BLOG
19/06/2018 10:54 CEST | Aktualisiert 19/06/2018 12:34 CEST

"Sterben tut weh": So fühlte ich mich während meiner Nahtoderfahrung

Ich bin dankbar, dass ich lebe.

FOL
"Sterben tut weh – im Herzen!" Natalie erzählt über ihr Nahtoderlebnis.

Menschen fragen sich oft, ob sterben weh tut. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Ja, sehr sogar! Seelisch vielleicht sogar mehr als körperlich. Ich wusste, dass ich dem Tod näher als dem Leben war. Und dass mich nur noch ein Wunder retten würde.

Nie hätte ich gedacht, dass ich diese Situation noch einmal durchmachen würde. Dass ich noch einmal mein Leben völlig aus der Hand geben muss. Und dieses Mal nicht nur meins, sondern auch das meines ungeborenen Babys im Bauch.

► Und nie werde ich vergessen, wie ich im OP lag und mir nur noch ein Gedanke durch den Kopf ging: “Das war es. Das war’s mit meinem Leben.

Ich habe damals nur überlebt, um dich zu bekommen. Lieber Gott, bitte mach, dass mein Baby überlebt! Nimm meins für seins!”

Ich bemerkte, dass ich zu schnell fuhr

Alle Ermahnungen meiner Eltern, “vorsichtig zu fahren“ nahm ich mit meinen 19 Jahren genauso wenig ernst, wie es Menschen in diesem Alter eben tun. Mein Auto war natürlich auch kein Rennwagen, sondern ein Fiat Panda.

Im Vergleich zu den heutigen Autos ein Pappkarton auf Rädern. Aber immerhin mit Faltdach, fast wie ein Cabrio. Mit diesem Pappkarton war ich also an einem sonnigen Septembernachmittag auf der Straße unterwegs. Ich war kurz bei einem Freund zu Besuch und anschließend auf dem Heimweg ins Elternhaus.

 Ich fuhr zügig, raste aber nicht. Trotzdem bemerkte ich, dass für die Landstraße, auf der ich unterwegs war, die Geschwindigkeit doch etwas zu hoch war. Kurz vor einer steilen Rechtskurve wurde “60 km/h” angezeigt. Ich war erschrocken, wie schnell die Kurve näherkam. Ich trat in die Bremse und kam ins Schleudern.

Mehr zum Thema: Wegen meiner Behinderung sollte ich mit 5 Jahren sterben - heute bin ich 52 und glücklicher denn je

Ich wusste sofort, dass das hier Ernst ist

Es war ein totaler Kontrollverlust – aber in Zeitlupe. In Echtzeit hat sich dieser Unfall laut Polizeiakten innerhalb von 15 Sekunden abgespielt. Für mich fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Ich wusste sofort, dass das hier Ernst ist.

Dass das hier eine nicht mehr abzuwendende Katastrophe werden würde.

Die Straße war durch einen kurzen heftigen Regen nass, die ersten Herbstblätter lagen auf der kurvenreichen Landstraße.  Zu meiner Linken ging es ins Tal hinab,  zu meiner rechten Seite ragte die Bergwand empor.

Meine Hände waren völlig machtlos

Mein kleiner Panda reagierte wie besagter Pappkarton. Ich schleuderte auf die Leitplanke zu in Richtung Abhang. Keine gute Option. Ich drehte energisch am Lenkrad nach rechts.

Das Auto drehte sich sofort um 180 Grad und ich raste seitlich auf die Bergwand zu. Ich versuchte, irgendwie wieder zurück auf die Straße zu kommen, und lenkte nach links. Wieder drehte sich der Fiat um die Achse.

Schräg vorwärts raste ich völlig ohne Kontrolle aus der Kurve. Dort sah ich ein Auto, das mir auf der anderen Fahrbahnseite entgegenkam. Ich schlingerte mit meiner Beifahrerseite schräg voraus auf das Fahrzeug zu. Die Hände am Lenkrad und doch völlig machtlos, den großen Knall zu verhindern.

Natalie: “Wenn hier kein Wunder geschieht, werde ich das nicht überleben“

Als ich die Augen aufmachte, standen vor mir Menschen. Ich sehe es wie heute: Sie standen vor meinem Auto, aber weit unter mir. Ich verstand überhaupt nicht, was los war. Mein Schädel brummte. Dann bemerkte ich, dass ich im Auto erhöht saß. Ich blickte auf Menschen hinab.

Ich konnte nicht mehr richtig atmen. Meinen Körper nicht bewegen. Vor allen Dingen nicht atmen. Ich sah an mir herunter. Meine Beine waren da, lagen aber regungslos am Sitz. Die Handbremse steckte zwischen dem Nachbarsitz und meinen Rippen. Es drückte unfassbar in meine Seite. Ich stöhnte auf, und drückte mit letzter Kraft die Handbremse von meinem Körper weg.

Mehr zum Thema: Neurochirurg: Darum bin ich mir sicher, dass es ein Leben nach dem Tod gibt

Ich stöhnte laut und unkontrolliert auf.Es war mir furchtbar unangenehm. Und peinlich. Ich schämte mich für mein lautes, seltsames Stöhnen. Bemerkte aber, dass ich trotz allem keine Luft bekam. Alles verschwamm und ich sackte zur Seite.

Ich erinnere mich heute an den Moment, der mir den absoluten Ernst der Lage klar machte: Ein Mann stand ganz nah vor meinem Auto, telefonierte. In seinen Augen konnte ich sehen, dass mein Anblick ihn tief erschreckt hatte. Offensichtlich konnte mir keiner helfen. Ich hing in meinem Wrack und erkannte, dass meine Zeit gekommen war. 

Es war wirklich wie im Film – nur ohne Happy End

Mehrere Filme gleichzeitig liefen in meinem Kopf ab. Zum einen schämte ich mich dafür, dass ich so kopflos war, diesen Unfall zu bauen. Dass ich noch vor meiner geliebten Oma sterben und meiner Mutter das Herz brechen würde. Dass ihr Leben nie wieder so sein würde, wie es vorher war. Dass ich meinen Vater enttäuschen würde.

Ich dachte an meine Freunde. Dass ich sie nie wiedersehen würde. Und sie ihr Leben leben werden. Ohne mich. Ich sah all ihre Gesichter, all unsere lustigen Momente. Es war wirklich wie im Film. Nur ohne Musik. Ohne Happy End.

Ich sah mich als Kind, wie meine Mutter, damals jung und mit langen, braunen Haaren, lachte und lässig ihre Zigarette in der Hand hielt. Ich konnte das kaum aushalten. Sterben tut weh. Dieser Schmerz im Herzen. Diese Welt zu verlassen, war das furchtbarste Gefühl, das man sich vorstellen kann. Ich wollte doch noch nicht gehen. Noch lange nicht.

Ich war noch da, aber irgendwie war ich auch schon weg

Dann sah ich meinen geliebten Opa vor mir, der fünf Jahre davor gestorben war – und fühlte mich auf einmal ruhiger. Ich sah ihn einfach vor mir, an den Rest des Bildes kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur an ihn. Sein freundliches Gesicht. Seine weißen Haare und die rosige Haut.

Ich war noch da. Aber irgendwie war ich auch schon weg. Ich hatte davon mal gehört, dass es am Ende leichter wird. Ich hoffte darauf. Denn jetzt fühlte sich alles weich an.

Ich hörte Rufe, Schreie, von weit weg. Ich spürte, wie mein Schmerz verging.Mein Herz hörte auf zu klopfen. Ich war froh, denn diese Sekunden waren kaum auszuhalten. Mein lautes Stöhnen und Röcheln war weg und meine Augen geschlossen. Es war vorbei. Dann spürte ich eine warme Hand an meinem Kinn.

Jemand fasste mir ins Gesicht – ich kann mich erinnern, dass ich Luft spürte. Aber ich atmete nicht. Wieder Luft. Meine Augen waren geschlossen. Es war sanft und tat endlich nicht mehr weh. Es war ruhig und erlösend. Ich tauchte ab.

Mein zweites Leben begann

Als ich wieder erwachte, hörte ich viele Piepstöne und roch Krankenhausluft. Ich erwachte auf der Intensivstation einer Unfallklinik nach kurzer Zeit im künstlichen Koma.

Die Diagnose: Schwere Prellungen und Quetschungen, vor allem die eine Lunge war betroffen. Aber wie durch ein Wunder trug ich keine bleibenden Schäden davon.

Mein Auto hatte sich nach dem Aufprall gegen das entgegenkommende Fahrzeug mehrfach überschlagen und landete völlig zerstört auf der Leitplanke. Deshalb war ich so erhöht gesessen. Am Auto war nichts mehr ganz. Sogar die Räder waren umgeklappt.

Na ja, wie Pappe eben. Nur mein Platz, der war noch da. Der Rest war zerquetscht und völlig zerstört. Ein Polizist sagte mir, er hätte für mich gebetet. An dem Tag hätte er bereits zwei junge Menschen nur noch tot bergen können. Er betete um mein Leben. Es war sein letzter Tag im Dienst und er wollte seinen letzten Einsatz nicht mit noch einem toten, jungen Menschen abschließen. Die vier Insassen im gegnerischen Fahrzeug kamen glücklicherweise mit nur kleineren Verletzungen davon.

Ich habe mir die Seele aus dem Leib gekotzt die ersten zwei Tage im Krankenhaus. Konnte alles kaum in Worte fassen. Nichts essen. Einen “psychischen Schock” nannte das ein Arzt.

Wenn ein Unfall so heftig wird, wir eine Nahtoderfahrung haben, dann ist es manchmal nicht leicht zu verstehen, dass wir doch noch am Leben sind. Es dauert lange, bis man diese Ängste und Erfahrungen verarbeitet hat.

Seit diesem Nahtoderlebnis bin ich sehr viel dankbarer für mein Leben. Klar, ich bin auch mal schlecht drauf oder ärgere mich. Aber ich weiß auch, dass es wert ist, das Positive zu sehen. Nach vorne zu blicken. Zu leben und zu genießen. Umso schwerer war es für mich zu verstehen, dass diese Dankbarkeit vielleicht nicht für ein langes Leben ausreichen könnte.

Mein Sohn sollte mit einem Kaiserschnitt geholt werden

► Die Geburt meines ersten Kindes lief ganz anders als geplant. Ich lag bereits seit drei Wochen im Krankenhaus. In der 34. Woche sollte mein Sohn mit einem Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden, mein Körper war total am Ende.

Die PDA, also die lokale Narkose zur Entbindung bei Bewusstsein, sorgte bei mir für einen totalen Kreislaufkollaps. Mein Puls begann zu rasen. Mein Kopf klopfte. Ich spürte die Nadel am Bauch. Bekam Panik, sie könnten mir den Bauch direkt aufschneiden, obwohl die Narkose nicht wirkte.

Die Ärzte liefen hektisch um mich herum. Ich spürte ein unglaublich schmerzhaftes Hämmern im Kopf, meine Atmung raste. Ich weinte und bat um Hilfe.

Mehr zum Thema:Was sich eine Motivationstrainerin in Momenten sagt, in denen sie Angst hat

Sie spritzten mir irgendwas, aber es wurde nicht besser. Sie spritzten noch mal etwas in meinen Zugang, dann hörte es auf. Doch wie beim Schlingern mit dem Auto drehte sich alles in die andere Richtung. Das Pulsieren hörte auf, die schnelle Atmung auch, dafür wurde alles schwer. Als hätte man mir einen Betonklotz auf die Brust gelegt.

Ich habe damals nur überlebt, um dich zu bekommen

“Der Blutdrucksinkt, Puls sinkt”, hörte ich jemanden aufgeregt rufen. “Die Werte des Babys fallen ab. CTG nicht mehr messbar.“

Ich spürte, wie meine Zunge Richtung Rachen wegsackte. Mein Körper gefühlstaub wurde. Ich sah, wie hektisch Menschen in den Kreißsaal liefen. Ich vermisste meinen Mann. Ich hätte so gerne seine Hand bei der Geburt unseres Kindes gehalten. Ich war hier ganz allein. Ich fühlte mich so einsam inmitten der Menschen, die mir helfen wollten.

“Entbinden sofort. Bluttransfusionen bereithalten. Für beide.“ Das konnte ich unter vielen Rufen heraushören. Ich konnte nicht mehr selbst atmen. Ich bekam ein Atmungsgerät und wusste, ich werde in Vollnarkose gelegt. Das war‘s. Wie gesagt, man spürt, wenn es ernst wird. 

“Das war es. Das war mein Leben. Ich habe damals nur überlebt, um dich zu bekommen. Lieber Gott, bitte mach, dass er überlebt! Nimm meins für seins! Bitte, lieber Gott, bitte!“ Ich bin nicht mehr in der Kirche, aber als Kind fand ich die Kinderbibelgeschichten toll. Und offensichtlich suchen wir innerlich doch Trost bei jemanden, an den man sich in Gedanken und Verzweiflung wenden kann.

In der Nacht wurde ich immer mal wieder kurz wach, wusste nicht, ob mein Baby noch im Bauch war, ob es gesund war oder ob etwas nicht stimmte mit ihm. Konnte mich an nichts erinnern.

Mehr zum Thema: Forscher: Diese Hinweise gibt es, dass unser Bewusstsein den Tod überlebt

Erst am nächsten Morgen kam ich so richtig zu mir und bekam dutzende Infusionen. Die Kombination meiner Schwangerschaftserkrankung und eine Unverträglichkeit mit einem der Mittel in der Narkose hatte starke Reaktionen ausgelöst.

Glücklicherweise konnte ein großes Ärzteteam die Situation retten und meinen kleinen Jungen und mich ins Leben holen.

Ich bin dankbar, dass ich lebe

Ich bin nicht gestorben. Und diese Grenzerfahrung, die ich machen musste, wünsche ich niemanden. Aber es wäre schon manchmal ganz gut für uns zu erkennen, dass das Leben endlich ist. Dass wir behutsam mit uns und anderen umgehen müssen. Ich mag mir nicht ausmalen, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich bei meinem Unfall jemanden getötet.

Ich bin dankbar, dass ich lebe. Niemanden verletzt habe. Dass mein Sohn lebt. Und, dass ich glücklich sein kann, auch wenn ich mal unglücklich bin. Denn egal, wie das Leben läuft, ich fühle das Leben. Und ich liebe es! Und ich hoffe, mein Schutzengel fühlt meine Dankbarkeit auch.

Dieser Text erschien zuerst bei Focus Online.