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18/02/2018 18:25 CET | Aktualisiert 20/02/2018 10:20 CET

Das passiert im Gehirn, wenn ihr negative Gedanken habt

Aber: Ihr könnt etwas dagegen tun.

kitzcorner via Getty Images
Jeder sechste Deutsche leidet unter einer Angststörung.

Der Angst-Experte Klaus Bernhardt hat einen neuen Therapieansatz zur Beseitigung von Angststörungen entwickelt. In seinem Buch erklärt er, wie Angst funktioniert und mit welchen einfachen Tipps man sie bekämpfen kann.

Es gibt Menschen, die nach einer vereinzelten Panikattacke angefangen haben zu grübeln, was das nun gewesen sein könnte. Vielleicht ein krankes Herz, ein Gehirntumor oder irgendeine andere schlimme Krankheit?

Voller Angst und Sorgen sind sie dann in die Notaufnahme eines Krankenhauses gefahren, um sich untersuchen zu lassen. Von dort wurden sie meist mit dem Hinweis nach Hause geschickt, dass es sich vermutlich “nur” um eine Panikattacke gehandelt habe und körperlich alles in Ordnung sei.

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Das ist für die meisten schwer zu glauben, schließlich konnten sie doch genau fühlen, dass da in ihrem Körper etwas nicht stimmt. Also geht das Grübeln weiter. Wiederholt werden Ärzte konsultiert, um durch weitere Untersuchungen doch noch “den Auslöser” zu finden.

Negative Gedanken verändern das Gehirn

Exakt dieses Verhalten sorgt jedoch genau dafür, dass sich aus einem einmaligen Erlebnis ständig wiederkehrende Panikattacken entwickeln können.

Denn regelmäßiges sorgenvolles Denken, gepaart mit starken negativen Emotionen, verändert nachweislich die Strukturen unseres Gehirns.

Die Angst vor der Angst wird so binnen weniger Wochen oder gar Tage zu einem vollständig automatisch ablaufenden Denkmuster, das sich über synaptische Verbindungen tief im Kopf verankert. Wie ist so etwas möglich?

Wenn Sie etwas denken, dann können Sie sich anschließend an diesen Gedanken erinnern. Er muss also irgendwie in Ihrem Gehirn gespeichert worden sein. Nun haben wir aber in unserem Kopf keine Festplatte, die wir beschreiben könnten, so wie das bei einem Computer der Fall ist. Vielmehr speichern wir Gedanken biologisch ab, und zwar in Form von Synapsen.

► Jeder einzelne Ihrer Gedanken lässt nämlich in Ihrem Kopf gewachsene neuronale Verbindungen entstehen, und zwar exakt in der Sekunde, in der Sie diesen Gedanken denken.

Diese Entdeckung wurde im Jahr 2000 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass endlich neue, effektivere Methoden zur Angstbeseitigung entwickelt werden konnten.

Der Wissenschaftler, dem wir dieses Wissen zu verdanken haben, heißt Professor Dr. Eric Kandel, und er ist einer der bedeutendsten Gehirnforscher unserer Zeit.

Professor Dr. Kandel konnte eindeutig nachweisen, dass alle Gedanken und Eindrücke, die wir haben, in Form von synaptischen Verbindungen in unserem Gehirn abgespeichert werden.

Katja Kuhl
Klaus Bernhardt hat eine neue Methode der Angsttherapie entwickelt.

Unterwegs auf der Autobahn der Angst

Je stärker dabei die Emotionen sind, die diesen Gedanken zugrunde liegen, egal ob positiv oder negativ, umso leistungsfähiger werden diese neuronalen Vernetzungen in unserem Kopf.

► Häufiges negatives Denken schafft dadurch sozusagen die neurobiologischen Grundlagen, dass Panikattacken überhaupt entstehen können.

Wer also lange genug negativ denkt, der baut seinem Gehirn zwangsläufig eine Datenautobahn in Richtung schlechter Gefühle und Angst. In Richtung Freude und Leichtigkeit dagegen ist dann oft nur noch ein schmaler Feldweg vorhanden.

Häufig werde ich von Patienten gefragt, warum die Angst vor allem dann auftritt, wenn sie zur Ruhe kommen. Abends auf dem Sofa, im Urlaub oder auch während einer Routineaufgabe wie einer langen, langweiligen Autobahnfahrt.

► Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: Das menschliche Gehirn reagiert nicht nur unter Stress, sondern vor allem auch in Ruhephasen ganz automatisch auf die Art und Weise, wie es mehrheitlich vernetzt wurde.

Erschwerenderweise kommt noch hinzu, dass unser Kopf immer etwas zu tun haben möchte.

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Solange wir intensiv beschäftigt sind, mit einem Telefongespräch zum Beispiel, einer kniffligen Aufgabe oder auch wenn wir großen Zeitdruck haben, dann hat unser bewusster Verstand genug zu tun, und wir sind weitgehend frei von Angst und Sorge.

Sobald aber Ruhe einkehrt, fangen wir an zu grübeln. Unser Gehirn sucht sich nun so schnell wie möglich eine Beschäftigung. Und wo bekommt es die wohl schneller her – über die dicke Datenautobahn des negativen Denkens und der Angst oder über den schmalen Feldweg der Freude und Leichtigkeit?

Richtig, über die Datenautobahn.

Nicht genutztes Wissen geht verloren, also auch die positiven Gedanken

Es ist für Ihren Kopf tatsächlich aufgrund seiner gebildeten Vernetzungen im Moment noch viel einfacher, Angst zu erzeugen als ein Gefühl von Gelassenheit.

Die Art und Weise, wie Sie denken, vernetzt Ihr Gehirn ständig aufs Neue. Tag für Tag entstehen so in Ihrem Kopf mehrere 100. 000 Verbindungen, in denen das, was Sie in dieser Zeit gedacht haben, abgespeichert wird.

► Gedanken, die Sie oft wiederholen, werden somit immer präsenter, während der Zugang zu Gedankengut, mit dem Sie sich länger nicht beschäftigt haben, neuronal abgebaut wird.

Das ist auch der Grund, warum Sie von den Mathematikformeln, die Sie mal in der Schule gelernt haben, nicht mehr viel parat haben. Sie haben dieses Wissen nicht weiter benutzt, sich also gedanklich nicht mehr damit beschäftigt und deswegen den direkten synaptischen Zugang dazu verloren.

Genauso ist es Ihnen auch mit dem positiven Denken ergangen.

Unser Gehirn reagiert vollautomatisch so, wie es mehrheitlich vernetzt und genutzt wird. Es passt sich also biologisch der Art seiner Benutzung an. So werden Automatismen aufgebaut, die irgendwann dafür sorgen, dass nicht mehr Sie Ihr Gehirn steuern, sondern Ihr Gehirn Sie.

Besonders heimtückisch ist in diesem Zusammenhang der sogenannte Zweckpessimismus. Statt Sie vor Enttäuschungen zu bewahren, wird Ihr Gehirn konsequent dahingehend trainiert, mehr Negatives als Positives wahrzunehmen.

Oder anders ausgedrückt: Sie werden im wahrsten Sinn des Wortes blind für das Schöne, das Sie umgibt, sowie für alle Möglichkeiten, die sich Ihnen bieten, um Ihr Leben angenehmer zu gestalten.

Aber: Sie können Ihr Gehirn umprogrammieren

Ob nun bestimmte Erfahrungen, die Sie gemacht haben, dafür verantwortlich sind, dass Sie sich nur noch auf das Schlechte und den Mangel konzentrieren, oder ob Sie diese Art zu denken von Ihren Eltern übernommen haben, ist übrigens nicht entscheidend für Ihre Genesung.

Wichtig ist einzig und alleine, dass Sie mit einigen simplen Tricks anfangen, Ihr Gehirn wieder in die richtigen neuronalen Bahnen zu lenken. Dafür benötigen Sie natürlich ein wenig Übung, doch der Aufwand lohnt sich!

Falls Sie einen Führerschein besitzen und schon ein wenig Fahrpraxis haben, wissen Sie, wovon ich spreche.

Ein erfahrener Autofahrer wird keinen einzigen bewussten Gedanken mehr dafür verwenden, zu überlegen, wann er kuppelt, schaltet, welche Drehzahl der Motor hat, in welchem Gang er gerade fährt oder wann er in den Rückspiegel schaut.

All das, was einem Fahranfänger noch den Schweiß auf die Stirn treibt, erledigt ein erfahrener Autofahrer ganz automatisch und vollkommen unterbewusst.

Er kann sich während der Fahrt ganz anderen Dingen widmen, zum Beispiel seinen Gedanken nachhängen, das Radioprogramm verfolgen oder sich angeregt mit einem Mitfahrer unterhalten.

Das liegt daran, dass unser Gehirn permanent daran arbeitet, unseren bewussten Verstand so gut wie möglich zu entlasten.

Wiederkehrende Bewegungsabläufe oder Gedanken werden deshalb, sobald unser Gehirn diese als Muster erkannt hat, vom Großhirn ins Kleinhirn verlagert und dort automatisch vom Unterbewusstsein ausgeführt, damit unser bewusster Verstand möglichst viel freien Arbeitsspeicher für neue, unbekannte Aufgaben zur Verfügung hat.

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Eine wirklich erfolgreiche Therapie muss dafür sorgen, dass im Gehirn möglichst schnell möglichst viele Synapsen gebildet werden, in denen ein positives Lebensgefühl gespeichert ist.

Sobald genügend dieser Verbindungen vorhanden sind, fängt das Gehirn ganz von selbst an, diese neuen Informationen auch im Kleinhirn zu vernetzen und somit eine neue positive Automation aufzubauen, die spürbaren Einfluss auf Ihre Gefühlswelt hat.

Die Angst vor der Angst verlieren

Auf Basis der neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung konnte mittlerweile ein spezielles Mentaltraining entwickelt werden, das genau diesen Prozess um ein Vielfaches schneller ablaufen lässt, als das bei normalen Denkprozessen der Fall wäre.

In sechs bis zwölf Wochen schafften es bislang 82 Prozent der Patienten, die ich persönlich betreut habe, ihre Angst vor der Angst und somit auch ihre Panikattacken vollständig zu verlieren.

Mit welchen Methoden Sie Ihr Gehirn umprogrammieren können, lesen Sie in  “Panikattacken und andere Angststörungen loswerden. Wie die Hirnforschung hilft, Angst und Panik für immer zu besiegen” (Ariston) von Klaus Bernhardt. 

Ariston