POLITIK
22/08/2018 18:59 CEST | Aktualisiert 03/09/2018 12:38 CEST

Neonazi-Festival in Themar: Wie eine israelische Reporterin das Event erlebte

"Die Neonazis waren fast mehr an mir interessiert, als ich an ihnen."

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Antonia Yamin im Gespräch mit NPD-Chef Frank Franz.

Tausende Neonazis sind Anfang Juni nach Themar gepilgert. Das südthüringische Örtchen wurde wie schon im vergangenen Jahr zum Schauplatz eines der größten Rechtsrock-Festivals bundesweit.

Mehr als 2200 Rechtsextremisten, Holocaustleugner und antisemitische Verschwörungstheoretiker lauschten der Live-Musik. Mit dabei: Antonia Yamin, Europa-Korrespondentin des staatlichen israelischen Fernsehsenders Kan. 

Allein, dass die Neonazis die jüdische Reporterin auf das Festivalgelände ließen, ist eine Überraschung. Mehr noch: Eine TV-Dokumentation zeigt, dass ihr Szenegrößen wie NPD-Chef Frank Franz oder der rechtsextreme Liedermacher Frank Rennicke bereitwillig Rede und Antwort standen – und teils sogar selbst darum baten interviewt zu werden, wie Yamin der HuffPost erzählt. 

“Es gibt keine Möglichkeit zu wissen, was wirklich in Buchenwald passiert ist”, “Die Juden verbergen die Wahrheit”, “Die Juden kontrollieren die Medien und die Banken”. Das sind Sätze, die Besucher des Festivals in Yamins-Mikrofon sagten. Völlig offen. Ohne Hemmungen. Sätze von Menschen, denen selbst die AfD zu links ist.

Was die 29-Jährige in Themar erlebte, warum ihr die Gesprächsatmosphäre komisch vorkam und was passierte, als die Kamera aus war, hat sie der HuffPost im Interview erzählt:

Wie kam es zu dem Besuch? Haben Sie bei den Organisatoren einfach angerufen und sich vorgestellt?

Mich faszinieren die ganzen Nazi-Geschichten schon jahrelang. Bereits vor fünf Jahren hatte ich eine Gruppe von deutschen Neonazis interviewt. Seitdem ich selbst in Deutschland lebe und als Europa-Korrespondentin für den ganzen Kontinent zuständig bin, bekomme ich den Aufstieg der extremen Rechten überall hautnah mit.

Deshalb wollte ich ein solches rechtes Event einmal aus nächster Nähe erleben – und sehen, was dort passiert. Letztendlich habe ich einfach ein paar alte Kontakte angerufen. Sie waren sofort bereit, mit mir zu arbeiten. Diese Offenheit mir als Jüdin und Israelin gegenüber fand ich vor fünf Jahren schon komisch und nun auch.

Warum komisch?

Die Neonazis waren ganz offen. Sie dachten wohl, dass es ganz gut wäre, wenn eine israelische Journalistin mal vorbeikommt.

Viele Leute haben mich in Israel erstaunt gefragt: “Was, sie wussten, dass du Jüdin bist? Sie wussten, dass du Israelin bist? Du hast das nicht versucht, zu verstecken?” Jeder der mich sieht, erkennt sofort, dass ich nicht deutsch aussehe. Die guten blonden Gene meiner Mutter habe ich nicht bekommen. (lacht)

Wie haben sich Ihre Gesprächspartner, wie der Festivalorganisator Tommy Frenck, der rechtsextreme Liedermacher Frank Rennicke oder der NPD-Chef Frank Franz, verhalten?

Es war eine komische Stimmung. Es gab einerseits die, die jedes Interview mit Journalisten ablehnten. Die, die einfach die Presse hassen. Andererseits gab es solche, wie Frank Rennicke, die normalerweise nicht mit Journalisten sprechen und wenn sie reden, sofort explodieren. Doch Rennicke wollte sich ausdrücklich mit mir unterhalten.

Es gab ein merkwürdiges Interesse für mich, als die jüdische Reporterin, die sie besucht. Die Neonazis waren fast mehr an mir interessiert, als ich an ihnen.

Es gab ein merkwürdiges Interesse für mich, als die jüdische Reporterin, die sie besucht. Die Neonazis waren fast mehr an mir interessiert, als ich an ihnen.

Und als die Kamera aus war?

Dann ist tatsächlich das Interessanteste passiert. Tommy Frenck fragte mich plötzlich: “Denkst du nicht, dass die Juden alle gleich aussehen?” Er glaubt wohl tatsächlich, dass man die Religion am Gesicht erkennen könne. Ich fragte zurück, ob ich denn für ihn wie eine typische Jüdin aussehe. Frenck antwortete: “Du könntest eine Italienerin sein.”

Oder als Rennicke mir meinen Koffer zum Auto trug. Frenck rief: “Och warte, da muss ich ein Foto machen, wenn du der Jüdin hilfst.” Witze dieser Art machten sie nur, wenn die Kamera aus war.

Wie fühlt sich das an, wenn man jemanden gegenübersitzt, der den Holocaust leugnet oder über die jüdische Weltverschwörung palavert?

Wenn ich eine Geschichte mache, dann will ich hören, was die Menschen zu sagen haben. Meine eigenen Erfahrungen und mein eigenes Wissen haben dabei nicht viel Platz. Mein Job ist, zu verstehen, wie Leute denken.

Viele Zuschauer meinten hinterher, dass ich zu nett zu den Neonazis war. Aber wenn ich zu forsch auftrete, dann werden sie mir nie sagen, was sie wirklich denken. Ich musste bei dem Festival nicht viel machen, außer ihnen die Freiheit geben, zu sprechen...

... um sich selbst zu entlarven.

Ja, ich hatte das Gefühl, dass es viel Unwissen gibt, gerade beim Thema Israel. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wäre der erste, der herausposaunen würde, dass Europa ein Problem mit Flüchtlingen und Muslime habe. Doch die Rechtsextremen wollten mir das nicht glauben.

Deren einfaches Bild ist: Israel hasst Deutschland. Dabei ziehen jede Menge Israelis nach Berlin. Je tiefer man gräbt, desto mehr kommt zum Vorschein, dass es den Neonazis überhaupt nicht um Kritik an der Politik Israels geht, sondern immer nur um die Juden.

Je tiefer man gräbt, desto mehr kommt zum Vorschein, dass es den Neonazis überhaupt nicht um Kritik an der Politik Israels geht, sondern immer nur um die Juden.

Haben Sie bei ihrem Besuch nachvollziehen können, warum die Neonazis so denken?

Nein. Wenn man dreht, dann hört man zu. Erst später realisiert man, was die Leute da überhaupt gesagt haben. Ich stand ein paar Tage unter Schock.

War die AfD ein Thema auf dem Festival?

Viele Gäste sind keine AfD-Wähler, wie sie mir sagten. Die meisten meinten, dass ihnen die AfD zu links sei und die Partei Teil des Establishment sei, beziehungsweise es werden wolle. “Nein, wir bleiben der NPD treu”, hörte ich vielfach. “Die AfD denkt nicht so, wie wir denken.”

Allerdings gab Frenck offen zu, die AfD gewählt zu haben. Er findet es besser, eine rechte Partei im Bundestag zu haben, als gar keine. Aber diese Entwicklung, die in ganz Europa zu beobachten ist, bereitet mir Sorgen – nicht nur als Israelin oder Jüdin.

Was blieb Ihnen am meisten in Erinnerung?

Die Angst der Neonazis, gegen Gesetze zu verstoßen. Sie wollten den Holocaust leugnen, aber sie wussten, dass das strafbar ist und meine Kamera an ist. Deswegen redeten sie verschwurbelt und nahmen andere Wege, um es zu sagen, ohne es wirklich zu sagen.

Ich finde es krass und es macht mich fassungslos, dass es wirklich – auch intelligente – Menschen in Deutschland gibt, die glauben, dass es den Holocaust nicht gegeben hat oder er nicht so passiert ist, wie anhand von Fakten seit Jahrzehnten längst bewiesen ist.

(jg)