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16/02/2018 13:44 CET | Aktualisiert 16/02/2018 15:59 CET

Nächste Woche wird es an meiner Schule ein "Amok-Training" geben

Das geht mir als Lehrer durch den Kopf.

JAMES LAWLER DUGGAN / Reuters
Rick Scott von der Sicherheitsfirma Camber Corp spielt bei einem Training in der Quantico Middle High School im Mai 2013 einen Amokläufer

Phillip Timothy ist Lehrer einer siebten Klasse in San Franciso. In der nächsten Woche findet an seiner Schule eine Übung statt: Die Schüler lernen, wie sie sich im Fall eines Amoklaufs verhalten sollen.

In der HuffPost schildert Timothy, welche Gedanken ihm nach der Attacke auf eine Schule im US-Bundesstaat Florida mit 17 Toten durch den Kopf gehen werden.

Am Dienstag werden wir an unserer Schule ein “Amokläufer- und Eindringlings-Training” haben. Ich werde mich mit meinen Schülern hinter dünnen hölzernen Schranktüren zusammenkauern.

Ihr müsst euch das so vorstellen: Wir öffnen die Schränke und verstecken uns hinter den Türen, sodass jemand, der ins Klassenzimmer schaut, uns nicht sieht und vielleicht denkt, der Raum sei leer.

Vielleicht bleiben wir unbemerkt, was aber nichts anderes heißt, als dass er vielleicht in ein anderes Klassenzimmer geht.

Immer wieder prüfen, ob die Türen zu sind

Zur Vorbereitung werde ich meine Schüler morgen erinnern, dass unsere Klassenzimmertüren immer verschlossen sein müssen.

Falls ein Eindringling auftaucht, können wir die Türen einfach zuziehen, ohne mit den Schlüsseln herumhantieren zu müssen. Ich habe Schüler beauftragt, die Türen jede Unterrichtsstunde zu prüfen, damit wir das nicht vergessen.

Ich muss zusehen, dass die Kinder leise sind

Ich werde versuchen, die Kinder während des Trainings am Dienstag ruhig zu halten. Das ist schwierig.

Sie müssen sich hinter diesen Schranktüren eng zusammendrängen, und sie reden und kichern. Weil sie eben Kinder sind. Sie sehen aus wie junge Erwachsene, aber sie sind noch Kinder.

Ich werde versuchen, sie ruhig zu halten, weil wir hoffen, das werde den Anschein eines leeren Klassenzimmers erwecken. Ich werde versuchen, sie ruhig zu halten, weil ich zwar weiß, dass es eine Übung ist – aber sie nicht.

► Sie müssen jede Übung wie einen Ernstfall behandeln. Sie müssen sich durch Wiederholungen an das Prozedere gewöhnen.

Die Kinder werden schreckliche Angst haben

Es lässt sich nicht vermeiden, dass manche Kinder glauben, es handle sich um einen Ernstfall, und sie werden schreckliche Angst haben.

Vor zwei Jahren ist ein Junge ­– ein großes, bulliges Kind auf dem Weg zum “echten” Kerl – in Tränen ausgebrochen, als jemand von der Schulleitung am Türgriff rüttelte, während wir hinter den Schränken standen.

Ich werde mich hinsetzen und die Furcht und Panik zumindest mit einigen Schülern aufarbeiten.

► Wie gehen wir mit der Panik um?

Jedes Mal setzten wir das Vertrauen der Kinder aufs Spiel

Jedes Mal, wenn wir solche Übungen absolvieren, erschüttern wir das Vertrauen der Schüler in uns. Sie vertrauen uns. Sie vertrauen darauf, dass sie in einer heilen, sicheren Welt leben.

Wir erschüttern ihr Vertrauen im Namen der Sicherheit.

Vor zwei Jahren war ein Sportlehrer nicht informiert, dass das Eindringlings-Training eine Übung war. Er geriet in Panik und schrie die Kinder an, verdammt noch mal den Mund zu halten, während sie lachten und scherzten.

Wer kann ihm das vorwerfen? Er hatte Angst.

Danach werden manche Kinder den Mund ganz schön voll nehmen. Erzählen, wie sie sich auf einen Schützen werfen würden, wie sie aus dem Fenster klettern würden, statt im Klassenzimmer zu bleiben.

Sie erzählen, wie sie zum Helden werden würden.

Würde ich sie im Ernstfall beschützen?

► Ein paar von ihnen fragen, ob ich alles tun würde, um sie im Fall eines Amoklaufs zu schützen. Ich kann ihnen nicht antworten.

Denn obwohl ich sie beruhigen will, weiß ich es nicht. Und ich weiß nicht, wie ich ihnen diese komplexe Gefühlslage erklären soll.

Ein paar würden höhnen: “Natürlich würde Herr Timothy überhaupt nichts tun. Er mag uns eh nicht.”

Und ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, weiß mir nicht anders zu helfen, als zum Lehrstoff zurückzukehren.  

Wenig Chance gegen ein Stück Blei

Ich bemühe mich, ehrlich zu meinen Schülern zu sein. Und die ehrliche Antwort ist, dass ich alles tun würde, was in meiner Macht steht – hoffe ich.

Aber der menschliche Körper hat Schießpulver und Blei nicht viel entgegenzusetzen.

Zuhause werde ich die Übung wieder durchspielen. Haben wir sie schnell genug hinbekommen? Straff genug organisiert? Effizient genug? Sind alle meine Kinder in Sicherheit? Werden sie in Sicherheit sein?

Kann ich sie vor der Gefahr bewahren?

Nein.

Wie könnte ich damit leben, wenn ich eines verloren hätte?

Was, wenn ich 17 von ihnen verloren hätte?

Jedes Kind bedeutet eine wunderbare Welt

Jedes dieser Kinder, so fürchterlich und nervtötend es auch sein mag, bedeutet eine magische Welt für sich. Nach vier Jahren und 160 Schülern finde ich noch immer alle einzigartig, wunderbar und faszinierend.

Jeden Tag kann ich, wenn ich sehr, sehr behutsam und sehr, sehr geduldig bin und sehr, sehr viel Glück habe, ein bisschen mehr von diesen fantastischen inneren Welten zum Vorschein bringen.

Ein Klumpen Blei, durch die Luft geschleudert, beschleunigt durch eine kleine Explosion, die ein Mensch mit einem Finger ausgelöst hat, kann diese ganze Welt zerstören.

Wie kann man von mir mehr erwarten als von meinem Land?

Ich verstehe noch immer nicht, warum man von mir erwartet, dass ich meinen Kindern beibringe, in einer gewalttätigen Welt zu überleben – aber man von meinem Land nicht erwartet, diese Welt weniger gewalttätig zu machen.

Das sind keine akademischen Fragen. Keine distanzierten oder politischen.

Sie sind Fleisch und Blut und Knorpel. Sie sind Leben, die schon so lange in Angst gelebt werden, dass meine Kinder nichts außer Angst kennen.

Deswegen ist es mir wirklich scheißegal, wie wichtig es für euch ist, eine Schusswaffe zu besitzen.

Euer Recht auf ein AR-15-Sturmgewehr, auf das ihr immer so pocht, steht nicht über dem Recht meiner Schüler auf eine sicherere Welt.

Der Terror, der amerikanische Schulen heimsucht, muss enden.

Der Beitrag erschien zunächst auf HuffPost USA wurde von Susanne Klaiber aus dem Englischen übersetzt.

(ll)