POLITIK
17/02/2018 18:21 CET | Aktualisiert 12/03/2018 13:41 CET

Angstmaschine Facebook

Eine HuffPost-Analyse zeigt, wie sich Hassmeldungen in dem sozialen Netzwerk immer stärker verbreiten.

Bloomberg via Getty Images
Facebook-Chef Mark Zuckerberg
  • Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagt, die Nutzer sollten sich in dem sozialen Netzwerk wohler fühlen
  • Tatsächlich hat er dem Hass eine Plattform gegeben – das belegen Daten

Johanna Wild steigt beruflich jeden Tag tief in die hässlichsten Gegenden von Facebook hinab.

Für ihr Münchner Startup Crowdalyzer analysiert sie, welche Falsch- und Hass-Meldungen die Nutzer auf Facebook lesen, kommentieren und teilen.

Zuletzt fanden die Experten heraus, in welchen zwielichtigen Ecken der sozialen Medien sich Facebook-Fans der CDU herumtreiben. Etwa auf der Facebook-Seite “Freie Medien”.

Dort liest man von Shampoos als “trojanische Pferde mit gefährlichen Invasoren” oder davon, dass die Vereinten Nationen zuließen, dass die Lebensmittel schleichend vergiftet würden.

Mehr zum Thema:  Wie Facebook-Fans von SPD und CDU auf die GroKo-Verhandlungen reagierten 

Wild wollte verstehen, wie Anhänger verschiedener Parteien ticken – und lebte eine Woche lang in ihrem Kosmos. Sie las Verschwörungstheorien wie jene der “Freien Medien” und trieb sich ausschließlich in dubiosen Facebook-Gruppen herum. 

Ich lebte in einer Parallelwelt, die mich mit Hass versorgte und mir das Gefühl gab, dass es für alle großen Probleme dieser Welt eine einfache Erklärung gibt”, sagt sie.

Nach drei Tagen ertappte sie sich bei dem Gedanken: “Du musst aufpassen, sonst siehst du die Welt nur noch schwarz.”

Und als die Woche vorbei war, wurde ihr klar: “Das ist eine Welt, aus der man nur ganz schwer wieder herausfindet.”

Mark Zuckerbergs angebliche Qualitätsoffensive

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat dieser Welt den Kampf angesagt und seinen mehr als zwei Milliarden Nutzern in einem vielbeachteten Beitrag am 12. Januar “more meaningful interactions” versprochen.  

Das heißt: Der persönliche Newsfeed, den jeder Nutzer als erstes sieht, wenn er Facebook öffnet, soll künftig radikal anders funktionieren.

Der Nutzer soll mehr persönliche Informationen von Freunden und Familienmitgliedern sehen, außerdem Nachrichten, die diese für so wichtig halten, dass sie sie kommentieren und teilen. Dafür hat Facebook Anfang Januar seinen Algorithmus verändert und den Anteil der angezeigten Beiträge, die Nachrichtenseiten auf Facebook posten, heruntergefahren.

Was im persönlichen Newsfeed landet, soll relevant für die User sein – und sie so glücklich machen.

Es ist eine der fundamentalsten Veränderungen für das weltgrößte soziale Netzwerk seit der Gründung im Jahr 2004.

Zuckerberg nimmt dabei nach eigener Aussage sogar in Kauf, dass Nutzer weniger Zeit auf Facebook verbringen und damit die Umsätze sinken. Für ein börsennotiertes Unternehmen ist das ein beinahe unerhörter Schritt.

Allerdings könnten zufriedenere Nutzer sich auch wirtschaftlich längerfristig als wertvoller erweisen als eine aufgeblähte Nutzungsdauer.

Tatsächlich brachen weltweit in der Folge der Algorithmus-Änderung die Reichweiten der meisten Nachrichtenseiten massiv ein.

Facebook verkauft den Schritt als große Qualitätsoffensive. “Wir wollen definieren, wie Qualitätsnachrichten aussehen und diesen einen Schub verschaffen”, versprach etwa Facebook-Managerin Campbell Brown auf einer Publisher-Konferenz Mitte Februar.

Neuer Algorithmus kann die Filterblase verstärken

“In der Theorie klingt das schön”, sagt Startup-Gründerin Johanna Wild. “In der Praxis kann ich mir aber nur sehr schwer vorstellen, dass das funktioniert.”

Denn wenn Facebook seine Echokammern zwar auf Freunde und Verwandte zuschneidet, diese aber regelmäßig Angst-, Hass- und Falsch-Meldungen teilen, vergrößert das die Filterblase für einige Nutzer, statt sie aufzulösen.

Und indem Facebook die Beiträge, die bei Nutzern die meisten Reaktionen auslösen, bevorzugt, verstärkt das Netzwerk genau das, was es eigentlich bekämpfen will: Angst und Hass. Facebook wirkt für diese Emotionen wie ein Durchlauferhitzer.

Wie die Recherche der HuffPost funktioniert

Und es spricht vieles dafür, dass genau das derzeit sogar verstärkt passiert. Zumindest in Deutschland gewinnen Inhalte an Gewicht, die Emotionen wie Hass, Wut und Angst auslösen.

► Das ist das Ergebnis einer aufwendigen Recherche der HuffPost auf Basis der Daten des Onlineportals “10.000 Flies”.

Das Unternehmen misst Interaktionen, die Artikel in den sozialen Medien auslösen, und listet täglich die erfolgreichsten Artikel auf. Unter Interaktionen versteht man Likes, Reactions, Shares und Kommentare bei Facebook, sowie Tweets, Retweets und Likes bei Twitter, die allerdings einen vergleichsweise geringen Anteil an den Interaktionen haben.

Weil das Team die Rankings über Jahre immer nach der gleichen Systematik erstellt hat, lassen sie sich gut vergleichen.

► Der Fokus der Auswertung lag dabei auf den 20 Beiträgen, die an dem jeweiligen Tag am erfolgreichsten waren. Verglichen wurden der Januar 2018 und der Juli und Januar 2017, um stichprobenartig die Entwicklung für ein Jahr nachzeichnen zu können.

Insgesamt flossen in die Auswertung 1860 Posts ein, für jeden Monat 620 Beiträge.

► Die Leitfrage für die Auswertung: Welchen Anteil an den 20 erfolgreichsten Texten haben Inhalte, die Emotionen wie Hass, Wut, Empörung und Angst bedienen und verstärken? Diese Meldungen wurden unter dem Begriff Angstmeldungen zusammengefasst.

Sicherlich: In jedem User lösen andere Beiträge negative Emotionen aus. Dennoch lässt sich bei Betrachtung der Kommentare unter den Artikeln sagen, dass vor allem Beiträge, die sich um die Themen Flüchtlinge und Verbrechen drehen, starke negative Emotionen bei den Lesern auslösen.

► Das Ziel der Auswertung: Hatte die Änderung am Algorithmus die von Facebook gewünschten Folgen? Also verbringen Nutzer eine “bedeutungsvollere Zeit” auf Facebook?

Gesellschaftlich höchst brisant

Die Frage ist auch gesellschaftspolitisch von höchster Bedeutung. Denn wie Forscher der Universität Warwick in England erst im Dezember zeigten, fördert Hass auf Facebook Gewalttaten in der Realität, unter anderem gegen Flüchtlinge.

Glaubt man den Ergebnissen der “10.000 Flies”-Auswertung, dann wächst diese Gefahr aktuell.

Emotionale Beiträge gewinnen an Bedeutung

Meldungen, die Emotionen wie Hass und Angst schüren, spielten im Januar 2018 eine wichtigere Rolle als noch im Juli und Januar 2017.

Die Zahl der Interaktionen mit solchen Beiträgen lag im Januar 2018 höher als in den zwei Vergleichsmonaten. Sie schaffen es häufiger an die Spitze der erfolgreichsten Texte in den sozialen Medien – und auch häufiger in die Top 20.

Es dominieren Artikel über Flüchtlingspolitik und Meldungen zu Verbrechen von Tätern mit Migrationshintergrund.

Teils dubiose Nischenmedien schaffen es immer häufiger, durch stark polarisierende Themen mit großen Publikumsmedien zu konkurrieren – und verzeichnen große Wachstumsraten bei den Interaktionen.

“Soziale Medien sind weit davon entfernt, Aufklärung zu verbreiten – sie verbreiten Gift”, schrieb der britische “Economist” schon im November in einer Titelstory über Facebook als “Gefahr für die Demokratie”.

Auch der ehemalige Chefethiker von Google, Tristan Harris, geht hart mit den sozialen Medien und vor allem Facebook ins Gericht: “Die sozialen Medien können die schlimmsten Charakterzüge von Menschen verstärken”, erklärte er erst kürzlich.

Aufregung um angebliche Islamisierung auf Kika

Wer am 9. Januar in den sozialen Medien unterwegs war, der fand sich in einer regelrechten Hassmaschine wieder.

► 13 der 20 erfolgreichsten Meldungen bei “10.000 Flies” waren an diesem Dienstag Angstmeldungen. Nicht, weil der UN-Sicherheitsrat an diesem Tag die Sanktionen gegen Nordkorea verschärfte. Nicht, weil SPD und Union über die GroKo-Finanzen verhandelten.

► Die sozialen Medien liefen heiß, weil eine Meldung die Runde machte, zu der sich im Nachrichtenstream der Deutschen Presseagentur keine einzige Notiz findet.

Es ging darin um einen Film des Kinderkanals KikaDie “Bild”-Zeitung schrieb dazu “Experten warnen vor Flüchtlings-Doku auf Kika”. 

bildde

Der Kika zeigte die Doku schon im November 2017, sie sorgte aber erst im Januar für heftige Diskussionen – vor allem weil die Beiträge darüber auf Facebook viral gingen.

Der Film zeigt die Beziehung einer 16-jährigen Hessin mit einem Syrer, die darin Sachen sagt wie: “Ich darf keine kurzen Sachen tragen.”

In rechten Blogs machte der Vorwurf die Runde, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Islamisierung von Kindern vorantreibe. Außerdem nannte der Kanal zuerst nicht das Alter des Protagonisten, wofür sich die Redaktion später entschuldigte.

Und so schaukelte sich das Thema immer weiter hoch.

► Gleich drei Artikel zum angeblichen KiKa-Skandal schafften es am 9. Januar in die Top 20 des “10.000 Flies”-Rankings, zwei davon in die Top 3 – der oben zitierte “Bild”-Artikel sowie ein Artikel der “Welt”.

► Außerdem schafften es Meldungen über vermeintlich kriminelle Flüchtlinge und die Nachricht in das Ranking, dass sich Bundesministerien auf 300.000 Flüchtlinge vorbereiteten, die zu ihren Verwandten nach Deutschland nachzögen.

Hassmeldungen besonders erfolgreich

Es ist eine Aufregungsflut, die über die Zeit zugenommen hat. 

HuffPost/Marco Fieber

► Waren im Januar 2017 36 Prozent der Meldungen der Top 20 des “10.000 Flies”-Rankings eine Angstmeldung, waren es im Juli schon 38 Prozent und im Januar 2018 unglaubliche 50 Prozent.

► Wichtig zu wissen: Der Januar 2018 war eigentlich ein vergleichsweise schwacher Nachrichtenmonat. Es gab – mit Ausnahme der Bildung der Großen Koalition – kein dominierendes Thema.

► Im Januar 2017 bestimmten vor allem Meldungen rund um die Kölner Silvesternacht die Nachrichten. Die Polizei hatte damals am Hauptbahnhof mehr als 1000 vermeintliche Nordafrikaner (im Polizeisprech “Nafris” genannt) kontrolliert. In der Folge entspann sich eine Debatte über die Polizeitaktik und den Umgang mit kriminellen Zuwanderern.

► Im Juli 2017 wiederum beschäftigten die Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg Deutschland tagelang. 

HuffPost/Marco Fieber

Angstmeldungen erzeugen besonders viel Interaktion

Dass Angstmeldungen in den sozialen Medien an Gewicht gewinnen, zeigt auch eine andere Zahl.

Denn zugenommen hat nicht nur der Anteil dieser Meldungen in den Top 20, sondern auch die Interaktionen der Nutzer mit diesen Meldungen

► Waren es im Januar 2017 noch 3,3 Millionen Interaktionen, waren es im Jahr darauf schon 3,7 Millionen.

Facebook hat die Angstposts nicht reduziert – im Gegenteil

Für Facebook sind diese Zahlen ein Schlag ins Gesicht. Versucht das Unternehmen doch schon länger, gegen Angst- und Falschmeldungen vorzugehen.

Wie das US-Techmagazin “Wired” berichtet, versuchte Facebook im Frühjahr 2016 zum ersten Mal ernsthaft herauszufinden, welchen Einfluss die in dem Netzwerk geposteten Meldungen auf die Facebook-Mitglieder haben.

Die Leitfrage damals bei den Facebook-Verantwortlichen, wie “Wired” schreibt: “Favorisiert der Newsfeed Posts, die Menschen wütend machen? Favorisiert er einfache und vielleicht sogar falsche Ideen und Antworten im Gegensatz zu komplexen und vielleicht wahren?”

Offensichtlich lautete Facebooks Antwort auf diese Fragen damals: Ja.

Facebook passte daraufhin den Algorithmus schon damals so an, dass er Posts von Verwandten oder Freunden der User bevorzugt. Und schon damals – wie wohl auch aktuell – war diese Strategie erfolglos und schlug ins Gegenteil um.

Wie Medienforscher der Columbia Universität nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump im Herbst 2016 herausfanden, wurden allein die Posts von sechs Plattformen, die Trumps Wahl mit Falschinformationen unterstützten, mehr als 340 Millionen Mal auf Facebook geteilt. 

Zwar sind die Ausmaße in Deutschland weit weniger dramatisch. Aber sie sind dennoch sichtbar.

► “Angstartikel haben unter den Texten mit den meisten Interaktionen Stück für Stück zugenommen”, sagt auch Jens Schröder, Gründer und Mitbetreiber von “10.000 Flies”.

Spätestens seit der Silvesternacht von Köln 2015 seien darunter zahlreiche Texte, in denen Migranten und Flüchtlinge die Tatverdächtigen sind. “Insbesondere selbst ernannte Alternativmedien schüren so Angst und Fremdenhass.”

Nischenmedien können durch Angstmeldungen mit großen Publikumsmedien konkurrieren

Tatsächlich zeigt die Auswertung der Interaktionen: Zu den Gewinnern von Facebooks neuer Strategie gehören vor allem Nischenmedien mit einem sehr spitzen Themenschwerpunkt. Fast alle wuchsen im Januar 2018 kräftig im Vergleich zum Dezember im Ranking der Top Like-Medien von “10.000 Flies”.

Eine Auswahl:

► So stieg zum Beispiel die Reichweite in den sozialen Medien der rechten Nachrichtenseite “Epoch Times” um fast 15 Prozent – und katapultierte das Portal auf den fünften Platz.

Die Seite gehört gemessen an ihrer monatlichen Leserzahl (Unique User) nicht mal in die Top 50 der deutschen Online-Nachrichten-Seiten. 

► Die Verschwörungstheorien-Seite “Journalistenwatch” verzeichnete im gleichen Zeitraum gar ein Plus von fast 90 Prozent und sprang vom 21. auf den 11. Platz und landete so vor der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.

► Die rechtskonservative Zeitung “Junge Freiheit” legte um 56 Prozent zu und steht vor der “B.Z.”, dem “Berliner Kurier” und “RP Online”.   

10000 Flies

Wenn man nur auf Angstmeldungen schaut, liegen die Nischenmedien noch deutlich weiter vorne. Mehr noch: Ihr Einfluss ist im vergangenen Jahr im direkten Vergleich gewachsen. 

► Im Januar 2018 landete die “Epoch Times” gar auf dem dritten Platz, das rechtspopulistische Lokalblatt “Wochenblick” aus Österreich landet auf auf dem sechsten Platz, gleich dahinter stehen “Journalistenwatch”, die “Junge Freiheit” und der Blog “Philosophia Perennis”.

► Erst dann taucht “Spiegel Online” auf, je nach Messung das zweit- oder drittgrößte deutsche Onlinemedium nach “Bild” und “Focus Online”.

Nach üblichen Maßstäben könnten Medien wie die “Epoch Times” nicht mit den etablierten Nachrichtenportalen konkurrieren – doch auf Facebook gelten andere Gesetze. Erst recht nach der Änderung des Algorithmus.

Schröder von “10.000 Flies” sagt:  

Die massiven Wachstumsraten bestimmter Medien im Januar lassen vermuten, dass die Befürchtungen nicht falsch waren, dass insbesondere Lügen, Hass, Fake News und populistische Texte davon profitieren könnten."

“Durch die extreme Aktivität der rechten Filterblase sehen diese ‘Alternativmedien’ viel größer und populärer aus, als sie es tatsächlich sind, wenn man den Gesamt-Medienkonsum zu Rate zieht und nicht nur Interaktionen in den sozialen Netzwerken”, sagt er.

“Das ist womöglich auch ein Grund, warum Rechte ihre Kreise gern überschätzen. Es sind eben nur 15 Prozent und nicht ‘das Volk’.”

Angstmeldungen schaffen es immer häufiger an die Spitze der Rankings

Der Januar war auch deshalb ein bemerkenswerter Monat, weil Meldungen zu den untersuchten Themen deutlich häufiger auf den vorderen Rängen landen als in den anderen Monaten. 

HuffPost/Marco Fieber

► An 25 Tagen führte eine Angstmeldung das “10.000 Flies”-Ranking an.

► An sieben Tagen belegten gar die ersten drei Plätze Meldungen zum Thema Flüchtlinge und Verbrechen. In den anderen Monaten kam es dazu nur einmal (Juli 2017) beziehungsweise zweimal (Januar 2017).

Der 27. Januar steht hier exemplarisch für die sich zuspitzende Realitätsverdrehung in den sozialen Medien. 

10000 Flies

► Der Artikel “Staat zahlt Harem 7500 Euro im Monat” war mit knapp 70.000 “Flies”, also Interaktionen, gleichzeitig der erfolgreichste des ganzen Monats Januar.

► In der Meldung des rechtspopulistischen Verschwörungs-Portals “Anonymous.ru” wird der Fall einer alleinerziehenden Mutter mit neun Kindern nahe Leipzig falsch dargestellt, die laut eines Bescheids angeblich 7500 Euro pro Monat erhält.

In Wahrheit erhält die Familie deutlich weniger, nämlich rund 3000 Euro, recherchierten die Online-Portale “Mimikama” und “Tag24”. Die Richtigstellung erhielt in den sozialen Medien allerdings weitaus weniger Aufmerksamkeit.

Außerdem stehen in dem Text unter Verletzung der Persönlichkeitsrechte Adressen, Namen und Geburtsdaten aller Familienmitglieder. Über Facebook verbreiteten sie sich zehntausendfach. Die Mutter erhielt anschließend Tausende Drohbekundungen und musste einen Anwalt einschalten.

► Am gleichen Tag katapultierte sich eine Meldung des rechten Blogs “Jouwatch” an die Spitze des Rankings.

Unter dem Titel “Wir wurden alle belogen! EU-Papier beweist: Es ging nie um ‘Flüchtlinge’, sondern um eine geplante ‘Neuansiedlung’” erzählt das Portal einen Facebook-Beitrag des früheren “Spiegel”-Reporters und Blogger Matthias Matussek nach.

Darin greift er eine Verschwörungstheorie auf, die schon seit Jahren durchs Netz geistert, an der aber nichts Wahres dran ist.

Dass sie sich an diesem Tag trotzdem an die Spitze des Rankings katapultierte, vorbei an allen großen Publikumsmedien, zeigt die unheimliche Macht des Facebook-Algorithmus.

► Verglichen damit wirkt der Verriss der “Welt” der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung auf dem dritten Platz noch unaufgeregt.

Verzerrung bei der Flüchtlingskriminalität

Mord, Totschlag, Katastrophen – das sind die Themen, die in den sozialen Medien im Januar 2018 extrem erfolgreich waren.

► Insgesamt fanden sich 109 Meldungen im Januar in den Top 20 des “10.000 Flies”-Rankings, die sich auf ein Verbrechen bezogen – und an jedem zweiten Verbrechen war ein Flüchtling beteiligt. Im Vergleich zu den anderen Monaten hat sich dieses Verhältnis nur unwesentlich verändert. 

HuffPost/Marco Fieber

Dazu zählen Meldungen wie “Regensburg: Zwei 17-jährige Afghanen schlagen Polizeibeamte krankenhausreif” der Nachrichtenseite “EpochTimes”, die am 14. Januar das “10.000 Flies”-Ranking anführte – vor einem Artikel des “Merkur” zum gleichen Thema auf dem zweiten Platz. 

10000 Flies

Oder diese Meldung der “Welt”, die am 21. Januar das Ranking anführte: “Flüchtling soll 4-jährige Tochter seiner Pflegefamilie missbraucht haben”.

So entsteht eine Verzerrung, die die Realität nicht widerspiegelt. Deutschlandweit lag der Zuwanderer-Anteil an allen Straftaten im Jahr 2016 bei 14,5 Prozent

Zahlen für das Jahr 2017 werden erst im Frühjahr in der Polizeilichen Kriminalstatistik veröffentlicht – es ist aber nicht davon auszugehen, dass der Anteil deutlich höher liegt als noch im Vorjahr.

Eine Parallelwelt?

Facebook wird allem Anschein nach zu einem Ort, der die Lebenswirklichkeit der Mehrheit seiner Nutzer und der Bürger nicht mehr widerspiegelt.

Stattdessen vervielfachen sich dort extreme, fremdenfeindliche und rassistische Inhalte, während andere meist untergehen.

Entsteht so eine Parallelwelt?

► “Wenn man sich die Spitzenplätze der Social-Media-Charts anschaut, so könnte man diesen Eindruck gewinnen”, sagt Schröder von “10.000 Flies”.

“Allerdings gibt es an jedem Tag Hunderte Artikel mit dreistelligen Interaktionsraten – und die große Mehrheit davon hat nichts mit Mord, Totschlag und Flüchtlingen zu tun.”

► Die “Parallelwelt” bestehe vor allem aus einer sehr aktiven, aber überschaubaren Zahl von Leuten, die alles mit einem Like versehen, was ihrem Weltbild entspricht.  

“Ob die “Parallelwelt” dauerhaft bestehen bleibt, muss sich erst zeigen”, sagt Schröder.

“Auch in der Zeit seit der berühmten Silvesternacht gab es immer wieder Aufs und Abs bei diesem Thema. Derzeit befinden wir uns auf jeden Fall in einer ‘Auf’-Phase.”

Dramatische Folgen für die Demokratie

Die Folgen für unsere Demokratie sind dramatisch.

► Populistische Parteien verbreiten über Facebook rassistische und fremdenfeindliche Inhalte an ihre Wählerschaft.

► In Großbritannien mobilisierte Ukip über Facebook erfolgreicher als andere Parteien für das Brexit-Votum.

► Und in Deutschland ist keine Partei dort so gut vernetzt wie die AfD – und keine Partei weiß das soziale Netzwerk so gut für sich zu nutzen.  

So kommt sie in Umfragen mittlerweile an die SPD heran – die wie die Union die Bedeutung der sozialen Medien jahrelang unterschätzt hat.

Gleichzeitig nutzen Journalisten, Meinungsmacher und Politiker Trends in den sozialen Medien für ihre Themensetzung.

Ein sich selbst verstärkender Mechanismus, dessen Folgen kaum abzusehen sind.

(sk)