BLOG
06/12/2018 12:28 CET | Aktualisiert 06/12/2018 12:28 CET

Natural Leadership: Warum eine neue Führungskultur Klarheit, Mut und Menschlichkeit braucht

Leadership braucht nachhaltige Substanz

Leadership fasziniert, doch es ist gerade deshalb wichtig, die Moden von echter Substanz zu unterscheiden. Sagt der Managementvordenker Fredmund Malik. Echte Leader fragen nicht danach, was sie wollen und was zu ihnen passt, sondern was in einer bestimmten Situation zum Besten für alle getan werden muss. Ihre Motivation und Kraft kommen aus der Aufgabe, die sich ihnen stellt. Wo sich Resultate nicht einstellen, reden sie sich nicht heraus, denn sie wissen, dass sie dadurch bald ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden. „Sie wissen, dass das, was ihnen selbst klar ist – ihre Sicht, ihre eigene Vorstellungswelt – anderen überhaupt nicht klar sein muss und oft auch gar nicht klar sein kann.“ Sie drücken sich deshalb klar und deutlich aus, um sich verständlich zu machen. Sie leben vor und führen durch Beispiel. Der Erfolg in der Sache ist ihnen wichtig, nicht ihr Erfolg als Person. Echte Leader müssen nach Malik keine begeisternden Menschen sein, denn Begeisterung kann in kritischen Führungssituationen auch ein entscheidendes Hindernis für Leadership sein.

Um Leadership wirksam zu machen, braucht es effektives Management, dessen Grundlagen Wissen, Erfahrungen und Talent sind. Es geht darum, dass die richtigen Dinge richtig und gut getan werden. Wo richtiges Management wirkt, können Menschen ihre Stärken in Leistung umwandeln, erfolgreich sein und durch ihr wirksames Handeln Lebenssinn finden. Management und Leadership beginnen dort, wo wir mit rein ökonomischer Rationalität nicht mehr weiterkommen, aber dennoch entscheiden müssen.

Interview mit Wolf Lüdge und Ute Tiegs

Wolf Lüdge war in verschiedenen Unternehmen der grünen und der Markenartikelbranche als Geschäftsführer tätig. Er hatte die Funktion des Markenmanagers von hessnatur mehr als zehn Jahre inne. Er gilt als unkonventionelle Führungskraft, dessen Umgang mit seinen Kollegen und Mitarbeitern geprägt ist von Konsequenz und Herzlichkeit. Heute gibt Lüdge seine Erfahrungen als Interims-Manager und Leadership-Coach weiter. Darüber hinaus ist er Ausrichter und Programmvorsitzender des Naturkosmetik-Branchenkongresses in Berlin. Er lebt mit seiner Frau, seinen zwei Kindern und Hund im Mittelhessischen und ist bekennender Handball-Fan.

Wolf Lüdge

Ute Tiegs war 14 Jahre im Versandhandel Führungskraft für große Abwicklungsbereiche wie Logistik und Kundenbetreuung. Es folgten acht Jahre als Personalleiterin bei hessnatur. Seit vier Jahren berät sie mittelständische Unternehmen als Business Coach und unterstützt mit ihrer Personalleitungskompetenz. Der Themenkomplex „zukunftsfähige Führung“ zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Berufsleben. In den letzten Jahren hat sie sich intensiv mit der Wirkung von Wertschätzung und mit moderner Moderations- und Meeting-Kultur beschäftigt. Sie lebt mit ihrem Mann in der Wetterau. Kreativen Ausgleich findet sie beim Bildhauern und Fahrrad fahren.

Ute Tiegs

Herr Lüdge, weshalb ist das Thema Leadership für Sie Berufung?

Wolf Lüdge: In unserer westlichen Welt ist jeder Mensch frei. Das meine ich in einem umfassenden Sinn. Im Speziellen bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch die freie Wahl hat, seine Entscheidungen zu treffen. Prinzipiell muss man nichts. Man muss sich nicht von einem nervenden Nachbarn die Freude am Garten vermiesen lassen, man muss nicht einer Arbeit nachgehen, die keine Freude bereitet und man muss sich nicht der Macht des Kapitals unterwerfen. Natürlich sind Familienleben, Freunde, ein Auskommen und Gesundheit sehr wichtig. Aber man muss prinzipiell nichts, außer sterben.

Jeder Mensch hat seine Vorbestimmung. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch etwas besonders gut kann. Wenn man das dann zu seinem Beruf machen kann, ist das traumhaft. Wenn Sie Führungskraft sind, aber viel lieber gärtnern und den ultimativen grünen Daumen haben, dann bitte gehen Sie Ihrer Profession nach. Wenn Sie begabte Führungskraft sind, dann bitte arbeiten Sie an sich und werden Sie zum Natural Leader. Ich kann nur jedem Menschen empfehlen: Folgen Sie Ihrer Berufung und führen Sie Menschen an!

Was ist ein Natural Leader?

Wolf Lüdge: Die althergebrachte Definition von Führung - der Chef sagt, was gemacht wird - ist erstaunlicherweise auch heute im Zeitalter des Individualismus noch sehr verbreitet. Mein Ansatz ist ein anderer. Natural Leadership, also „naturgemäßes Anführen“, bedeutet, Orientierung zu geben, einen Weg zu weisen, wohin es gehen kann und vor allem, Sinn zu stiften. Damit entscheide ich nicht für jemanden, sondern ich leite an, unterstütze die Person dabei, einen zielführenden und sinnbringenden Weg zu entwickeln. Dafür müssen wir die Prozesse so gestalten, dass die Arbeit den Mitarbeiter erfüllt, bestenfalls beglückt. Wenn das gelingt, werde ich als Leader anerkannt und komme auch dem heutigen Wunsch nach Individualisierung entgegen. Leadership heißt, sich kreativ, inspirierend, aber auch der Sache dienend, den Mitarbeitern und dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

Ute Tiegs: Übersetzt in den Arbeitsalltag gilt es, als Führungskraft das Potenzial, das in jedem einzelnen Mitarbeiter steckt, zum Vorschein zu bringen. Das bedeutet für denjenigen, der die Verantwortung trägt, den Raum zu schaffen, in dem jeder selbstorganisiert seine Funktion wahrnehmen kann. Um das zu erreichen, muss das große Unternehmensziel genauso klar sein wie die Aufgabe jedes Einzelnen. Ganz wichtiger Punkt dabei, der Einzelne muss das Vertrauen seines Vorgesetzten genießen, dass er dieses Ziel auf seine individuelle Art und Weise erreicht. Am Ende zählt das gemeinsame Ergebnis. Wertschätzung und Anerkennung des individuellen Weges sowie der persönlichen Kompetenz sind zwei wichtige Bausteine für die Mitarbeiterzufriedenheit und die Anerkennung des Leaders in seiner Rolle.

Welche Qualitäten benötigt ein Natural Leader noch?

Wolf Lüdge: Die Menschen wollen sich heute am Arbeitsplatz verwirklichen, Dinge tun, die ihnen Spaß machen. Ein Unternehmen ist wie ein großes Spiel. Die Führung muss die Spielregeln so gestalten, dass sich möglichst viele Akteure mit Freude in die Arbeit einbringen und den gemeinsamen Ehrgeiz entwickeln können, das gesteckte Ziel zu erreichen. Das heißt aber auch, um anderen den Weg freizumachen, muss sich der Natural Leader zurücknehmen können, d. h. sich selbst frei machen von dem, was heute noch für viele mit dem Begriff Führung zusammenhängt. Da geht es um Status, um Geld und darum, seine Position zu wahren und zu verteidigen (mit Ellbogenmentalität gegen Emporkömmlinge vorzugehen). Natural Leader haben keine Angst, dass jemand besser sein könnte als sie.

Was bedeutet Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz konkret?

Wolf Lüdge: Spaß haben am Arbeitsplatz ist nicht gleichzusetzen mit Nachlässigkeit oder Unprofessionalität. Es geht darum, Menschen mit all ihren Fähigkeiten, in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen, sie gestalterisch teilhaben zu lassen und nicht bloß zu instruieren. Dass Unternehmen weiterhin ertragreich und erfolgreich sein müssen, und dass es eine klare Strategie braucht mit konsequenter Umsetzung ist dabei selbstverständlich. Konsequentes Handeln auf allen Ebenen und klare Kommunikation in allen Fragen ist Grundvoraussetzung für erfolgreiche Unternehmensführung.

Was macht eine zeitgemäße Führung aus?

Wolf Lüdge: Jeder Natural Leader braucht einen Wertekanon, den er bewusst für sich selbst aufstellt. Klarheit, Mut und Menschlichkeit heißen meine Werte. Jede gute Führungskraft geht durch diesen Bewusstseinsprozess, um für sich zu klären, wie sie am besten dem Unternehmen dienen kann. Sich drei Werte für den Führungsalltag zu erarbeiten, mit denen ich Orientierung für meine Mitarbeiter schaffe, das ist ein gewichtiger Punkt, den wir beim Natural Leadership Camp (NLC) behandeln werden. Andere mitnehmen kann nur, wer sich über seine eigenen Visionen, Werte und Überzeugungen klar ist. Deshalb ist so häufig das „In-die-Fußstapfen-Treten“ als Nachfolgeregelung innerhalb einer Unternehmerfamilie zum Scheitern verurteilt.

Ute Tiegs: Flache Hierarchien werden heute geschätzt. Es nutzt jedoch wenig, Hierarchien einfach nur abzubauen. Es müssen geeignete Strukturen entwickelt werden, d.h. der Leader muss sehen, was die Mitarbeiter oder sein Team brauchen. Dafür bedarf es einer Orientierung durch gelebte Werte. Wir wollen die Teilnehmer befähigen, die Unterschiedlichkeit von Menschen als Potenzial zu erkennen und ihre Kompetenz für den Erfolg des Unternehmens nutzbar zu machen.

Unter dem Motto "Leadership ist eine Frage der Haltung“ bieten Sie in einem kreativen Umfeld den Rahmen, in die eigene Tiefe zu gehen und Impulse mitzunehmen, die die Führungsaufgabe einfacher und erfolgreicher machen. Worum geht es?

Wolf Lüdge: Die eigene Haltung, das eigene Menschenbild ist die Grundlage des eigenen Führungsstils. Das Besondere am Natural Leadership Camp ist die außergewöhnliche Kombination von praxisorientiertem Wissenstransfer, Hintergrundinformationen, Erfahrungsaustausch und umfangreichen Erlebnissen im kreativen Erfahrungsfeld von Schloss Freudenberg. Die Module bauen inhaltlich aufeinander auf. Die Phasen zwischen den Modulen bieten Raum zur Anwendung und zum Ausprobieren. Über die Reflexion der Erfahrungen, die Betrachtung aus der Meta-Ebene und intensiven Austausch wird der erfolgreiche Transfer in den Führungsalltag sichergestellt.

Weshalb haben Sie Schloss Freudenberg bei Wiesbaden für das NLC ausgewählt?

Ute Tiegs: Es gibt viele Führungskräfte-Seminare, die Methoden zur Führung vermitteln. Das ist per se nicht falsch, aber unsere Erfahrung ist, dass die Haltung der Führungskräfte wichtiger als die Methodik ist. Wer nicht aus einer menschenorientierten, offenen Haltung heraus agiert, kann die besten Methoden anwenden, kommt jedoch oft nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Freudenberg haben wir gewählt, weil dieser Ort Aha-Erlebnisse auf der Haltungsebene ermöglicht.

Was unterscheidet ihn von anderen Orten?

Ute Tiegs: Das Erleben. Hier kann die Theorie auch mit Leib und Seele erfahren werden. Ganzheitliche Erfahrungen mit vielen Sinnen haben eine nachhaltige Wirkung. Das Erfahrungsfeld der Sinne auf Schloss Freudenberg bietet sich an, die Haltung des Natural Leaders spielerisch und auf der Sinnesebene zu erfahren und zu festigen. Wir werden neueste Erkenntnisse aus der Neurobiologie anwenden und Raum schaffen für persönliche Weiterentwicklung sowie konkretes Erleben des theoretischen Impulses. Dieses Seminarformat ist außergewöhnlich, weil es so viele verschiedene Ebenen berührt.

Wolf Lüdge: Vielen fehlt heute eine sinnlich-kreative Ansprache – doch gerade die bringt einen weiter. Freudenberg hat mich schon immer berührt, und ich bin immer mit einer Inspiration nach Hause gefahren. Diese sinnlich-kreativen Erfahrungen zusammen mit den Methoden, wie das in den Unternehmensalltag integriert werden kann, das ist eine perfekte Kombination. Man kann fragen, was hat Stockbrot-machen am Lagerfeuer mit Führung zu tun? Sehr viel kann ich Ihnen sagen: Sich in entspannter Atmosphäre austauschen, etwas gemeinsam tun, erleben und genießen, das spricht einfach eine andere Ebene in uns an, die so oft brach liegt und doch so wichtig ist.

An wen richtet sich das Natural Leadership Camp?

Wolf Lüdge: Das Natural Leadership Camp richtet sich an gestandene und junge Führungskräfte, die sich weiter entwickeln wollen, um in der heutigen Zeit der Digitalisierung und permanenten Veränderung erfolgreich zu führen.

Ute Tiegs: Wir möchten gerne unsere Erfahrungen an junge Führungskräfte weitergeben, indem wir ihnen einen Blick auf die Führungsrolle aus der Meta-Ebene vermitteln und ihnen reichlich Raum für eigene Erfahrungen bieten. Natürlich wollen wir auch erfahrene Führungskräfte ansprechen, die auf der Suche nach einer wertschätzenden Führungskultur sind und alle Interessierten, die bereit sind, ihre Haltung im Umgang mit anderen Menschen zu reflektieren. Vier Veranstaltungen innerhalb von sechs Monaten haben wir gewählt, um den Teilnehmern in den Zwischenzeiten Raum zur Anwendung und zum Ausprobieren zu geben. Die Module bauen aufeinander auf, über Reflektion und Austausch stellen wir den erfolgreichen Transfer in den Führungsalltag sicher.

Wolf Lüdge: Wir wollen Leadership erfahrbar machen und alle erreichen, die sich davon angesprochen fühlen. Am schönsten wäre es, wenn die Teilnehmer zu den Folgeseminaren jeweils ihre Impulse und Gedanken aus dem Arbeitsalltag sowie ihre Lösungsansätze dafür mitbringen würden. Dann ergäbe sich ein lebendiger Austausch.

Weshalb ist dieser Ansatz so wichtig?

Ute Tiegs: Weil Führung eine der anspruchsvollsten Aufgaben überhaupt ist.

Wolf Lüdge: Der Aufwand für Führung wird massiv unterschätzt! Führung ist sehr vielfältig und es braucht Zeit, sie zu erlernen. Es kann jedoch zum Wettbewerbsvorteil werden, den Führungsansatz zu ändern. In einer Zeit, in der fast alles erfunden ist, muss Unternehmensführung auf die Menschen im Unternehmen setzen. Besonders in unserer digitalisierten Gesellschaft muss die menschliche Ressource wieder über dem Computer stehen, das Team über dem Einzelspieler.

Ute Tiegs: Authentizität ist ein Wert und eng mit Intuition verbunden. Es ist wichtig, dass ein Leader diesen Wert seiner Mitarbeiter anerkennt, respektiert sowie damit umgehen und arbeiten kann.

Wolf Lüedge: Der Natural Leader gewährt Freiheit, schafft Klarheit, gibt Rat und gestaltet den Rahmen. Er hat den Zusammenhang zwischen den Dingen im Blick und den lebendigen Organismus des Unternehmens, dessen essentieller Teil die Menschen sind. Denn sie machen das Wesen des Unternehmens aus. Das erfordert vom Natural Leader, immer wieder hinzuschauen, was der Einzelne in seiner Position braucht.

Welche Bedeutung hat für Sie Klarheit?

Ute Tiegs: Sie gibt Orientierung. Für Klarheit sorgen übersichtliche Strukturen und transparente Prozesse. Noch wichtiger als die operativen Rahmenbedingungen sind meiner Ansicht nach die gelebten Werte und die gemeinsame klare Ausrichtung auf die Vision des Unternehmens. Führungsaufgabe ist es, dies täglich als Vorbild zu leben.

Für mich war es ein Schlüsselmoment, als ich verstanden habe, dass ich weder als Führungskraft noch als Beraterin auf jede Frage die Antwort wissen muss. Es geht vielmehr um meine Haltung, dass mein Gegenüber, mein Team, mein Kunde selbst die passgenaue Lösung in sich trägt – ich gestalte den Raum, damit sie entwickelt werden kann.

Vertrauen in die Weisheit einer Gruppe zu haben, das Potenzial in Menschen zu erkennen und dessen Entfaltung zu unterstützen, die Menschen in ihrer Ganzheit und Authentizität zu fördern und zu fordern – so zeigt sich für mich Leadership.

Warum ist die Haltung einer Führungskraft entscheidend?

Ute Tiegs: Wer nicht aus einer menschenorientierten, offenen Haltung heraus agiert, kann die besten Methoden anwenden, kommt jedoch oft nicht zu den gewünschten Ergebnissen.

Wolf Lüdge: Dem Natural Leader geht es darum, zusammen mit anderen etwas zu bewegen, seine Position ist für ihn nicht so wichtig. Das ist eine Frage der Haltung gegenüber den Menschen. Beim Natural Leadership ist Menschlichkeit meine Basis, und ich stelle mich in den Dienst einer Sache.

Weiterführende Informationen:

Fredmund Malik: Gefährliche Managmentwörter. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2017.

Fredmund Malik: „Nicht wer jemand ist, ist entscheidend, sondern wie jemand handelt“. In: Visionäre von heute – Gestalter von morgen. Inspirationen und Impulse für Unternehmer. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Neumüller. Verlag SpringerGabler, Heidelberg, Berlin 2018.

Wolf Lüdge: Natural Leadership: from head to leader. 2017.