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07/05/2018 10:27 CEST | Aktualisiert 07/05/2018 10:36 CEST

Ich habe Nacktfotos machen lassen – und dabei viel über Muttersein gelernt

Frauen und Mütter können sinnlich, sexy und stark sein.

curtoicurto via Getty Images
"Diese 60 Minuten waren lebensverändernd und wunderbar."

Für die Party zu meinem 36. Geburtstag habe ich mich vor einer Kamera ausgezogen.

Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, meinen Körper zu hassen. Und ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich mit der Haut, in der ich stecke, anfreundete. Ich weiß nur, dass das eine viel zu früh passierte und das andere viel zu spät.

Dazwischen kamen viele schlechte Entscheidungen, viele Erfolge, zwei wundervolle Kinder mit meinem Partner und viele, viele Versuche meinen Körper als stark und schön zu sehen.

In den letzten zwei, drei Jahren habe ich begonnen, meinen Körper mit derselben Zuneigung zu behandeln, wie meine engsten Freunde. Ich sehe ihre Fehler und liebe sie trotzdem, denn es sind Freundschaft fürs Leben.

Und so entstand meine Idee für das Body-Positivity Boudoir Shooting.

Ich wollte ein Fotoshooting machen, nicht um eine persönliche Veränderung zu zeigen, sondern um eine Stelle in meinem Leben zu dokumentieren, an der ich mit meinem Körper beinahe im Reinen war.

Als Frau mit zwei Kindern, die bald das mittlere Alter erreicht, bin ich nah dran, mein Selbstvertrauen wieder zu erlangen. Also, warum sollte ich es nicht gleich in Spitze und mit rotem Lippenstift machen?

Gleich würde ich in Unterwäsche vor der Kamera stehen

Während Nicole und Athena, die Boudoir-Fotografinnen, ihr Equipment in meinem Haus aufbauten und mich an einem sonnigen Fleckchen in meinem Schlafzimmer platzierten, trank ich Tequilla.

Ich versuchte, über das unbehagliche Gefühl hinwegzukommen, gleich vor zwei unglaublich coolen Frauen zu stehen – nur in meiner Unterwäsche.  

Dann tat eine von ihnen etwas Unglaubliches: Sie drehte ihre Kamera zu mir und zeigte mir, was sie gerade eingefangen hatte.

“Ich will, dass du siehst, was ich sehe”, sagte sie. 

Ein Foto von mir auf dem Schlafzimmerfußboden – das Licht zeichnet ein Muster aus Sonnenschein und Schatten auf mich. Ich lag so, wie ich auch unter meine Bettdecke liegen würde. Irgendwie war es Kunst, aber es war auch ich.

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Ich, beinahe 40. Ich, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. Ich, in dem Körper in dem zwei Babys gewachsen sind – und auf dem die Zeichen davon noch sichtbar sind. Ich, im ständigen Kampf mit dem Selbstwertgefühl, zwischen Kritik und Komplimenten und im Auf und Ab zwischen Überlegenheit und Unzufriedenheit.

Frauen und Mütter können sinnlich und sexy sein

“Ich will, dass du siehst, was ich sehe.”

In “Our Mothers as We Never Saw Them”, einem 2017 erschienenen Kommentar in der “New York Times”, schreibt Edan Lepucki über den Nervenkitzel, wenn sie Fotos von Frauen sieht, bevor sie Mütter geworden sind. Es sind coole, sexy und modische Frauen, beschreibt sie. “Die jungen Frauen auf den Fotos sind wunderschön, stark, frech, lustig, cool und süß – und das manchmal alles auf einmal.”

Ich möchte, dass meine Kinder mein Leben vor ihnen kennen und mein Leben außerhalb der Mutterschaft. Frauen und Mütter können sinnlich, sexy und stark sein und trotzdem mitfühlend, fürsorglich und liebevoll.

Wenn meine Kinder auf einem Foto ihrer Mutter eine freche, brillante Frau sehen, dann ist das die Art von Mutter, die ich für sie und den Rest der Welt sein möchte. Sie ist nicht Vergangenheit, sie ist Gegenwart.

Meine Dreißiger waren auch die Zeit, in der ich meine Sexualität und meine Sinnlichkeit stärker entdeckte, als je zuvor.

Als Mutter darf man nicht sexy sein

Die Vorstellung, dass Frauen nicht mehr sinnlich sein können, nachdem sie Kinder bekommen haben (zumindest in der Öffentlichkeit) steht in krassem Kontrast zu dem allgegenwärtigen öffentlichen Druck sofort nach der Geburt den perfekten Körper zurück zu bekommen.

Als Frau ringt man darum den Standard der jugendlichen Schönheit aufrecht zu erhalten und bloss kein Anzeichen davon zu zeigen, dass ein Mensch in ihrer Gebärmutter gewachsen ist. Die Meinung, dass wir unsere Sexiness unterdrücken sollen unterwandert das Selbstvertrauen, das Empowerment und die Stärke der Sexualität, die mit dem Alter kommt.

Es ist eine Ungerechtigkeit, dass wir, wenn wir endlich unsere Unsicherheit ablegen, unsere Stärken erkennen und mit uns selbst und mit anderen ins Reine kommen, nur im Privaten ganz wir selbst sein können.

Verlustängste statt Babyglück

Drei Jahre vor der Metamorphose in meinen Dreißigern wurde ich Mutter. Ich machte Witze darüber, dass unsere Tochter nicht unbedingt geplant war und trauerte so sehr, wegen der Veränderung, von denr ich wusste, dass sie kommen würden.

Ich weinte über Oberflächliches, wie darüber, dass meine sexy Lieblingsjeans wahrscheinlich nie wieder passen würde und, dass ich das Bauchnabelpiercing, das ich seit meinem ersten Uni-Wochenende trug, herausnehmen müsste.

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Ich weinte, weil mir klar wurde, dass keiner meiner besten Freunde verstand, wie ich mich fühlte, denn ich war die erste, die ein Baby bekam. Ich weinte, weil ich Angst hatte, dass ich mein Kind nicht lieben könnte und fragte mich, ob das Ganze nicht ein großer Fehler ist.

Ich war endlich an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich mich ein Stück weit frei und selbstsicher fühlte. Ich liebte Happy Hours und lange Konzertnächte und ich genoss berufliche Erfolge.

Der magische, lebensverändernde Moment der Schwangerschaft hat mich niemals angesprochen und ich fühlte mich allein mit meinem Schmerz.

Wenn ich diese Ängste laut aussprach, wurde mir meistens gesagt, dass mich die Mutterschaft zu einem ganz neuen Menschen machen würde. Vor allem Frauen und Mütter sagten mir, dass meine Ängste, Interessen und Vorlieben sich verändern würden und ich komplett von der Liebe zu meiner Tochter vereinnahmt werden würde.

Trotz einer unkomplizierten Geburt und ziemlich entspannten ersten Wochen der Mutterschaft, bewahrheiteten sich diese Vorhersagen nicht. Weder bildete sich ein neues, exklusives Selbst als Mutter, noch übernahm es meine Identität.

Die schmerzhafte Erkenntnis: Ich möchte das nicht

Am Tag bevor meine Tochter einen Monat alt wurde, waren wir auf der Geburtstagsfeier eines anderen Kleinkinds. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut, nicht zu sprechen von meinen schlecht sitzenden Jeans und in meinem gescheiterten Versuch, so auszusehen, als wäre alles in Ordnung.

Umgeben von Frauen in Capri-Hosen mit Tragetüchern vor der Brust, schoss mir plötzlich die Hitze in den Nacken und meine Tochter wurde in meinen Armen schwerer und schwerer.

Mein ungewohnter Körper nach der Geburt, die neue Verantwortung und das Leben, dass ich vor mit hatte, übermannte mich als würden sie mich ersticken.

In Momenten der Unruhe, entschließt sich unser Körper zu kämpfen, einzufrieren oder zu fliehen. Das Letzte wünschte ich mir so verzweifelt, aber ich wusste, es wäre keine Option.

Es gibt keine Zeitmaschine, kein passendes Versteck und ich liebe meine Tochter zu sehr. Kristen, die einzige die ich auf der Party außer den Eltern noch kannte, lief an mir vorbei. Sie sah die Panik in meinem Gesicht und nahm mich mit an einen ruhigen Ort im Haus.

Ich gestand, dass ich mich nicht so sah, wie die Frauen außerhalb des kleinen, dunklen Raum in dem wir gerade saßen. Ihr Leben war keins, das ich mir wünschte.

Ich fühlte mich wie eine Außenseiterin

Jeder hatte mir gesagt, ich würde jemand anderes werden, aber das war nicht passiert. Alles, was ich sehen konnte, waren all diese Mütter, die scheinbar ihren Frieden damit geschlossen hatten, sich selbst komplett zu verändern, sobald sie ihre Babys bekommen hatten. Jetzt sprachen sie nur noch über Gemüsegläschen, Hüpfburgen und Cupcake-Bäckereien.

Ich fühlte mich als der Außenseiter auf der Party und Kristen ging es nicht anders. Ihre locker sitzenden Klamotten, die detaillierten Tattoos, die ihren Arm bedeckten und das Wicca Symbol in ihrem Nacken standen in starkem Kontrast zu den Pastelltönen und Cargohosen der anderen Mütter.

Mit einem Satz: Sie wurde die erste Person, der ich mich anvertraute, die meine Ängste annahm und mir Hoffnung gab.

Ich wusste meine Rettungsleine als neue Mutter, würden andere Frauen sein, die genauso dachten wie ich und bereit wären, einander zuzuhören, ihre Erfahrungen zu teilen und sich und einander als starke, unabhängige und intelligente Frauen zu betrachten.

Mit ihnen könnte ich weiter wachsen und als Individuum existieren, nicht nur als die Mutter meiner Tochter. Ich wurde gesehen.

“Mutter zu werden, verändert dich nicht, sondern renoviert dich eher, selbst wenn du tief drin noch die Selbe bist”, schrieb Heather Havrilesky 2014 für die New York Times.

Wir sind nicht nur Mütter

“Das können wir leicht vergessen, wenn Lehrer, Trainer, Kinderärzte und Fremde plötzlich aufhören uns mit unserem Namen anzusprechen, oder mit ‘Frau’ oder ‘Dame’, und anfangen, uns nur noch ‘Mama’ zu nennen.”

Nach der Geburt meiner Tochter versuchte ich verzweifelt alle Teile von mir selbst an ihrem Platz zu behalten – Teile, die ich liebte und genoss. Oftmals bekam ich, bei Aktivitäten, die nichts mit der Mutterschaft zu tun hatten, verwirrte Reaktionen. Oder ganze Gespräche steuerten in die Richtung meiner Tochter, als hätte ich nichts anderes beizutragen. Mit meinem Kind in der Öffentlichkeit, war ich unsichtbar.

Ich gewann meine Hoffnung durch die Erfahrungen während des Kindergeburtstags zurück. Alles wäre in Ordnung, wenn ich mich mit Müttern umgeben würde, die sich niemals mit Gemüsegläschen und Cupcakes zufrieden geben werden, oder damit ihre sexy Wäsche im Schrank zu lassen.

Die daran glauben, dass Großes passiert, wenn wir stark sind, gemeinsam und allein, und uns gegenseitig helfen, wenn wir Aufmunterung brauchen.

Diese 60 Minuten, in denen ich von zwei anderen Müttern fotografiert wurde, waren lebensverändernd und wunderbar.

Diese 60 Minuten, in denen ich mit all meinen Facetten gesehen wurde, ohne mich für mein Sexappeal entschuldigen zu müssen. In denen ich als schön gefeiert wurde, ohne die noble Erwartung, dass Mütter sich nicht für solche Dinge interessieren, waren ein kraftvoller Protest gegen die Annahme, von der ich mein Leben lang ausging.

Und zwar: Dass Mutter zu werden bedeutet, dass man sich als sinnliches Wesen verstecken müsste und nur noch keusches Vorbild der Züchtigkeit wäre, dass Gebären den Tod des alten Lebens bedeutet.  

Es war ein Moment, der mir für immer helfen wird, das zu ehren, was die Fotografinnen gesehen haben. Ein Moment, der mir helfen wird, mich selbst als sexy und kraftvoll, verwundbar und stark, verletzlich und schön zu verstehen und das jeden Tag.

Frauen, gebt euch nicht auf!

Nicht jeder wird Sinn darin finden, sich vor Fremden mit Kameraequipment auszuziehen. Das ist auch nicht der Punkt.

Der Punkt ist, wir, als Frauen und Mütter, brauchen den Raum und die Gemeinschaft, die es uns ermöglicht, die Teile von uns, die uns zu Individuen machen, zu bewahren und zu feiern.

Wenn wir das tun, geben wir uns die großartige Chance selbst zu gestalten, wie Frausein aussieht, was sexy bedeutet und welche Teile von uns es wert sind, gesehen und geehrt zu werden, während wir andere Frauen helfen, ihren eigenen Weg zu Empowerment und Selbstliebe zu finden.

Ich will, dass du siehst, was ich sehe.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost US und wurde von Aline Prigge aus dem Englischen übersetzt. 

(kap)