POLITIK
27/03/2018 11:46 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 11:46 CEST

Was die Menschen in Nordirland über den Brexit denken

In Derry wollte fast niemand den Brexit. Doch der EU-Austritt könnte den Ort mit am schwersten treffen.

PAUL FAITH via Getty Images
Ein Mann in Belfast.

“Wenn ich sage, dass wir auf der Grenze leben, dann meine ich das wörtlich,” sagt Seamas O’Reilly. Seine Stimme überschlägt sich. Deutlich lässt sich aus seinen Worten die angestaute Frustration heraushören.

O’Reilly ist 32 Jahre alt und kommt aus einem Vorort der nordirischen Stadt Derry. Er versucht uns zu erklären, welche Auswirkungen er und sein Vater Joe, ein pensionierter Ingenieur, sich vom bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union erwarten.

Die Grenze zwischen Großbritannien und der Republik Irland verläuft quer durch O’Reillys Garten. Sie stellt selbst die leidenschaftlichsten Brexit-Befürworter vor ein nahezu unlösbares Problem.

Denn Nordirland gehört zum Vereinigten Königreich, die Republik Irland zur EU. Nach dem EU-Austritt Großbritanniens droht nicht nur, dass zwischen beiden Ländern wieder Grenzkontrollen eingeführt werden und die Wirtschaft darunter leidet – sondern auch, dass alte Narben aus der so bewegten wie gewalttätigen irisch-irischen Geschichte wieder aufreißen.

“Ab und an ging der Wachposten in die Luft” 

SEAMAS OREILLY WITH HIS DAD JOE
Seamas O'Reilly mit seinem Vater Joe.

O’Reilly deutet durch sein Küchenfenster auf ein kleines Garagengebäude. Zu Zeiten des Nordirlandkonflikts stand dort noch ein von bewaffneten Soldaten bemannter Grenzposten. Die Begegnungen mit den Grenzwächtern beschränkten sich zwar meist auf eine Passkontrolle und ein kurzes Nicken, doch das war nicht immer so.

“Ab und an ging der Posten auch in die Luft”, sagt O’Reilly. “Die Wucht der Explosionen hat uns regelmäßig die Fenster zerstört.”

Er fügt hinzu: “Niemand mochte die Grenzposten. Über die letzten zwanzig Jahre hat sie hier auch ehrlich gesagt niemand vermisst.”

OREILLYS HOME
Das Haus der O'Reillys und die irisch-irische Grenze.

Der britische Außenminister Boris Johnson verglich den Konflikt beim Brexit an der irisch-irischen Grenze kürzlich mit der Grenze zwischen den Londoner Bezirken Islington und Camden. Eine Bemerkung, die ihm schnell den Vorwurf der Verharmlosung einbrachte. Es wäre untertrieben zu behaupten, dass sich die irische Realität ein wenig komplizierter gestaltet als Londoner Stadtteilrivalitäten.

David Davis, der Brexit-Sekretär der britischen Regierung, und Michael Barnier, der Chefunterhändler der Europäischen Union, stellten vergangene Woche eine Übergangsvereinbarung für den Brexit vor. Daraus wurde allerdings nicht ersichtlich, wie künftig mit der irischen Grenze verfahren werden soll.

Mehr zum Thema: “Bis zum bitteren Ende”: Wie sich an der irisch-nordirischen Grenze der Brexit entscheidet

“Kontrollen sind vollkommen zwecklos” 

Premierministerin Theresa May besteht zwar beharrlich darauf, dass sie es nicht zur Schließung der Grenze kommen lassen will, es ist aber noch nicht klar, wie genau May dieses Ziel erreichen möchte.

Außer vagen Vorschlägen zu einer Lösung der Grenzfrage durch nicht “moderne Technologien”, wie es von der britischen Regierung heißt, bliebe May wohl nur der Verbleib im europäischen Binnenmarkt. Eine Option, die massiven Widerstand aus dem Lager der Brexit-Befürworter wecken würde. 

Im Landkreis Foyle, in dem Derry liegt, stimmten die Menschen beim Brexit-Referendum mit 78,2 Prozent für den Verbleib in der EU – außerhalb Londons war dies landesweit der höchste Anteil an Stimmen für die Brexit-Gegner.

THE HOME OF SEAMAS OREILLY
Das Haus der O'Reillys in Derry.

“Ich bin hier aufgewachsen. Ich sage Ihnen, diese Grenze ist komplett durchlässig. Kontrollen und Schlagbäume sind hier vollkommen zwecklos,” sagt O’Reilly. Er ist wütend, dass es auch ein Jahr vor dem geplanten Austritt der Briten zum Status der Grenze noch immer keine Klarheit gibt.

“Zu den großen logistischen Problemen kommt natürlich auch der menschliche Schaden, der durch die Errichtung von Grenzanlagen entstehen würde”, betont er. “Auch wenn die Grenze leicht passierbar wäre, würde sie doch ein Gefühl der Trennung hervorrufen.”

O’Reilly: Die Regierung nimmt das Problem nicht ernst

In O’Reillys Wohnort Derry kam es noch 1972 zu einer Katastrophe, dem sogenannten “Blutsonntag”. Die Menschen dort demonstrierten gegen die britische Regierung, britische Soldaten eröffneten das Feuer. 13 Menschen starben.

Das Ende des Nordirlandkonflikts wurde 1998 mit dem Karfreitagsabkommen zumindest auf dem Papier besiegelt. Damit verzichtete die irische Regierung auf die Forderung nach einer Wiedervereinigung mit Nordirland.

Damals kaufte O’Reilly auch das Grundstück um den ehemaligen Grenzposten. Heute befindet sich dort eine Garage und ein kleines Kickboxstudio.    

“Die Grenze ist mehr als vierhundert Kilometer lang”, sagt O’Reilly. “Die Regierung hat noch genau ein Jahr, um uns hier alles abzukaufen, unsere Gärten, unsere Häuser, unsere Kickboxstudios, unsere, ach, was weiß ich.”

PAUL FAITH via Getty Images
Ein Mann im Westen von Belfast.

Er erklärt weiter: “Der ganze Kram kann ja wohl kaum hierbleiben, wenn sie dort wieder einen Grenzposten aufbauen, mit Hütten, Passscannern, Maschinengewehren und Wachhunden. Denn ohne Personal werden sie die Grenze kaum bewachen können. Und dann werden hier auch keine Wohnhäuser mehr stehen können.“ 

Wie solle das allein aus logistischer Sicht funktionieren, fragt O’Reilly und schimpft weiter: “Tausende von Leuten von ihren Grundstücken zu jagen, ihnen die Lebensgrundlage zu nehmen, Geschäfte zu schließen? Und wer soll für die ganzen Zwangsenteignungen bezahlen?”

Niemand spreche diese Probleme an, weil niemand sie wirklich ernstnehme, sagt der Brite. “Wenn sie das wirklich alles innerhalb der nächsten vierzehn Monate auf die Beine stellen wollen würden, dann würde doch schon längst über all diese Fragen gesprochen werden.”

“Neue Unruhen könnten ausbrechen” 

O’Reilly sagt, dass er und seine Familie sich von der Regierung verlassen fühlen. Der britischen Regierung gehe es darum, auch die “verrücktesten, rechtesten Spinner unter den Konservativen″ zu beschwichtigen. Weil sie nur so an der Macht bleiben könne. 

“In der britischen Politik kannst du es zu allem bringen, solange du dich nur komplett von deinem Schamgefühl verabschiedest”, schimpft O’Reilly.

Er fügt eine bittere Warnung hinzu: ”Neue Bürgerunruhen könnten ausbrechen. Die Gewalt hier in Nordirland könnte dann jederzeit wieder aufflammen.”

Die irische Regierung schätzt, dass jeden einzelnen Tag mehr als 30.000 Menschen die innerirische Grenze überqueren. Viele Pendler überqueren die Grenze auf dem Weg zur Arbeit, um Freunde und Familie zu besuchen oder um Gesundheitsdienste auf der anderen Seite in Anspruch zu nehmen. Tausende unter ihnen sind Schulkinder.

“Die Hälfte meiner eigenen Klassenkameraden kamen aus dem irischen Donegal”, sagt O’Reilly. “Es gibt hier keine Grenze. Es gibt keine Rivalität zwischen Donegal und Derry.”

“Ich will nicht, dass wir austreten”

Für O’Reilly gibt es eine klare Antwort auf das Problem. “Ich will nicht, dass wir aus der EU austreten”, sagt er. “Es macht einfach keinen Sinn. Menschen machen Fehler.”

Er gibt dem rechten Flügel der britischen Regierungspartei der Tories die Schuld an der verzwickten Situation: “Von diesen Verrückten kommt immer nur dasselbe: ‘Das Abstimmungsergebnis ist, wie es ist.’”

Hunderttausende Menschen würden durch den Brexit in die Verarmung geschickt, glaubt O’Reilly. “Und all das nur, damit das Vereinigte Königreich sich diese auswegslose Pattsituation leisten kann, auch wenn die Glaubwürdigkeit unseres Landes dabei vor die Hunde geht.”

Die Wut der Nordiren richtet sich nicht nur gegen den Brexit, obwohl der EU-Austritt inzwischen auch längst erloschen geglaubte Fehden wieder neu entfacht hat.

Irland ist polarisiert 

Seitdem die Koalitionsverhandlungen zwischen den nordirischen Großparteien Sinn Fein, größtenteils katholisch, und der DUP, größtenteils evangelisch, im Januar 2017 scheiterten, gab es in Stormont, dem Sitz des nordirischen Regionalparlaments, keine funktionierende Regierung. Es droht die direct rule aus London, ein Regierungskonzept, das in Nordirland bis heute langstehende negative Assoziationen weckt.

Bei der letzten Parlamentswahl im Juni 2017 verloren die moderaten Zentrumsparteien stark an Zustimmung, die sozialdemokratische SDLP und die gemäßigten Unionisten der UUP mussten viele ihrer Sitze an die Sinn Fein abtreten, eine Partei, die sich weigert, ihre Sitze im britischen Unterhaus in Anspruch zu nehmen. Denn dazu müssten sie einen treueeid auf die britische Regierung schwören.

Auch die Rechtsaußenpartei DUP, die sich für den Brexit einsetzte und seit Juni 2017 die Minderheitsregierung von Theresa May stützt, gewann zuletzt im nordirischen Parlament viele Sitze hinzu.

Das Wahlergebnis zeigt: Der Brexit hat die irische Insel politisch polarisiert. Und den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten wieder befeuert.

“Junge Leute haben keine politische Heimat”

Der Rückfall in alte Konfliktmuster macht auch Heather Wilson und Jamie Pow, beide 26, die große Sorgen.

Beide sind Mitbegründer des neuen Nachrichtenblogs ”Northern Slant”, der laut eigenen Angaben dabei helfen soll, den “Teufelskreis des Pessimismus” zu durchbrechen und den Lesern Nordirland als Land der Vielfalt zu präsentieren.

Eine hippe Bar im Zentrum von Belfast: Jamie Pow, der bei “Northern Slant” als stellvertretender Chefredakteur arbeitet, sagt, dass 60 Prozent der 16 bis 24-jährigen Nordiren sich weder wirklich als Unionisten, noch als Nationalisten begreifen. Unionisten befürworten, dass Nordirland weiter zum Vereinigten Königreich gehören soll, Nationalisten lehnen das ab.

JAMIE POW
Jamie Pow von "Northern Slant".

Ein nordirischer Protestführer vom Format des britischen Labour-Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn sei allerdings noch nirgendwo auszumachen.

“Die jungen Leute finden bei uns keine politische Heimat mehr”, sagt er. “Das Parteiensystem richtet sich immer noch nach den alten ethnischen und nationalistischen Kategorien.”

Einige der Parteien hätten zwar versucht, sich aus dieser Lage zu befreien. Noch immer aber bekommen die beiden Großparteien bei Wahlen den Großteil der Stimmen. “Das macht es schwierig, junge Wähler zu mobilisieren”, erklärt Pow.

Brexit-kritische Stimmen werde nicht gehört 

Obwohl Wilson sich als Nationalistin sieht und auch Pow zugibt, Unionist zu sein, fühlen sich beide von der regierenden DUP nur bedingt vertreten. Insbesondere, seitdem die Partei sich so eng an die in London regierenden Konservativen gebunden hat.

“Es scheint mir, als hätte die DUP momentan schlicht viel zu viel Einfluss”, sagt Wilson, der für die sozialdemokratische SDLP arbeitet. “Die Koalition sollten sie ursprünglich nur stützen, aber inzwischen scheint es, als würden sie von den Tories fast als gleichberechtigte Partner behandelt.”

HEATHER WILSON
Heather Wilson von "Nothern Slant".

Pow, der an der Belfaster Queen University an seiner Doktorarbeit schreibt, fügt hinzu: “Die momentane Situation ist ziemlich kontraproduktiv. Wähler in Wales, Schottland und England ärgern sich über die Nordiren, weil es so scheint, als wäre die eine Partei, die momentan als Sprachrohr Nordirlands fungiert auch repräsentativ für das nordirische Volk als Ganzes.”

Für die politischen Perspektiven Nordirlands sieht Wilson schwarz. Sie macht sich Sorgen, dass Brexit-kritische Stimmen aus Nordirland im Rest des Landes kein Gehör finden.

“Die Leute hier fühlen sich machtlos” 

Pow glaubt, dass es in den nächsten Jahren keine nennenswerten Fortschritte geben wird, und dass ein Brexit alte Wunden neu aufreißen könnte.

“Ich bin natürlich frustriert, da wir die ersten Auswirkungen des Brexit bereits spüren können”, sagt er. ”Die Lage in Nordirland war lange recht stabil. Unsere Gesellschaft ist tief gespalten, da dauert es natürlich sehr lange, bis die Risse heilen und die Lage sich normalisiert.”

Während sich Wähler in Großbritannien noch über Migration gestritten und gefordert hätten, dass man die “Kontrolle über die eigenen Angelegenheiten” zurückgewinnen müsse, sei die politische Stimmung in Nordirland immer gleichgültiger geworden, erklärt Wilson.

“Die Leute fragen sich natürlich, wie es nach dem Brexit weitergehen soll, fühlen sich aber auch komplett machtlos”, sagt Wilson, die sich als entschiedene Brexit-Gegnerin bezeichnet.

Mit nur 1,8 Millionen von den insgesamt 60 Millionen Einwohnern im Vereinigten Königreich hätten sich die Nordiren damit abgefunden, ”dass Entscheidungen in London meist ohne uns getroffen werden, obwohl die DUP ihren Einfluss zuletzt stark ausbauen konnte.”

Warum der Frieden in Gefahr ist

Pow und Wilson machen sich Sorgen vor den Auswirkungen, die der Brexit auf das Karfreitagsabkommen haben könnte. Brexit-Befürwortern werfen sie vor, die Verbindlichkeiten der Regierung in dieser Hinsicht unterminieren zu wollen.

“Das Karfreitagsabkommen wurde auf der Grundlage von EU-Regularien geschlossen”, sagt Wilson. “Die Leute können behaupten, was sie wollen, aber ich glaube, dass die EU für die momentane Vereinbarung eine absolute Schlüsselrolle spielt.“   

Der erste Teil des Karfreitagsabkommens mache deutlich, dass die EU-Mitgliedschaft beider Staaten von fundamentaler Bedeutung für den Friedensprozess sei. Hinzukomme, dass Nordirland in der Vergangenheit massiv von Mitteln aus dem sogenannten PEACE-Programm der EU profitiert habe. Damit wurden unter anderem Bildungsinitiativen gefördert.

“Mit dem Brexit werden große Teile des Karfreitagsabkommens null und nichtig und wir werden dadurch eine große Menge Geld verlieren”, glaubt Pow. 

Wilson fügt hinzu: “Man spricht hier bereits von einer möglichen Rückkehr des Krieges, aber niemand weiß, was die neuen Unruhen letztendlich auslösen könnte.”

Soll Nordirland weiter zum Großbritannien gehören?

Aber der Brexit könnte auch wieder die Frage aufwerfen, ob Nordirland weiter Teil des Vereinigten Königreichs bleiben soll.

Pow sieht sich als Unionist, sagt aber, dass er und seine Mitstreiter nicht mehr dazu bereit wären, das Vereinigte Königreich bedingungslos zu verteidigen.

Er sei eigentlich dafür, Nordirland im Vereinigten Königreich zu halten. Doch der Brexit habe die Dinge durcheinander gewirbelt. 

“Wenn es um unseren Verbleib in der Union geht, sprechen die Leute normalerweise von den wirtschaftlichen Vorteilen, die wir als Mitglieder des Vereinigten Königreiches genießen”, erklärt Pow. “Mit dem Brexit hat dieses Argument für mich seine Kraft eingebüßt.”

Er warnt: Wenn sich die wirtschaftliche Lage zu Ungunsten Nordirlands verändern sollte, dann könnte die Nationalisten “in einem möglichen Referendum wahrscheinlich für eine Wiedervereinigung Irlands stimmen”.

Radikale Nordiren setzen auf den Brexit 

Während junge Nordiren wie Heather Wilson und Jamie Pow versuchen, die politische Mitte ihres Landes umzubauen, weigern sich andere stärker als je zuvor, Kompromisse mit der Gegenseite einzugehen.

Jamie Bryson ist Gründer der loyalistischen Basisinitiative ”Unionist Voice”. Den britischen EU-Austritt unterstützt er gerade deshalb, weil er glaubt, dass das Karfreitagsabkommen durch einen Brexit außer Kraft gesetzt werden könnte.

JAMIE BRYSON
Jamie Bryson.

Es macht ihn wütend, dass Politiker sich bisher weigerten, die Grenze zur Republik Irland zu schließen. Bryson ist Vertreter einer neuen, immer erfolgreicheren politischen Richtung in Nordirland, der insbesondere die Vertreter der DUP zunehmend Gehör schenken werden müssen.

“Ich würde mich wahrscheinlich als radikalen Brexit-Befürworter bezeichnen”, erklärt Bryson während er es sich an unserem Tisch in einem fast menschenleeren Hotel in der Nähe des nordirischen Parlaments gemütlich macht. “Für mich ist der Fall abgeschlossen. Die britische Bevölkerung hat eine demokratische Entscheidung getroffen und diese Entscheidung muss nun implementiert werden.”

“Wieso sollten wir uns schämen, die Grenze zu schließen?”

Dass die Mehrheit in Nordirland für den Verbleib in der EU gestimmt hat, ficht ihn nicht an. Ebenso wenig, dass die irisch-irische Grenze wohl eine Sonderlösung fordert.

“Wenn wir diesen Schritt erst einmal gegangen sind, wo sollen wir dann aufhören?”, fragt Bryson. “Soll die Stadt London vielleicht alleine in der Europäischen Union bleiben? Sollen wir etwa anfangen, das Vereinigte Königreich nach Straßen, Dörfern und Städten aufzuteilen, mit der einen Hälfte im Binnenmarkt, und der anderen eben nicht?”

Sein Argument: Das Referendum sei eine gesamtbritische Angelegenheit gewesen. “Wir sind der EU als Vereinigte Königreich beigetreten und sollten sie nun auch als Vereinigtes Königreich verlassen.”

Er fügt hinzu: “Wieso sollten wir uns schämen, wenn Nordirland Teil Großbritanniens bleibt und wir die Landgrenze zu Irland schließen? Wieso verstecken wir uns davor? Ich für meinen Teil unterstütze die Befürworter eines harten Brexits.”

Der Brexit als Trojanisches Pferd 

Bryson stößt sich am Karfreitagsabkommen. Er nennt es auch das “Belfaster Abkommen”. Dann klinge es nicht religiös, nicht so “als wäre es heilig oder unantastbar”.

“Ich war immer davon ausgegangen, dass der Brexit mit diesem Unsinn aufräumen würde, dass Nordirland eine Art britisch-irischen Hybridstatus innehat”, sagt Bryson.

“Deshalb habe ich mich auch für den Brexit eingesetzt. Ich betrachte die Angelegenheit als ein Trojanisches Pferd, mit dem wir das Belfaster Abkommen von innen heraus zerstören können.”

Bryson gesteht zwar ein, dass ein Brexit der Wirtschaft Nordirlands schaden könnte, sieht darin aber keinen Grund, den EU-Austritt wieder rückgängig zu machen.

“Es wird in jedem Fall wehtun”, sagt Bryson. “Wir verändern unser Land momentan grundlegend. Die große Herausforderung für unsere Regierung ist, einen Deal auszuhandeln, der die Arbeit an der irischen Grenze möglichst einfach gestalten würde.”

Einfache Lösungen aber sind für das Dilemma an der irisch-irischen Grenze bisher nicht in Sicht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Lukas Wahden übersetzt und von Leonhard Landes editiert.