BLOG
01/06/2018 15:48 CEST | Aktualisiert 01/06/2018 15:48 CEST

Netzausbau: Chaos an der Schnittstelle

Viele Branchen haben heute ihre IT-Standards – die Kommunikation zwischen Systemen und Branchen ist nach wie vor einer der wesentlichen Zeit- und Kostentreiber der Digitalisierung

Die Staatsministerin Dorothee Bär hat es Anfang März in einem Interview auf bild.de gefordert: Deutschland soll „als erfolgreiche Industrienation auch eine erfolgreiche Digitalnation werden.“ Und sie führt zwei Beispiele an: die Vernetzung des Gesundheitssystems und die Vernetzung von Schulen. Beides ist richtig und beides ist gut. Mit Industrie hat das allerdings erst einmal nichts zu tun. Dafür platziert sie ihre Themen nahe am Bürger und am Wähler. Kann man so machen, ist aber ein rhetorischer Kniff.

Auch in ihrem aktuellen Beitrag auf heise.de von Mitte Mai 2018 spricht die Ministerin die Industrie an, um sie gleich wieder als Marginalie ad acta zu legen. Der Absatz beginnt mit dem Satz: „Neben der Fortentwicklung der Technologie in der Wirtschaft und im Bereich Verkehr – beispielsweise beim Thema Industrie 4.0 oder bei Transport und Logistik…“ und dann folgt der Themenwechsel. Die Industrie dankt für so viel Aufmerksamkeit.

Es stimmt sicher: Für den mittel- und langfristigen wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands und Europas brauchen wir Digital Natives – unsere Schulen haben hier Nachholbedarf und der Industrie fehlen bereits heute IT-Spezialisten. Diese Situation wird sich verschärfen. Hier durch gezielte Ausbildung in Schulen und Hochschulen konsequent gegenzusteuern ist volkswirtschaftlich sinnvoll und sichert den Spezialisten von morgen gut bezahlte Arbeitsplätze.

Auch auf die Aufgaben einer zu optimierenden Verwaltung verweist Bär laut heise.de: „Jeder Bürger solle erkennen können, dass dank E-Government “sein Leben viel entspannter geworden ist” und Online-Dienste der Behörden “für jeden Einzelnen was Positives” bewirken.“ Dazu gehört etwa die Ansage, dass das Internet-Bürgerportal im Oktober 2018 in vier Bundesländern starten soll.

Ein Netz ist allerdings immer nur so stabil wie seine Knotenpunkte. Sie halten das Netz zusammen, bilden es erst. Die IT spricht hier gerne von Schnittstellen. Das sind die Punkte, an denen Daten von einem System in ein anderes wandern, möglichst ohne dabei entstellt zu werden. Datentransformation nennen es die Fachleute.

Wir machen uns heute vor allem Gedanken darum, welche Daten wir erheben und was wir damit erreichen wollen – entspannter leben etwa. Die Praxis aus hunderten von IT-Projekten zeigt: Wir müssen uns, wenn wir Geschwindigkeit aufnehmen wollen beim Auf- und Ausbau von Netzen, wenn wir tatsächlich zur Digitalnation werden wollen, aktuell vor allem Gedanken darum machen, ob und wie die Knotenpunkte unserer Netze funktionieren. In vielen Industrien haben sich Standards etabliert. In der Logistik. In der Automobilindustrie. Im Chemiesektor. Oder auch in der Produktion. Und in der Verwaltung. Wer allerdings dazwischen verbinden will, betritt in vielen Fällen eine terra incognita. Wie kommt man von a nach b?

Der gängigste Weg ist bis heute die Programmierung von Einzellösungen, selbst entwickelte Schnittstellen ohne Skalierungsmöglichkeit. Digitale Sondermaschinenentwicklung. Damit verzögern wir in Industrie und Verwaltung, in Bildung und Gesundheit, überall dort, wo Daten übergeben werden müssen, wo Netze entstehen sollen, die Prozesse, weil jeder Knoten einzeln geknüpft wird. Eine Gesellschaft 4.0 und eine Industrie 4.0 leben dagegen von den Möglichkeiten der Skalierung und Automatisierung bei gleichzeitiger Erhöhung der Flexibilität. Nur wenn das Netz schnell wächst und an den Knotenpunkten die Daten transparent, automatisiert, konsistent und jederzeit anpassbar übergeben werden, kann die Digitalisierung die Geschwindigkeit erreichen, die wir brauchen, um erfolgreich zu wirtschaften.