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12/11/2018 16:12 CET | Aktualisiert 12/11/2018 16:41 CET

Nehmt euch mehr Zeit: Warum ihr langsamer reisen solltet

Wir müssen wieder lernen, genügsamer zu sein.

Privat
Beim Bus- oder Zugfahren erlebt man mehr und schont die Umwelt.

Agatha Kremplewski ist Life-Redakteurin bei der HuffPost. Vor zwei Jahren reiste sie fast ein Jahr lang mit dem Rucksack durch Europa, Zentralamerika und Australien. Auch heute noch verreist die 31-Jährige gerne und achtet bei ihren Trips mittlerweile auf mehr Nachhaltigkeit.

In ihrem Blog-Beitrag erklärt sie, warum man Flugreisen vermeiden und sich mehr Zeit für seinen Urlaub nehmen sollte.

Der Bus ruckelt sachte hin und her, durchs Fenster sehe ich abwechselnd karge Landschaften im diesigen Licht der aufgehenden Sonne und kleine Örtchen mit Menschen, die ihr Tagesgeschäft aufnehmen.

Ich zupfe an meinem Schal, mit dem ich mich zugedeckt habe, und lehne meinen Kopf an die kühle Fensterscheibe, während ich meine Beine über den leeren Sitz neben mir ausstrecke.

In zwei Stunden komme ich nach einer insgesamt 15-stündigen Busfahrt in Sarajevo an.

Als ich meinen Freunden und Arbeitskollegen davon erzählte, dass ich von München nach Sarajevo mit dem Bus fahre, um nur vier Nächte dort zu bleiben, schauten sie mich ungläubig an: “So lange im Bus sitzen, das könnte ich nicht! Warum fliegst du nicht einfach mit dem Flugzeug?”

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Das sind meine Gründe:

1. Mit dem Bus (oder Zug) reisen ist nachhaltiger

Es ist eine unumstößliche Tatsache: Flugzeuge schaden der Umwelt mehr als jedes andere Verkehrsmittel. Mit einem Flug nach Sarajevo zum Beispiel hätte ich allein einen CO2-Ausstoß von 184 Kilo pro Strecke zu verantworten – mit dem Reisebus sind es gerade einmal 30 Kilo.

Man muss sich das einmal bewusst machen: Drei Mal mit dem Bus von München nach Sarajevo (oder jede andere Strecke von knapp 1000 Kilometern) hin- und zurückfahren weist eine ähnliche CO2-Bilanz auf, wie ein einziges Mal die Strecke zu fliegen. 

Mit dem Zug würde der Ausstoß sogar nur bei 10 Kilo liegen. Leider liegt der Preis für Zugtickets in der Regel deutlich höher als bei Busfahrkarten. Somit ist eine Busreise ein guter Kompromiss aus Umweltfreundlichkeit und Kosten.

2. Ich will mir mehr Zeit lassen zum Reisen

In einem Land ins Flugzeug steigen, eine Stunde warten, in einem anderen Land wieder aussteigen: Schon ganz schön praktisch, so eine Flugreise. Und wir sind ja alle ständig so gestresst, wir haben auch im Urlaub so wenig Zeit, die müssen wir nutzen: Reisen soll nicht spannend sein, sondern erholsam – und möglichst effizient.

Vor einer längeren, beschwerlicheren Reise mit Auto, Zug oder Bus schrecken daher viele zurück. Ich habe Freunde, die sich beschweren, wenn sie für eine Strecke von, sagen wir, 500 Kilometern mehr als fünf Stunden mit dem Zug brauchen. Die niemals mit dem Bus von Düsseldorf nach Paris fahren würden, weil das ist ja unbequem.

Auch Nachhaltigkeits-Expertin Madeleine Alizadeh plädiert dafür, die Zeit, die wir zum Reisen benötigen, wieder mehr wertzuschätzen. Auf Instagram erreicht die 29-Jährige als “dariadaria” Hunderttausende Menschen, hat einen eigenen Podcast und betreibt eine nachhaltige Mode-Linie. Im Gespräch mit der HuffPost sagt sie:

“Viele sagen ja, Zugfahren dauert zu lange, aber wenn man die Netto-Zeit rechnet, die man produktiv nutzen kann, ist das beim Zugfahren mehr als beim Fliegen. Wir müssen Zeit einfach eine neue Wertigkeit geben.”

Was die meisten vergessen: Wir reisen freiwillig. Wir fahren nicht in den Urlaub, weil wir müssen, sondern weil wir uns das aussuchen. Weil wir den finanziellen und zeitlichen Luxus genießen, unsere Freizeit an einem Ort dieser Welt zu verbringen. 

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Sich dann zu beschweren, dass man sich nicht in Windeseile von A nach B beamen kann, am besten noch mit Unterhaltungsprogramm, Klimaanlage und Gratis-Kaffee, ist das für mich, als würde man auf einer gesponserten Luxus-Kreuzfahrt über zu warmen Champagner meckern. Oder als würde man einen Porsche geschenkt kriegen und dann herumpöbeln, weil der Duftbaum nach “Ocean Fresh” und nicht “Lime Spirit” riecht. 

Was ich damit sagen will, ist: Wir sind verwöhnt. Wir sind es nicht mehr gewohnt, für etwas, das wir wirklich wollen, auch mal ein paar Strapazen auf uns zu nehmen (und mal ganz ehrlich – die Strapaze besteht darin, dass wir etwas länger auf unseren Hintern SITZEN. Nichts tun, nur SITZEN). 

Deswegen will ich mir mehr Zeit lassen beim Reisen. Meist reicht es, einfach nur jeweils einen Tag mehr für Hin- und Rückfahrt einzuplanen. Es ist ein gutes Gefühl, die Strecke, die man zurücklegt, bewusster wahrzunehmen und sich so auch ein wenig mehr Zeit zu geben, sich auf den Zielort einzustellen. Das geht im Auto, Bus oder Zug schon einmal wesentlich besser als mit dem Flugzeug. 

3. Wenn ich anders reise als mit dem Flugzeug, erlebe ich mehr

Wenn ich mir mehr Zeit nehme zum Reisen, erlebe ich auch mehr. Gerade in Reisebussen, in denen man eine längere Strecke mit denselben Leuten teilt, kommt man schnell mit Fremden ins Gespräch.

Auf meiner Reise nach Sarajevo zum Beispiel habe ich eine 19-jährige Belgierin kennengelernt, die von Brüssel aus 30 Stunden mit dem Bus fuhr und vor Energie nur so sprühte. Ich lernte auf derselben Fahrt einen Ägypter kennen, der uns auf Kekse und Saft einlud und mir, in Sarajevo angekommen, ein wenig die Stadt zeigte. 

Eine lange Fahrt mag mühsam sein – aber sie verbindet. Wir fahren gemeinsam, machen gemeinsam Pause, vertreiben uns die Zeit. Das entspannt und macht gute Laune. 

Und selbst, wenn ich mit niemandem ins Gespräch komme: Ich habe endlich mal wieder Zeit, einen Roman oder die Tageszeitung komplett zu lesen. Ich kann in Ruhe das neue Album meiner Lieblings-Band ganz bewusst hören. Oder ich kann auch einfach mal nichts tun und die vorbeiziehende Landschaft beobachten.

4. Mit dem Bus oder Auto reisen ist günstiger

Durch die zahlreiche Billig-Fluganbieter ist es leicht, kostengünstige Flugtickets zu finden. Aber: Busfahren zum Beispiel ist günstiger. Auch eine Autofahrt kommt billiger, vorausgesetzt, man fährt in einer kleinen Gruppe und teilt sich das Geld für Benzin. 

An dieser Stelle würde viele wahrscheinlich das Preis-Leistungs-Argument bringen: “Warum sollte ich mit dem Bus in acht Stunden von München nach Berlin fahren, wenn ich für denselben Preis oder unwesentlich mehr in einer Stunde Flug da sein könnte?”

Weil unterm Strich die Bus- oder Autofahrt meist trotzdem günstiger ist. Schließlich darf man die Kosten zum Flughafen hin und wieder weg auch nicht vergessen. Langsamer zu reisen schont also nicht nur die Umwelt, sondern auch das Portemonnaie. 

Warum nicht auch mal mit dem Fahrrad oder zu Fuß reisen?

Natürlich ist eine Bus-, Bahn- oder Autoreise nicht das Nonplusultra, es gibt noch einige andere Arten, Urlaub zu machen, dabei Spannendes zu erleben und sich gleichzeitig zu erholen.

Es muss nicht immer ans andere Ende der Welt gehen. Wer sich seine Reiseziele nah am eigenen Wohnort sucht, kann sich auch nachhaltiger und entspannter fortbewegen – zum Beispiel auch mal mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Dazu meint auch Bloggerin Alizadeh:

“Ganz oft ist das Schöne so nah: Man muss nicht unbedingt nach Kanada, um schöne Landschaften zu sehen, weil es die auch im Balkan gibt. Oder man kann auch nach Sardinien anstatt irgendwo auf die Malediven, das sind genauso schöne Strände. Oder das eigene Land einfach mal erkunden.”

Eine Freundin von mir ist zum Beispiel letztes Jahr über 200 Kilometer den Jakobsweg entlang gewandert – und das war laut ihren Aussagen eine der schönsten Reisen, die sie jemals gemacht hat.

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Eine andere Freundin ist eine Woche lang durch die Masuren gepaddelt mit einer Gruppe von 15 Freunden – und würde das nun am liebsten jedes Jahr machen. 

Und vielleicht nimmt man sich auch einfach mal ein paar Tage frei, um mit dem Fahrrad den Nachbarort zu erkunden. Denn ganz ehrlich: Wie gut kennen wir eigentlich unsere nächste Umgebung? Es muss nicht immer der verlassene Strand in der Karibik oder das Bergdorf im Himalaya sein, an denen man besondere Momente erleben oder besondere Menschen treffen kann.

Wir müssen wieder lernen, genügsamer zu sein und uns bewusst machen, wie wir nachhaltig reisen können. Dazu gehört auch, uns etwas mehr Zeit zu nehmen und unsere Ansprüche herunterzuschrauben. Vor allem die Umwelt wird es uns danken. 

(ll)