POLITIK
05/09/2018 21:47 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 21:47 CEST

Niedrige Einkommen, hohe Abgaben: Wir produzieren eine Generation von Radikalen

Vom “kleinen Wirtschaftswunder“ der vergangenen neun Jahre kommt kaum etwas bei den Angehörigen der Mittelschicht an.

Anadolu Agency via Getty Images

Wir müssen über die Einkommen in Deutschland reden. Und über das Gefühl, dass der Wirtschaftsboom an der Realität der meisten Menschen vorbei geht.

Es gibt eine neue Studie, die von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung kommt und sich erstaunlich kritisch mit der sozialen Realität in Deutschland beschäftigt.

Erstens, so die Autoren, schmelze die Mittelschicht keineswegs ab. Zweitens seien die Netto-Einkommen der meisten Deutschen unter der Regierung von Kanzlerin Angela Merkel nur minimal angestiegen. Die Mittelschicht merke nichts davon, dass es diesem Land angeblich immer besser geht.

Laut der Studie gehören insgesamt 76,5 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht.

Die ist von den Autoren sehr weit definiert: Sie reicht von einem Netto-Monatseinkommen von 976 Euro bis 3252 Euro. Anders ausgedrückt: Laut Konrad-Adenauer-Stiftung zählt sowohl die Friseurin als auch der Direktor eines Gymnasiums zur Mittelschicht.

Vom “kleinen Wirtschaftswunder” kommt kaum etwas an 

Sie alle verbindet aber eines: Zwischen 2005 und 2015 sind ihre Einkommen nur unwesentlich gestiegen. Das lässt sich sehr gut am Median-Einkommen ablesen – also jener Wert, der die Mittelschicht in zwei gleich große Hälften teilt. Der Median lag im Jahr 2005 bei 1.600 Euro Netto-Einkommen im Monat, im Jahr 2015 bei 1.720 Euro.

Binnen zehn Jahren ist das Median-Einkommen um gerade einmal 7,5 Prozent gestiegen. Das deckt noch nicht einmal die inflationsbedingten Verluste in diesem Zeitraum ab.

Der subjektive Eindruck, den viele Menschen haben, täuscht also nicht: Vom “kleinen Wirtschaftswunder“ der vergangenen neun Jahre kommt kaum etwas bei den Angehörigen der Mittelschicht an.

Jetzt ist die Frage, woher diese Entwicklung kommt. Dafür lohnt ein Blick auf das, was “Einkommen“ ausmacht. Einerseits können das Renten sein, andererseits auch Sozialleistungen. Für die meisten ist es das Geld, das am Markt durch die Bereitstellung der eigenen Arbeitskraft erzielt wird – also das Markteinkommen.

Nur 42,5 Prozent gehören zur Mittelschicht 

Die Konrad-Adenauer-Stiftung sieht hier einen Treiber für die Entwicklung: Markteinkommen driften immer weiter auseinander. Hochqualifizierte können in ihren Jobs sehr viel Geld verlangen. Durchschnittsbewerber und Niedrigqualifizierte dagegen müssen sich mit schmalen Gehältern arrangieren.

Nimmt man lediglich die Markteinkommen, dann würden nur 42,5 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht gehören.

Derzeit ist jedoch in Deutschland die Abgabenquote so hoch wie in kaum einem anderen Land in Europa.

Steuern und Sozialabgaben machen derzeit etwa 40 Prozent eines Arbeitseinkommens in Singlehaushalten aus. Sehr viel von diesem Geld wird für die Finanzierung von Sozialleistungen verwendet.

 

Das hat zur Folge, dass ein beträchtlicher Teil der Gutverdiener am Ende des Monats mit einem Mittelschichtseinkommen dasteht. Aber eben auch, dass sich die Zahl der Niedrigverdiener um gut 60 Prozent reduziert. Nur durch Umverteilung ist in den vergangenen 10 Jahren die Mittelschicht relativ stabil geblieben.

Mann kann es jedoch auch anders sehen: Die Arbeitgeber haben sich schon längst aus der sozialen Verantwortung verabschiedet. Nur durch massive Umverteilung gelingt es noch, dass es in Deutschland noch einigermaßen gerecht zugeht.

43 Prozent der Neueinstellungen sind befristet

Die Rechnung zahlen dafür vor allem die mittleren Einkommen. Zum einen über die Sozialabgaben – die sind für höhere Einkommen nämlich gedeckelt. Und über die Einkommenssteuer – die “kalte Progression“ frisst an mittleren Einkommen unverhältnismäßig stark.

Betroffen sind speziell die jüngeren Arbeitnehmer.

Sie sind von mehreren Entwicklungen direkt betroffen, die in den vergangenen 20 Jahren den Arbeitsmarkt in Deutschland verändert haben.

Da wären zum einen die Zeitverträge, die noch Mitte der 1990er-Jahre die absolute Ausnahme waren. Für Berufseinsteiger gehören sie heute eher zur Regel. Insgesamt 43 Prozent der Neueinstellungen sind derzeit befristet. Das schafft zusätzlich zu den hohen Abgaben auch noch Unsicherheit.

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Aber auch der Anteil von Jobs mit Tarifbindung ist kontinuierlich zurückgegangen, wie eine Studie der Hanns-Böckler-Stiftung zeigt. Im Jahr 1998 wurden im Westen noch 76 Prozent der Arbeitsplätze nach Tarif bezahlt, heute sind es nur noch 57 Prozent. Im Osten arbeiten sogar nur noch 44 Prozent der Beschäftigten für einen Tariflohn.

Wer heute also in den Beruf einsteigt, hat eine weit weniger hohe Chance nach Tarif bezahlt zu werden als die eigene Elterngeneration.

Wir brauchen keine neuen Sozialleistungen, sondern etwas anderes

Dass genau diese jüngeren Arbeitnehmer, die ohnehin schon selbst benachteiligt sind, mit ihren Abgaben die Ungerechtigkeiten am Arbeitsmarkt noch zusätzlich ausgleichen müssen, gehört zu den großen Ungerechtigkeiten, die es derzeit im Berufsleben gibt.

Und sie führt auch dazu, dass gerade die Jüngeren immer mehr das Vertrauen in die Demokratie verlieren. Das hatte der Politikwissenschaftler Yascha Mounk bereits 2016 in einer Studie aufgezeigt. 

Wir brauchen deshalb keineswegs immer neue Sozialleistungen, die dafür herhalten müssen, die Schieflage des Arbeitsmarktes auszugleichen.

Ein gutes Beispiel sind die Rentengeschenke, die derzeit an die ältere Generation verteilt werden: Von der Mütterrente profitiert keine einzige Frau, die heute jünger als 50 ist. Doch alle Arbeitnehmer unter 50 zahlen – früher oder später - mit Steuermitteln dafür, dass Frauen jahrzehntelang benachteiligt und mit kleinen Löhnen abgespeist wurden.

 

Und warum eigentlich müssen die Steuerzahler dafür gerade stehen, dass es trotz Mindestlohn immer noch 200.000 Menschen in Deutschland gibt, die trotz Vollzeitstelle von Hartz IV leben müssen? 

Die Wirtschaft sollte Verantwortung übernehmen 

Stattdessen sollte die Wirtschaft endlich einmal selbst Verantwortung übernehmen.

Tariflöhne müssen wieder die Regel werden. Zeitverträge sollten die absolute Ausnahme sein und sind nur dann zu tolerieren, wenn es dafür klar formulierbare Gründe gibt.

Und wer ausbildet, der trägt auch Verantwortung für die Zukunft seiner Azubis. Einfach nur deswegen Lehrstellen schaffen, weil man sich eine Vollzeitstelle nicht leisten kann, und dann die Azubis nach getaner Billigarbeit zur Arbeitsagentur zu schicken - das ist asozial.

Wenn wir nämlich weiterhin jedes Jahr Millionen junger Menschen das Gefühl geben, dass ihre Arbeitskraft nichts wert ist – dann müssen wir uns auch nicht wundern, wenn wir irgendwann eine Generation von Radikalen produziert haben.