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22/08/2018 15:54 CEST | Aktualisiert 22/08/2018 21:07 CEST

So ist es, seine Periode zu haben, wenn man keine Frau ist

"Ich wurde schon mal aus einer Toilette gescheucht."

Cass Bliss identifiziert sich als Non-Binary – also als geschlechtslos. Da es im Deutschen keine festgelegten Pronomen dafür gibt, entschieden wir uns für die Anrede “xier”, die im gender-neutralen Sprachgebrauch häufiger vorkommt.

Cass Bliss bezeichnet sich selbst als Non-Binary-Trans-Menschen, der regelmäßig seine Periode bekommt. “Jemand, der einen Uterus hat, der einmal im Monat blutet, aber sich außerhalb der üblichen Geschlechter identifiziert”, erklärt Bliss der HuffPost.

Oben im Video erzählt Trans-Mann Kenny, wie er sich dabei fühlt, monatlich seine Periode zu bekommen.

Bliss konnte sich schon als Kind mit keinem Geschlecht identifizieren. Einen Begriff dafür hatte xier damals allerdings nicht. “Ich mochte den Begriff burschikos. Bis ich 14 Jahre alt war, verwendete ich ihn, um mich zu identifizieren. Doch dann kam das Alter, bei dem es unverkennbar war, dass ich zu einem Mädchen heranwuchs”, erinnert sich Bliss.

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Cass Bliss
Cass Bliss mit einem Tampon.

Etwas fühlte sich falsch an

Diese Angst vor dem eigenen Körper wurde im Laufe der Zeit als “Dysphorie” diagnostiziert. Diese Krankheit wird oft bei transsexuellen Menschen festgestellt, die eine Störung ihrer emotionalen Wahrnehmung erfahren, wenn der Körper nicht mit dem gefühlten Geschlecht übereinstimmt.

Als meine Brüste wuchsen und meine Hüfte breiter wurde, fühlte ich mich sehr unwohl mit meinem Körper – dieses Unbehagen ging aber viel weiter als das der üblichen Pubertät”, erklärt xier der HuffPost. “Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, weil ich keine Frau sein wollte.”

Doch schlimmer, als die körperliche Veränderung, war für Bliss die Periode. Die Flecken in xiers Unterwäsche waren das eindeutige Zeichen, dass xier gezwungen war, die kindliche Androgynie hinter sich lassen zu müssen.

Die Dysphorie verstärkt sich während der Periode

“Egal was wir Non-Binary-Menschen machen, wenn unsere Periode ein Mal im Monat kommt, erinnert sie uns daran, dass die Welt uns immer noch als Frau wahrnimmt”, sagt Bliss.

Die femininen Hygieneprodukte, die Werbung, mit dünnen, weißen Frauen, fehlende Entsorgungsmöglichkeiten in Männer-Toiletten – all das fühlt sich für Bliss an, als würden tausenden Nadeln durch die Haut stechen.

Die Dysphorie verstärkt sich besonders in der Zeit der Periode. Bliss versucht meist Hygieneartikel zu finden, die nicht rosa oder lila sind oder Blümchenmuster haben: “Wenn du denkst, dass Krämpfe und Stimmungsschwankungen schlimm sind, dann versuch mal all das zu erleben, während du praktisch noch ein Schild umhängen hast, das sagt: ‘Du gehörst nicht hier her.’”

Die Darstellung von Perioden in den Medien ist für Bliss noch nie sehr realisitsch gewesen. “Besonders als Trans-Mensch ist es schwer etwas zu finden, was nicht gerade schreit: ‘Du bist eine F-R-A-U!’”, erklärt xier.

Das Sicherheitsgefühl in Frauen-Toiletten war größer

Bliss ist inzwischen 25 Jahre alt und fühlt sich relativ wohl in seiner_ihrer Haut: “So wohl, wie sich jemand fühlen kann, der sich nicht als weiblich identifiziert, aber zwei Fettmuskeln an seiner Brust hat.” Dennoch hat xier ständig das Gefühl, dass jeder Bliss beäugt und versucht, in eine geschlechtliche Schublade zu stecken.

Damit kommen weitere Schwierigkeiten während der Periode für Bliss dazu. Denn es gestaltet sich als schwierig, eine passende Toilette zum Wechseln der Produkte zu finden.

Cass Bliss
"Wenn ich die Männer-Toilette benutze, muss ich immer darauf achten, dass man keine Flecken sieht und wie ich mich diskret um meine Periode kümmern kann, ohne dass mir was passiert", erklärt Bliss.

Bevor Bliss sich die Brust abbindete, entschied xier sich meist für die Frauen-Toilette. Dort war das Sicherheitsgefühl größer – es ist nicht peinlich, wenn jemand hört, dass man ein Tampon oder eine Binde wechselt. Außerdem gibt es dort auch Möglichkeiten zur Entsorgung der Produkte.

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Bliss wurde aus der Toilette gescheucht

Doch inzwischen sieht Bliss durch wieder abgesetzte Testosteron-Spritzen maskuliner aus und fühlt sich in Frauen-Toiletten nicht mehr willkommen: “Ich wurde schon mal von einer Mutter aus der Toilette gescheucht. Ich hatte das Gefühl, dass sie Angst hatte, dass ihre Tochter vielleicht die gleiche Luft wie ich einatmen würde, und sich dadurch vielleicht ‘anstecke’.”

Doch auch Männer-Toiletten sind kein Idealer Ort. Bliss hat oft Angst, entdeckt zu werden, wenn xier die Produkte wechseln möchte. Denn oft ist xier auch dort nicht sicher vor Diskriminierung.

“Ich bin immer noch sehr burschikos, aber ich wollte auch nie wirklich ein Junge sein”, erklärt xier. “Aber anscheinend ist es für die Gesellschaft leichter, die ganze Non-Binary-Community darum zu bitten, sich einfach operieren zu lassen, anstatt einfach aufzuhören, der Periode ein Geschlecht aufzuerlegen. Lasst uns doch einfach in Ruhe menstruieren.”

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Non-Binary-Menschen werden nicht wahrgenommen

Die weltweite Multimedia-Organisation NPR betitelte das Jahr 2015 als “Jahr der Periode” – denn besonders zu dieser Zeit kamen immer mehr Berichte über das Tabu-Thema. Die Medien setzen sich stark damit auseinander, von der Tampon-Steuer bis hin zum freien Bluten in der Öffentlichkeit.

Doch für Bliss wurde schnell klar, dass die Stimmen der Randgruppen außer Acht gelassen wurden. “Für so eine Bewegung, die den Wunsch hat, ohne Verurteilung und ohne Stigma zu sein, ist es ziemlich kontraproduktiv, dass meine Community nicht wahrgenommen wird”, erklärt xier.

Darum startete Bliss 2017 den Hashtag #BleedingWhileTrans – damit machen Transsexuelle und Non-Binary-Menschen inzwischen im Netz auf das Problem aufmerksam.

Cass Bliss
Bliss mit dem Schild "Nicht nur Frauen haben Perioden".

Jeder verdient die gleiche Sicherheit

Bliss weiß, dass es für die Öffentlichkeit leichter ist, die Periode als normal anzusehen, wenn man sie schön, feminin und sauber darstellt – wie in der Werbung mit dünnen, weißen Frauen und eleganten Einlagen.

Für Bliss ist klar: “Letztendlich können wir das Tabu der Periode nicht verschwinden lassen, wenn wir nicht alle menstruierenden Menschen von dem Tabu befreien.

Jeder, der seine Periode bekommt, aber sich nicht als Frau identifiziert, verdient die gleiche Sicherheit, den gleichen Zugang zu Hygieneartikeln und Geborgenheit, wie alle anderen, die auch menstruieren.”

“Alles, was ich will, ist die Möglichkeit zu haben, in einen Laden zu gehen und Tampons zu kaufen, ohne dafür verurteilt zu werden”, sagt Bliss.

“Ich möchte meine Einlagen in einer Toilette wechseln können, ohne mir Sorgen über meine Sicherheit machen zu müssen. Und ich möchte in das Gespräch mit einbezogen werden, das einen großen Einfluss auf den Körper hat, in dem ich geboren wurde – egal ob ich eine Frau bin, oder nicht.” 

Cass Bliss ist Non-Binary Trans-Pädagoge mit einer Leidenschaft für kreative Gestaltungen. Bliss nutzt Kunst, Musik, Texte und Comics, um auf Probleme der Trans- und Non-Binary-Community aufmerksam zu machen. Darunter fällt auch transsexuelle Sexualkunde, Transphobie, geschlechtsbezogene Periode und medizinische Umwandlungen.

Nachdem Bliss das erste Perioden-Malbuch “Die Abenteuer von Toni dem Tampon” veröffentlichte und die Kampagne #BleedingWhileTrans startete, bekam er den Titel “Der Perioden-Prinz”. Es etablierte sich als einer der ersten führenden Experten für trans-inklusiven Perioden-Aktivismus.

(nc)