POLITIK
16/04/2018 14:39 CEST | Aktualisiert 17/04/2018 08:04 CEST

#NichtohnemeinKopftuch: Dubiose Akteure kapern die Kopftuchdebatte

Die Politik hat den Extremen Steilvorlagen geliefert – jetzt kommt die Quittung.

  • Extreme verschiedener Richtungen nutzen den Twitter-Hashtag #NichtohnemeinKopftuch für ihre Debatte übers Kinder-Kopftuch
  • Die Politik ist mitschuld, dass sich nun dubiose Figuren profilieren

Der Hashtag, der sich seit dem Wochenende stark auf Twitter verbreitet: suggeriert Drama: #NichtohnemeinKopftuch.

Die Wortwahl erinnert an die drastische Geschichte von Betty Mahmoody, einer US-Amerikanerin, die von ihrem iranischen Mann unterjocht wurde und unter größten Gefahren mit ihrem kleinen Mädchen wieder in den Westen floh. “Nicht ohne meine Tochter” hießt ihr Buch, das in den 90ern Deutschland aufrüttelte.

Das Signal ist also klar: Es geht ums essentielle, existenzielle Fragen.

Schlammschlacht der Extremen

►  Unter dem Schlagwort #NichtohnemeinKopftuch diskutieren nun mehr und mehr User über ein Kinder-Kopftuchverbot für muslimische Mädchen in Kindergärten und Grundschule, wie es Politiker in Nordrhein-Westfalen aufgebracht haben.

Oder vielleicht muss man es anders formulieren: Die User tun zumindest ihre Meinung kund. Denn die Beschimpfungen, die Aggression, die aus vielen Tweets spricht, haben wenig mit einer Debatte zu tun. 

► Die Extremen haben nun das Thema für sich entdeckt. Die extremen Rechten wie die AfD und extreme Muslime.

Aufruf zum “Twitterstorm”

So riefen fragwürdige Seiten wie “Unser Islam” (die zwar religiöse und politische Inhalte sowie eine Spendenmöglichkeit bereitstellt, im Impressum aber nicht offenbart, wer hinter ihr steht) unter dem Hashtag zu einem “Wochenende der Empörung” auf.

Der Aufruf wurde mit einer martialischen Collage versehen, in der eine Hand nach dem Kopftuch einer Frau greift.

Islamische Fakten/FB

So hatte etwa auch die berüchtigte Schweizer Islamistin Nora Illi den Hashtag aufgegriffen.

Auf Youtube referieren der oder die Macher der Seite Lorans Yusuf mit ihren 32.000 Abonennten über das Thema, schimpft, die Muslime würden “für blöd” verkauft.

Ein Kopftuch sexualisiere Kinder nicht, sondern schütze sie vor sexuellen Übergriffen. Vorsichtshalber verweist er noch darauf, dass das, was er veröffentliche, auch mal im Widerspruch zum Gesetz stehen könnte.

“Doch dies ist keine Aufforderung zur Umsetzung hier in Deutschland. Vielmehr sollen die Lehren des Islam so authentisch wie möglich vermittelt werden.”

Er ruft dazu auf, eine Online-Petition gegen das Kopftuch zu unterstützen, die derzeit fast 30.000 Unterzeichner aus Deutschland hat.

Ein Twitter-User, der sich mit dem Männernamen Umar al-Faruq und dem Icon einer Muslima mit Kopftuch präsentiert, postete das Bild zweier Lollies: Jener mit Plastiküberzug war fliegenfrei. Der Lolli ohne Hülle von Fliegen besetzt. 

Liberale Muslime empören sich

Liberale Muslime und anerkannte Islam-Kenner äußern sich auf Twitter entsetzt über die Posts.

Eren Güvercin von Alhambra, einem Zusammenschluss von Muslimen, die sich laut Selbstdarstellung als Teil der europäischen Geschichte verstehen, schrieb, die “Phantomdebatte” über das Kopftuch werde von radikalen Randgruppen instrumentalisiert. 

Der Grünen-Politiker Ali Bas aus NRW kritisierte, die populistische Kinderkopftuchdiskussion habe nun den Radikalen Aufmerksamkeit beschert.

Die Berliner Imamin und Frauenrechtlerin Seyran Ates schimpfte am Montag, unter dem Hasthag hätten am Sonntag Tausende gezeigt, was sie von der Idee der Gleichberechtigung hielten.

Islam-Kenner Ahmad Mansour polemisierte, warum so viele Männer zum Thema Stellung bezögen, warum trügen sie dann nicht selbst ein Kopftuch?

Die Integrationsbeauftragte aus NRW, Serap Güler (CDU), die die Kinder-Kopftuch-Debatte in Deutschland ins Rollen gebracht hatte, fragte in Richtung des Grünen-Politikers Bas, warum man ihr vorwerfe, eine angeblich unnötige Debatte anzuschneiden, wenn die Aufregung zeige, dass das Thema doch mehr als nur eine Randgruppe betreffe?

Dazu muss man wissen: Es gibt keine Zahlen, die zeigen, wie viele kleine Mädchen mit Kopftuch es in Deutschland tatsächlich gibt.

Die letzte Erhebung stammt von 2008. Laut einer Umfrage im Auftrag des Bundesamts für Migration (Bamf) gaben damals 2,5 Prozent der unter 10-jährigen Musliminnen an, Kopftuch zu tragen, sowie knapp sieben Prozent der elf- bis 15-Jährigen. 

Rechte versuchen den Islam an sich zu diskreditieren

Rechte nutzen die Diskussion ihrerseits für ihre Propaganda. Die AfD ätzte, bestimmt würden nun auch diverse Politikerinnen wie Claudia Roth Kopftuch-Fotos posten. Das Signal: Jede Frau, die ein Kopftuch trage, verrate westliche Werte.

Andere behaupteten, wer Kindern ein Kopftuch verordne, sei nicht integrierbar und Schlimmeres.

Nicht fahrlässig, sondern mit Vorsatz

Die Debatte über das Kinder-Kopftuch driftet so immer weiter weg von einer Diskussion über die eigentliche Frage. 

Es geht nicht mehr um die Kinder, um deren Wohl und Integration, sondern um “den” Islam gegen “die” anderen, um “die” Islamisten gegen “das” Abendland.

Und die Integrationsbeauftragte Güler und andere müssen sich klarmachen, dass sie den Extremen in der Diskussion den Weg bereitet haben. Denn viele Politiker haben eben nicht gefragt, ob es mit dem Wohl kleiner Kinder vereinbar ist, dass sie von den Eltern stark religiös geprägt werden.

► Viele haben nur das Kopftuch an den Pranger gestellt. Der Vorwurf, hier würden verschiedene Religionen mit unterschiedlichem Maß beurteilt, liegt da nahe.

► Und das, ohne vorher belastbare Fakten über die Dimension des Kinder-Kopftuch-Phänomens und die Folgen für Kinder und Gesellschaft zusammenzutragen.

Es war so absehbar, in welche Richtung sich so eine Debatte entwickeln würde, zumal in einer Zeit, in der die Stimmung von Innenminister Horst Seehofers (CSU) Islam-Äußerungen so aufgeheizt ist. Das war also keine fahrlässige Aktion. Sondern Vorsatz. Keine verantwortungsvolle Politik. Sondern Populismus.