POLITIK
28/07/2018 11:47 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 12:27 CEST

Nigerianer: Die EU soll unsere Flüchtlinge retten – und zurückschicken

“Wer glaubt, nur die Europäer könnten Afrika aus der Misere holen, liegt falsch."

Im Video oben: Neue Daten zeigen, dass die Zahl der Flüchtlinge weltweit steigt  – aber nicht in Deutschland.

Wir haben uns an die Bilder gewöhnt, so sehr, dass sie uns manchmal kaum noch berühren. Obwohl es eigentlich sehr, sehr starke Bilder sind: Afrikaner auf Flüchtlingsbooten, mehr Erschöpfung als Hoffnung im Blick.

Und so diskutiert Europa teils ohne viel Empathie, was man machen soll mit diesen Menschen. Manche arbeiten allen Ernstes darauf hin, sie im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Manche wollen sie retten und zurückschicken. Manche sie retten und nach Europa holen.

Die HuffPost will wissen, was Menschen aus Afrika über die Flucht denken. Und was Europa aus ihrer Sicht tun muss. 

Andreas Gebert via Getty Images

Mehr zum Thema: Ein eritreischer Professor erklärt, wie das Regime von der Flucht profitiert

Die meisten Afrikaner kommen aus Nigeria nach Deutschland

Die meisten der Afrikaner, die in Deutschland um Asyl bitten, kommen aus Nigeria. 5734 habe im ersten Halbjahr 2018 einen ersten Asylantrag in Deutschland gestellt.

In Deutschland bleiben darf nur jeder Dritte von ihnen. Das heißt umgekehrt: Zwei Drittel haben umsonst für sie gigantische Summen an Schleuser gezahlt, haben umsonst ihr Leben in der Wüste und auf dem Wasser riskiert.

Warum tun sie das? Was würde ihnen die Flucht und Deutschland die Abschiebung ersparen? Was sollte die EU tun?

Einer von denen, mit denen die HuffPost gesprochen hat, ist Yusuf Maigari. Er ist einer der Chefs einer nordnigerianischen Firma in Regierungsbesitz, die Behördenmitarbeitern beibringt, unternehmerisch zu arbeiten. Maigari hat in den 70ern Wirtschaft studiert und sich unter anderem an der Harvard Business School weitergebildet.

Nura Jibo ist Experte für Baumanagement, beschäftigt sich intensiv mit Klimaschutz und ist Mitglied des Forscher-Netzwerks West African Research Association der Boston University.

Damit man verstehen kann, was die beiden als Lösung vorschlagen, erklären sie zunächst, was die Nigerianer aus ihrer Sicht zur Flucht treibt.

UNFCCC Climate Action Studio/Yusuf Maigari
Nura Jibo (l.) und Yusuf Maigari

1. Die Bevölkerungsexplosion

Für Maigari ist die “Bevölkerungsexplosion”, wie er es nennt, eine der Wurzeln der Probleme.

► Die Bevölkerung wächst jedes Jahr um mindestens 2,5 Prozent. Also um gut viereinhalb Millionen Menschen.

► Nach offiziellen Angaben verhüten 87 Prozent der Nigerianerinnen, die in einer Partnerschaft leben, nicht. In Deutschland sind es unter 20 Prozent.

► 44 Prozent aller Nigerianer sind Kinder. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 13 Prozent.

2. Die Arbeitslosigkeit und der Hunger

Arbeit aber gibt es für die jungen Leute nicht.

► Nach offiziellen Angaben sind unter den jungen Leuten zwischen 15 und 35 Jahren 53 Prozent arbeitslos oder unterbeschäftigt.

► Besonders betroffen sind jene mit höherer Schulbildung. Das heißt: Es gibt kaum Jobs, die über einfache Arbeiten hinausgehen und das Land weiterbringen würden. Die Fachkräfte wandern ab, Brain Drain nennt man das.

Auch Jibo sieht aufgrund des Entwicklungsstands Nigerias keine Chance für seine weitere Karriere, nicht akademisch, nicht finanziell. “Ich bin einer von denen, die versucht haben, das Land voranzubringen”, sagt der Vater zweier Kinder. Aber jetzt will er weg. 

► Maigari sagt, weder in den Behörden noch in der Industrie gebe es genug Arbeitsplätze. “Die Produktion in der Industrie ist gering, wegen der Konkurrenz der Billigprodukte vor allem aus China, Malaysia und Indien”, sagt er. Unter anderem deswegen hätten viele Firmen dichtgemacht.

► Doch von einer überwiegend armen Bevölkerung mit geringer Kaufkraft könne man nicht erwarten, dass sie lokales Unternehmertum fördere. 

Maigaris Einschätzung, dass wirtschaftliche Not und Hunger der treibende Motor der Flucht ist, passt zu der Tatsache, dass Deutschland zwei Dritteln der Asylsuchenden aus Nigeria keinen Schutz gewährt – den bekommen, vereinfacht gesagt, nur Menschen, deren Leben wegen Gewalt bedroht ist.

3. Die Kriminalität und Unsicherheit

Maigari selbst nennt es einen “Notfall”.

► Denn Arbeitslosigkeit bedeutet nicht nur Armut, sondern auch soziale Not. Wer kein Geld hat, darf nicht heiraten. Und beides zusammen bedeute Kriminalität. “Das gipfelt in Unsicherheit, Unruhen, Raubüberfällen, Geiselnahmen, Lösegelderpressung, Vergewaltigung und allen möglichen anderen Spielarten von Kriminalität.” 

► Jibo verweist darauf, dass viele Menschen aus Hunger im Land umher wanderten, was wiederum die Kriminalität in den Gegenden steigen lasse, die sie als ihr Ziel auserwählten.

► Die Denkfabrik International Crisis Group meldete am Donnerstag, inzwischen seien Kämpfe zwischen Hirten und Bauern im Norden des Landes das größte Sicherheitsrisiko, seit Jahresbeginn seien so 1300 Menschen gestorben, mehr als bei Attacken durch die Terrormiliz Boko Haram. Ursache der Kämpfe seien Umweltprobleme – und viele andere mehr.

Akintunde Akinleye / Reuters
Ein Hirte mit seinen Milchkühen im nordnigerianischen Kano (2016)

4. Die Korruption

Die Korruption ist ein allgegenwärtiges Thema in Nigeria.

► Im Index von Transparency International liegt Nigeria auf Platz 148 von 180. Daran hat sich in den vergangenen fünf Jahren nichts geändert.

► Maigari sagt, – vielleicht, weil er es wirklich glaubt, vielleicht, weil er es sagen muss – dass die aktuelle Regierung viel tue, um die Korruption in den Griff zu bekommen.

Aber man könne nicht diese Regierung allein dafür verantwortlich machen, jahrzehntelang sei das Thema vernachlässigt worden. Entsprechend lange werde es dauern, die Situation in den Griff zu bekommen.

Angesichts dieser Lage, sagt Maigari, könne man es niemandem verdenken, der sich nach Europa aufmache. Wer Hunger habe, höre auf die Risiken der Flucht nachzudenken. “Die jungen Menschen scheinen die Hoffnung zu verlieren. Wir müssen einen Weg finden, sie von der Flucht übers Mittelmeer abzuhalten und sich in den Tod zu stürzen.”

Und wie soll das aussehen, was kann Europa tun?

1. Retten und zurückbringen

► Die Seenotrettung einzustellen, sagt Maigari, sei aus humanitären Gründen keine Option. 

Aber dennoch müsse es ein gewisses Maß an Kontrolle geben. “Jeder Staat hat das Recht, seine Grenzen zu schützen, die Leute, die sie überqueren wollen, zu überprüfen, und sein Territorium zu schützen.” Er findet, dass jedes Land selbst entscheiden dürfe, wen es aufnimmt und ausbildet.

► Er schlägt daher vor, das Mittelmeer mit Hilfe von Satelliten- oder anderer Technologie zu überwachen, um zu sehen, wo Boote in See stechen, die Leute in Not zu retten und wieder dorthin zurückzubringen, wo sie gestartet sind. Dieser Prozess müsse international ausgehandelt werden.

Europäische Retter dürfen Flüchtlinge allerdings nicht nach Libyen zurückbringen, da das Land nach einem urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht sicher ist. Es wird von Milizen kontrolliert, in den Lagern für Flüchtlinge herrschen schlimmste Bedingungen.*

2. Über Verhütung reden

► Maigari schlägt vor, dass Europa mit afrikanischen Leadern darüber sprechen sollte, wie sich die Bevölkerungsexplosion in den Griff bekommen lässt. 

► Es ist ein ebenso schwieriges, wie heikles Thema. Denn der Kinderreichtum “ist in der Kultur verwurzelt, in der Religion, es ist ein Art Dogma, dem man folgt”. 

3. Wirtschaftszusammenarbeit

Maigari hält Wirtschaftszusammenarbeit zwischen Nigeria und der EU prinzipiell für eine gute Idee. 

► Die Ölindustrie, die Nigeria lange domniert habe, hält Maigari nicht für den richtigen Hebel. Schließlich lebten in Nigeria mehr Menschen unter der Armutsgrenze als in Indien.

► “Mit der verzweifelten und arbeitslosen Jugend haben wir sehr billige Arbeitskräfte”, sagt er. Er würde versuchen, mit Risikokapital aus der EU innovatives Unternehmertum zu fördern. Genug Rohstoffe gebe es ja.

Die Produkte sollten dann in den neu entstehenden Märkten verkauft werden, die wiederum weniger abhängig vom Import würden.

Wer arbeite, bekomme Kaufkraft und könne so die Wirtschaft mit dem Konsum stimulieren. Die EU könne so auch Geld verdienen.

 “Wir müssen die Menschen hier in Nigeria ausbilden und sie in die Jobs bringen, die es geben wird. Und wir müssen das schnell machen. Wenn wir das nicht schaffen, wird das Schiff sinken, mit einem Teil unserer Jugendlichen im Mittelmeer, über Jahre.” 

4. Mit Druck zu mehr Demokratie

“Natürlich wollen wir alle Demokratie”, sagt Jibo. Aber es gehe nun mal nicht von jetzt auf gleich. 

► “Die EU sollte die Unterstützung von afrikanischen Staatschefs einstellen, die lebenslang regieren wollen”, sagt er. Hilfen in der Landwirtschaft und im Gesundheitswesen würde Jibo an eine Beschränkung der Amtszeit koppeln.

5. Sicherheit durch weniger Waffen

Wichtiger als alles andere aber ist für Jibo Sicherheit.

► Die EU müsse aufhören, Waffen an Rebellen zu verkaufen. “Ich könnte einen Tag lang darüber reden, was passiert, wenn die EU und der Westen Rebellen unterstützen. Libyen ist heute fast unbewohnbar.”

► Die EU selbst solle sich auf Diplomatie statt Militäreinsätze beschränken

Beide Männer aber betonen im Gespräch mit der HuffPost die Eigenverantwortung der afrikanischen Staaten.

► Jibo sagt: “Wer glaubt, nur die Europäer könnten Afrika aus der Misere holen, liegt falsch. Es kommt immer auf die Afrikaner selbst an.” 

Maigari sagt, wo nicht gerade Wüste sei, wo es Ressourcen gebe, “ist es die Verantwortung der afrikanischen Staaten, auch meines eigenen, für seine Bevölkerung zu sorgen”, sagt Maigari.

► Die Afrikaner müssten aufwachen. “Die Regierungen sind faul, uninnovativ und unklug.” Dass sich afrikanische Herrscher wie Kleptomanen aus öffentlichen Kassen bedienten, müsse aufhören.

Jibos Vorbild in dieser Sache: die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović. Sie hat den Flug zur Fußballweltmeisterschaft in Russland aus eigener Tasche bezahlt. “So eine Führungskultur will ich in Afrika auch sehen.”

“Wir haben so viele Ressourcen hier in Afrika”, sagt Jibo. “Wenn wir damit gut umgehen, kann Afrika ein Weltwunder werden.” 

* Dieser Hinweis wurde nach der Veröffentlichung noch ergänzt.

(ll)