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26/11/2018 16:12 CET | Aktualisiert 26/11/2018 16:45 CET

Ali Can: "Natürlich spreche ich mit meinen Eltern zu Hause kein Deutsch!"

Warum interpretieren wir in alles immer nur Schwächen hinein?

Ali Can ist im Südosten der Türkei geboren. Weil er und seine Familie Kurden und Aleviten sind – eine Minderheit in der Türkei – wurden sie damals politisch und gesellschaftlich unterdrückt. Als Asylsuchender kam Can dann 1995 mit seiner Familie nach Deutschland. Der heute 24-Jährige hat eine Hotline für besorgte Bürger ins Leben gerufen, in Essen das “Viel-Respekt-Zentrum” mitgegründet und ist Initiator von #MeTwo. Mit dem Hashtag hat er eine Debatte über Alltagsrassismus in Deutschland ausgelöst. 

In der HuffPost schreibt er nun darüber, warum es in Ordnung und sogar gut ist, dass seine Eltern mit ihm zu Hause Türkisch und nicht Deutsch sprechen. Damit reagiert er auf einen Artikel der “Bild”-Zeitung, in dem eine Berliner Schulleiterin anprangert, dass in ihrer Schule nur einer von 103 Schüler zu Hause Deutsch sprechen würde. 

Meine Mutter ist nie zur Schule gegangen, weil es auf dem Land im Südosten der Türkei keine gab. Mein Vater verließ die Schule nach der 5. Klasse, schon als Kind musste er als Schäfer arbeiten. Meine Familie kam 1995 als Asylsuchende nach Deutschland. Wir sind Kurden und Aleviten, die damals in der Türkei politisch und gesellschaftlich unterdrückt worden.

In Deutschland angekommen, haben meine Eltern natürlich nur eine Sprache gesprochen – und das war Türkisch.

Im Video oben erzählt Ali Can, warum er mit seiner Familie geflüchtet ist und wie es war, in Deutschland anzukommen.

Inzwischen sprechen beide gebrochen Deutsch, definitiv nicht fließend, aber sie sprechen Deutsch und können sich verständigen. Trotzdem spreche ich zu Hause kein Deutsch mit meinen Eltern, sondern Türkisch. Und daran ist auch erst einmal nichts schlecht.

Meine Eltern waren im Gegensatz zu mir nie in einem Umfeld, in dem fließend Deutsch gesprochen wurde. Da sie keinen Schulabschluss haben und keine Qualifikation vorweisen konnten, mussten sie irgendwo arbeiten, wo sehr geringe Sprachkenntnisse ausreichten und wo einheimische, gebürtige Deutsche tendenziell weniger gearbeitet haben.

Mein Papa hat in einer Fleischfabrik gearbeitet. Dort haben Menschen aus der Türkei, Rumänien, Polen gearbeitet. Und der Arbeitgeber hat die Angestellten sogar nach Nationalitäten in Abteilungen eingeteilt – Türken haben mit Türken, Polen mit Polen zusammengearbeitet usw. Und natürlich hat dort jeder in seiner Muttersprache gesprochen.

Ali Can
Ali Cans Eltern

Meine Mama war Putzkraft in privaten Haushalten. Die Familien, für die sie gearbeitet hat, waren nicht zu Hause, wenn sie kam. Also hat auch sie im Arbeitsumfeld nie Deutsch gesprochen. Mit wem auch, mit dem Staubsauger?

Ich spreche zu Hause Türkisch und Kurdisch. Trotzdem spreche ich auch fließend Deutsch. Ich empfinde das für mich als Bereicherung und ganz sicher nicht als etwas Negatives.

Sprache wird im Erleben, im Tun, durch Unterhaltungen und ständiges Wiederholen erlernt. Dafür brauchen wir Menschen um uns, die mit uns diese Sprache üben. Optimal wäre: Zusammen leben und zusammen lernen – so ließen sich all die vielen, nützlichen und alltagsrelevanten Vokabeln leichter lernen. Meine Eltern hatten diesen Umgang selten und nur deshalb sprechen wir zu Hause Türkisch.

Oft höre ich Menschen in meinem Umfeld sagen ‘Wer 20 Jahre hier gelebt hat und noch immer kein gutes Deutsch spricht, der will sich nicht integrieren und macht vieles falsch.’ 

Es ist aber definitiv keine böse Absicht, dass meine Eltern noch kein astreines Deutsch sprechen. Sie hatten nicht das Glück, in einem bestimmten Umfeld auch noch Zeit, Geduld und Geld für den Spracherwerb aufzubringen – das sagt viel aus über die unsicheren, harten Umstände, denen wir als finanziell schwach aufgestellte Geduldete ausgesetzt waren.

Ihnen war es besonders wichtig, dass wir Kinder sehr gutes Deutsch lernen, gute Noten mit nach Hause bringen und gute Schüler sind. Dass sie jedoch Menschen damit auf den Schlips treten, weil sie zu Hause mit den Kindern Türkisch sprechen, hätten sie vermutlich nie gedacht, da sie sich das nicht aussuchten.

Ali Can
Ali Can (rechts) und seine beiden Gechwister

Das alles ist natürlich der Grund dafür, weshalb auch ich in unserer Wohnung mit meinen Eltern Türkisch spreche. Ich empfinde das für mich als Bereicherung und ganz sicher nicht als etwas Negatives.

Im Türkischen sagt man “Eine Sprache ist ein Mensch”. Das bedeutet, wer eine Sprache beherrscht, versteht ein ganzes Volk, kann sich verbinden, Gemeinsamkeiten finden und sein Leben bereichern.

Mehrsprachig aufzuwachsen ist ein friedensgeleitetes Denkmodell. Wer mehr Sprachen spricht, kann mit mehr Menschen in Kontakt kommen, mehr verstehen, sich verständigen und kulturell austauschen.

Meine Eltern haben mit mir und meinen Geschwistern Türkisch gesprochen, weil sie mussten. Aber wir haben aus dieser Not einfach eine Tugend gemacht. Wir haben dadurch besseren Kontakt zu unseren Verwandten pflegen können, sind mit zwei verschiedenen Kulturen aufgewachsen. Es gibt manche Wörter im Türkischen, für die es im Deutschen keine Entsprechung gibt, die ein bestimmtes Lebensgefühl ausdrücken.

Wer mehrsprachig aufwächst, hat einen größeren Horizont

Eines zum Beispiel würde ich sinngemäß mit ‘sich selbst bemitleiden’ und ‘dramatisch über das Leben, die Liebe und Gott sinnieren’ umschreiben (auf Türkisch ‘dertlesmek’). Das ist aber nicht zwingend etwas Negatives.

Während in Deutschland am Wochenende viel gefeiert und sich mit Freunden getroffen wird, um Spaß zu haben, trifft man sich in der Türkei auch mal mit Freunden mit dem Vorhaben, melancholische, tiefgründige Gespräche über Liebe, Emotionen und Konflikte zu sprechen – dafür gibt es ein eigenes Wort im Türkischen. Ich bin dankbar, dass ich es kenne. Es erweitert mein kulturelles Erleben.

Wer mehrsprachig aufwächst, hat einen größeren Horizont. Ich bin dankbar, dass ich mit verschiedenen Sprachen und dadurch auch Kulturen aufwachsen durfte.

Diese zwei Welten, die eine zu Hause, die andere in der Schule, haben mir geholfen zu begreifen, dass es verschiedene Perspektiven auf dieselbe Welt gibt.

Und ich habe schon früh gemerkt, dass mir das hilft, als Brückenbauer zu fungieren. Das fing bereits in der Grundschule an. Dort war ich der einzige Türkischstämmige in meiner Klasse, auf der weiterführenden Schule auch. Und diese zwei Welten, die eine zu Hause, die andere in der Schule, haben mir geholfen zu begreifen, dass es verschiedene Perspektiven auf dieselbe Welt gibt.

Es hängt sehr stark von unserer Sozialisation ab, wie wir Dinge und Menschen beobachten, bewerten, deuten, miteinander umgehen. Welche Werte wir selbst erfahren, sorgt dafür, dass wir die Welt durch eine bestimmte kulturelle Brille kristallisieren.

Mehrsprachig aufzuwachsen hat mich scharfsinniger gemacht

Viele schauen ihr ganzes Leben lang durch dieselbe Brille und blicken ein Leben lang gleich auf andere Menschen, ihre Umwelt. Sie reflektieren die Art und Weise nicht, wie sie denken. Aber wenn man wie ich zweisprachig aufgewachsen ist, dann lernt man, dass es eben verschiedene Sichtweisen gibt. Ich würde es das Gefühl ‘etwas ist anders, aber gleich’ nennen und es hat mich ein Leben lang begleitet.

Natürlich gehört dazu auch, dass ich schon als kleiner Junge gemerkt habe, dass es nicht immer leicht ist, wenn man zwischen den Kulturen hin und herwechselt. Aber ich habe schnell gelernt, mich damit auseinanderzusetzen und bin dadurch scharfsinniger geworden. Ich habe gelernt, meine Gedanken zu konkretisieren. Das ist für mich Kulturteilhabe und Brückenbau – und wenn man so mag, auch ein Baustein für einen friedliebenden Umgang zwischen Fremdkulturellen. 

Und das ist eine sehr schöne und wichtige Sache für alle Gesellschaften. Das ist auch wissenschaftlich belegt. Experimente haben gezeigt, dass sich Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, besser in andere hineinversetzen können und das Verhalten anderer besser in ihre eigene Wahrnehmung integrieren können.  

Ich war ein mittelmäßiger bis guter Schüler – und das ohne, dass ich zu Hause Deutsch gesprochen habe und ohne, dass ich Nachhilfe bekommen hätte.

Und wenn ich dann Schlagzeilen lese wie “Nur eins von 103 Kindern spricht zu Hause kein Deutsch” denke ich mir: Na und? Welche Sprache Kinder zu Hause sprechen, ist weder der wichtigste Garant für schulischen Erfolg noch ein Indikator für Integration. Ich war ein mittelmäßiger bis guter Schüler – und das ohne, dass ich zu Hause Deutsch gesprochen und ohne, dass ich Nachhilfe bekommen habe.

Das besonders Perfide an Schlagzeilen wie dieser ist, dass es den Anschein hat, als wollten die Eltern gar nicht, dass die Kinder zu Hause Deutsch sprechen. Meine Eltern haben mir vom Trödelmarkt günstig Bücher und CDs gekauft, damit ich und meine Geschwister besser Deutsch lernen.

Und ansonsten habe ich einfach Deutsch in der Schule gelernt. Durch Freunde, Bekannte, Nachbarn – dieser Austausch ist wichtig, für das Lernen von Sprachen, aber auch, um zu wachsen. Und man darf Kindern und Eltern nicht die Schuld dafür geben, dass sie zu Hause kein Deutsch sprechen. Manchmal sind die Umstände so, dass es nicht anders geht.

Das Umfeld spielt eine entscheidende Rolle

Und vielleicht ist dies ja auch nur ein Schnappschuss? Vielleicht wird in einer anderen Phase des Familienlebens doch zu Hause Deutsch gesprochen, weil plötzlich die Arbeitsumstände andere sind und Kollegen oder Kollegenen in der Mittagspause sich genauso mit einem unterhalten möchten, auch wenn man wenig Deutsch kann? Es gibt ja auch immer die andere Seite, die mitmachen muss.

Aber auch ein möglicher Umzug kann zur Folge haben, dass es plötzlich ein freundliches, aktives Nachbarschaftsverhältnis gibt, das hilft, besser Deutsch zu lernen.

Dazu eine Anekdote: Als einmal ein (deutschstämmiger) Nachbar meine Eltern kennengelernt und mit ihnen gesprochen hatte, entschuldigte sich mein Vater anschließend, dass er nicht so gutes Deutsch spricht.

Der Nachbar aber sagte, dass es überhaupt keinen Grund gäbe, sich zu entschuldigen. Außerdem sei der Charakter eines Menschen viel wichtiger als die Sprache. Für ihn hatte Integration etwas mit Haltung und Offenheit und den gelebten Werten zu tun – und nicht mit der Sprache. 

Wer mehrsprachig aufwächst, ist flexibler, anpassungsfähiger, kreativer

Keiner sagt, dass es immer leicht ist, als Kind mit zwei Sprachen aufzuwachsen. Auch ich hatte manchmal damit zu kämpfen, die richtigen Worte zu finden und mich gut ausdrücken zu können. Aber allein die alltägliche Beschäftigung mit mehreren Sprachen bringt Kindern in ihrer Entwicklung so viel Wertvolles.

So zeigen auch Studien, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder zwar im Durchschnitt einen geringeren Wortschatz in der jeweiligen Sprache im Vergleich zu einsprachig aufwachsenden Gleichaltrigen haben. 

Aber das sorgt gleichzeitig dafür, dass diese Kinder mit komplexen Situationen besser umgehen lernen. Sie sind durch ihre Erfahrungen mit schwierigen Kommunikationssituationen geübter darin, Missverständnisse zu entdecken und zu korrigieren, flexibler zu assoziieren und sind signifikant kreativer darin, Lösungen zu finden.

Falsche Problematisierungen und Feindbilder

Auch belegen Studien, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, ihre Aufmerksamkeit besser auf mehrere Dinge gleichzeitig richten können und Mehrsprachigkeit die Konzentrationsfähigkeit positiv beeinflusst.  

Wenn eine Zeitung wie die “Bild” das als riesiges Konfliktproblem tituliert, komme ich mir als Betroffener problematisiert vor und so als würde ich die deutsche Sprache nicht wertschätzen. Oder als würden sich meine Eltern willentlich dagegen wehren. So ist es aber nicht.

Zu Hause Türkisch zu sprechen wird gleichgesetzt mit gescheiterter Integration. Das steht aber in keinem direkten kausalen Zusammenhang. Da werden verschiedene Debatten vermischt.

Und Studien zeigen auch, wie schädlich es für Kinder mit Migrationshintergrund ist, wenn ihnen das als Schwäche ausgelegt wird. Wenn Kinder das immer wieder gesagt bekommen, fühlen sie sich dümmer, haben mehr Angst, sich im Unterricht zu beteiligen, sind weniger selbstbewusst. Das alles kann ich auch eigener Erfahrung bestätigen.

Auch schaffen solche Thesen nach außen hin falsche Problematisierungen und Feindbilder in der Gesellschaft. Zu Hause Türkisch zu sprechen wird gleichgesetzt mit gescheiterter Integration. Das steht aber in keinem direkten kausalen Zusammenhang. Da werden verschiedene Debatten vermischt.

Ali Can
Ali Can und seine Eltern

Meine Eltern sind wunderbar integriert. Schon als ich klein war, hatte ich viele deutsche Freunde, die ich mit nach Hause gebracht habe. Meine Eltern haben mit ihnen gesprochen und umgekehrt, meine Eltern haben sich mit Nachbarn ausgetauscht etc.

Meine Eltern sind integriert – auch ohne fließend Deutsch zu sprechen

Warum sie deshalb integriert sind? Weil Integration in erster Linie bedeutet, dass Menschen gegenüber einander gesellschaftsfähig werden, miteinander kommunizieren, bestimmte Werte teilen und im Umgang miteinander leben, einander offen, freundlich und achtungsvoll begegnen – und auch Achtung vor dem Grundgesetz zeigen.

Ob ich eine Sprache beherrsche oder nicht, gibt erst einmal gar keine Auskunft über meine Wertehaltung und erfasst auch nicht, welche Haltung ich gegenüber Gesetzen, Traditionen und anderen Menschen habe.

All das tun meine Eltern – auch ohne fließend Deutsch zu sprechen. Zwischenmenschliche Beziehungen sorgen dafür, dass wir uns weiterentwickeln, dazulernen, bereit sind, andere Seiten kennenzulernen.

Ob ich eine Sprache beherrsche oder nicht, gibt erst einmal gar keine Auskunft über meine Wertehaltung und erfasst auch nicht, welche Haltung ich gegenüber Gesetzen, Traditionen und anderen Menschen habe. Deshalb ist es super vereinfachend und verzerrend, wenn Konflikte an der Tatsache entlang erklärt werden, dass Kinder zu Hause nicht Deutsch sprechen.

Mehrsprachigkeit ist eine Tugend und Stärke

Deutschland ist ein Akteur, der von internationalem Austausch, internationalen Abkommen, Export, Import, Kooperationen, Digitalisierung lebt. Und vor diesem Hintergrund ist Mehrsprachigkeit eine ultrawichtige Kompetenz. Das ist eine Tugend, eine Stärke. Durch Zuwanderung entstehen in Deutschland auch neue Geschäftsmodelle und Beziehungen und Handelsmöglichkeiten.

Und wer Arabisch oder Türkisch spricht, kann zudem neuankommende Zuwanderer unterstützen und ihnen bei der Integration helfen. Globalisierung erfordert und fördert auf der ganzen Welt kulturellen Austausch. Was könnte dem mehr dienen, als mehrsprachig aufzuwachsen?

Andere Länder rühmen unsere Willkommenskultur in Deutschland. Warum können wir das nicht als Stärke begreifen? Warum schreiben Zeitungen nicht: ’102 von 103 Kindern können neben Deutsch auch Arabisch oder Türkisch”? Warum interpretieren wir in alles immer nur Schwächen hinein?

Wir müssen lernen, all das als Potenzial für unsere Gesellschaft zu sehen. Kulturelle Diversität und Mehrsprachigkeit könnten Deutschland so sehr bereichern und für vieles eine Lösung bieten – aber dafür müssen wir erst einmal aufhören, das als Problem zu sehen.

Das Gespräch wurde von Uschi Jonas aufgezeichnet.

(mf)