Enthüllungen widersprechen dieser Sichtweise entschieden. Die Gefahr ist alles andere als gebannt.

Mehr noch: Trump hat sich von den Abrüstungsbeteuerungen und den wenigen öffentlich wirksamen Aktionen des Kim-Regimes bluffen lassen – wohl, um die offensichtliche stockende Diplomatie mit Nordkorea als Erfolg verkaufen zu können.  

Was die Auswirkungen für die Weltgemeinschaft sind: 

Trump bemerkte in der vergangenen Woche auch, dass die internationalen “Sanktionen stehen” würden. Seit Dezember 2017 gelten für Pjöngjang die bis dato strengsten Einfuhrbestimmungen, zugleich wurde auch der Import erheblich beschränkt.

► Das Problem: Die Sanktionen sind zu einem Großteil wirkungslos. Erst im August erklärten UN-Experten, dass Nordkorea gegen die Bestimmungen verstoße und sich dabei “zunehmend ausgeklügelten Ausweichtechniken” bediene. Den Nachbarländern China und Russland fallen dabei Schlüsselrollen zu.

Der Direktor des GIGA Instituts für Asien-Studien, Patrick Köllner, hatte bereits im August 2017 im Gespräch mit der HuffPost darauf hingewiesen, dass “es immer korrupte Grenzbeamte geben wird und die Händler werden immer Möglichkeiten finden, ihre Waren zu vertreiben”.

Mehr zum Thema: Wie Russland mit einem geheimen Netzwerk Öl-Geschäfte mit Kim Jong-un macht

Auf den Punkt:

Der Fall Nordkorea ist exemplarisch für die Außenpolitik des US-Präsidenten – mehr Schein als Sein.

In diesem Fall lies sich Trump von öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Beteuerungen Kim Jong-uns blenden, während Nordkorea im geheimen sein Rüstungsprogramm offenbar ungebremst weiterlaufen lässt.

Die Naivität Trumps ist gefährlich, mehr noch als dessen Aggressionen gegen Kim vor einem Jahr.

(jg)