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09/07/2018 16:15 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 16:15 CEST

Neuer, alter Trend: der Firmensport kehrt zurück

Firmensport ist auch im Büro möglich, Fotolia ©Andrey Popov

Der Betriebssport erlebt eine Renaissance. Das hat eine ernste Ursache: Die moderne Arbeitswelt macht viele Menschen krank. Dagegen helfen nur umfassende Strategien. Viele Unternehmen denken bereits um. Aber es besteht noch Handlungsbedarf.

Deutschland hat ein Gesundheitsproblem

Unsere Gesellschaft wird von Jahr zu Jahr ungesünder. Fast jeder vierte Deutsche ist inzwischen stark übergewichtig, warnte eine Studie des Robert-Koch-Instituts im vergangenen Jahr. Tendenz steigend. Hinzu kommt die zunehmende Verbreitung lebensstilbedingter Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes. Und ein weiterer Faktor kommt hinzu: zu viel Belastung durch psychischen Stress.

Die schlechtere Gesundheit hat inzwischen messbare Konsequenzen für die Arbeitswelt. Die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz ist laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland zwischen 2012 und 2016 drastisch angestiegen: von 19,97 Millionen auf 30,53 Millionen im Jahr. Doch das ist nur ein Teil des volkswirtschaftlichen Schadens. Denn viele Menschen gehen trotz Krankheit jeden Tag zur Arbeit. Dort leisten sie aber viel weniger als möglich wäre. Wie groß der Schaden durch verminderte Leistungsfähigkeit wirklich ist, lässt sich durch Statistiken nicht ermitteln.

Digitalisierung fördert Stress

Auch die fortschreitende Digitalisierung verändert die Arbeitsbedingungen. Das hat nicht nur Vorteile. Die beschleunigte Arbeitswelt bedeutet für viele Beschäftigte zusätzlichen Stress, warnt der Fehlzeiten-Report. Der wird jedes Jahr vom Wissenschaftlichen Institut der AOK, der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin herausgegeben. Die Forscher benennen als Ursachen unter anderem: Die Aufgaben werden in vielen Berufen immer komplexer. Hinzu kommt der Zwang zum ständigen Multitasking, dem gleichzeitigen Erledigen unterschiedlicher Tätigkeiten. Auch tiefergehende Ängste machen krank. Zahlreiche Arbeitnehmer gaben an, dass sie befürchten, ihre Stelle früher oder später an eine Maschine abgebeben zu müssen.

Einige Unternehmen reagieren bereits auf die alarmierende Entwicklung und versuchen, ihre Angestellten zu Sport und gesunder Lebensweise zu animieren. Das ist keine neue Idee. Die Verbindung von Arbeitsplatz und Sport hat eine lange Tradition in Deutschland.

Firmensport – eine lange Tradition

Der Klassiker in diesem Bereich ist der Werksportverein. Praktisch jede größere Fabrik verfügt über einen oder sogar mehrere dieser Clubs. Das Angebot reicht von Fußball über Skat bis Yoga. Die meisten Betriebssportvereine wurden vor über 100 Jahren ins Leben gerufen, ihre Blütezeit erlebten sie in den 1920er Jahren. Schon damals wollten die Unternehmensleitungen auf diese Weise die körperliche Gesundheit ihrer Belegschaft verbessern. Gleichzeitig sollte aber auch deren Bindung an den Konzern vertieft werden.

Viele Werksportvereine wurden gegründet, um den seinerzeit beliebten Arbeitersportvereinen Konkurrenz zu machen. Letztere standen meist den Sozialdemokraten oder Kommunisten nahe. Bei ihnen wurde nicht nur der Körper bewegt, sondern auch der Klassenkampf propagiert. Das empfanden viele Chefs als Bedrohung. Schließlich lösten die Nationalsozialisten die Arbeitersportvereine ganz auf und schalteten den Betriebssport unter dem Motto „Kraft durch Freude“ gleich.

Nur echte Sport-Freaks sind im Verein

Während die DDR den Betriebssport auch in der Nachkriegszeit zentral organisierte, ging es in den meisten Clubs der Bundesrepublik weit weniger politisch zu. Allerdings verloren sie auch insgesamt an Bedeutung. Heute hat die Dachorganisation, der Deutsche Betriebssportverband, im gesamten Bundesgebiet nach eigenen Angaben nur noch etwa 270.000 Mitglieder. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es über 44 Millionen Arbeitnehmer. Nur wer wirklich sportbegeistert ist, meldet sich für einen Kurs an.

Der Rückgang liegt zum Teil an Sparmaßnahmen der Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten. Aber auch an Veränderungen in der Wirtschaft. Moderne Dienstleistungsunternehmen bieten ihren Mitarbeitern zwar kreative Entspannungsmöglichkeiten an. In der Zentrale von Google Deutschland kann man in ein Bällebad eintauchen, andere Firmen stellen einen Kicker in den Pausenraum. Aber nur selten umfasst das auch organisierten Sport, abgesehen vielleicht von einem jährlichen Dauerlauf der Belegschaft. Doch angesichts der grassierenden Gesundheitsprobleme und alarmierenden Studien zum Thema finden zahlreiche Chefs wieder zur Förderung des Breitensports zurück.

Vergünstigungen bei individueller Fitness genügen nicht

Allerdings wird der jetzt in anderer Form praktiziert. Was früher die „Ausgleichsgymnastik“ im Turnverein war, ist heute oftmals eine vergünstige Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Vor allem größere Unternehmen handeln für ihre Mitarbeiter Sonderkonditionen bei lokalen Anbietern aus. Das lohnt sich sowohl für die Studiobetreiber als auch für die Hobbyathleten. Aber das Problem bleibt dasselbe wie beim klassischen Verein: Das Angebot erreicht in der Regel nur diejenigen Mitarbeiter, die sich sowieso für Fitness interessieren. Die würden vermutlich auch ohne Rabatt trainieren. Wer aber bisher kein Interesse daran hatte, in seiner Freizeit beim Sport zu schwitzen, wird auch durch verbilligte Verträge nicht dazu ermuntert.

Aktueller Trend: Coaching am Arbeitsplatz

Deshalb setzen viele Chefetagen heute auf eine engere Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern. Professionelle Trainer kommen direkt in die Firma und organisieren dort regelmäßige Kurse. „Sport am Arbeitsplatz macht nicht nur körperlich fit, sondern hilft auch bei der Stressbewältigung“, sagt Elias Hisnawi. Der Berliner Fitness-Coach bietet spezielle Firmensport-Programme mit Ausdauertraining, Rückenschule und Boxen an. Auch in mittelständischen Firmen setze sich langsam die Erkenntnis durch, dass Investitionen in die Gesundheit notwendig sind, erklärt Hisnawi. Es sei aber wichtig, dass die Chefs nicht nur kurzfristige Maßnahmen als Events organisieren, sondern die Gesundheitsförderung der Beschäftigten zum Teil ihrer Langzeit-Strategie machen.

Mitarbeitergesundheit ist die Herausforderung der Zukunft

Die Gesundheit der Beschäftigten wird immer mehr zu einem Wettbewerbsfaktor. Viele Großkonzerne haben längst verstanden, dass kranke und gestresste Mitarbeiter bares Geld kosten. Deshalb organisieren Unternehmen wie Siemens oder Hochtief inzwischen Arbeitsschutz, Arbeitsmedizin und Betriebssport in einer einzigen Abteilung, dem Gesundheitsmanagement. Dessen Aufgabe ist es, die psychosozialen Belastungen für die Angestellten zu reduzieren. Das geschieht einerseits mit Maßnahmen zur allgemeinen Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig haben Gesundheitsmanager aber auch die Aufgabe, die Mitarbeiter bei ihrer individuellen Vorsorge zu unterstützen. Bei der praktischen Umsetzung spielen dann nicht selten die traditionellen Betriebssportvereine wieder eine tragende Rolle, indem sie moderne Kursangebote organisieren.

Firmenfitness: Win-Win für Unternehmen und Mitarbeiter

Krankheit und Fehlzeiten sind nicht nur persönliche Probleme einzelner Arbeitnehmer, sondern eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Nur wenn sich mehr Firmen dieser Verantwortung stellen, können negative Entwicklungen gestoppt werden. Im Idealfall macht Firmensport die Mitarbeiter fit und verbessert gleichzeitig den Zusammenhalt. Und für die Unternehmen ist es günstiger, einige Stunden Sport zu finanzieren als längere Ausfallszeiten hinnehmen zu müssen.