POLITIK
04/11/2018 09:59 CET | Aktualisiert 05/11/2018 09:12 CET

Merkel-Nachfolge: Wer die besten Chancen hat und wer einen geheimen Plan

Auf den Punkt.

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Die Union steht vor der wohl wichtigsten Weichenstellung der jüngeren Parteigeschichte.

Beim Parteitag in Hamburg im Dezember wird sich nicht nur entscheiden, wer der neue Vorsitzende der CDU wird – die Partei wird auch darüber abstimmen, in welche politische Richtung die Christdemokraten in Zukunft ihr Segel hissen.

Dazu kommt: Wer CDU-Chef wird, könnte – vielleicht früher als erwartet – Bundeskanzler werden. Diese 5 Faktoren im engen Rennen solltet ihr kennen:

1. Kramp-Karrenbauer sammelt Unterstützer in ihrem Lager 

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer steht am ehesten für den progressiven Kurs der Union in den vergangenen Jahren. Sie hat das Label als Merkel-Vertraute weg, schon lange gilt sie als gewünschte Nachfolgerin der Kanzlerin.

Durch den plötzlichen Rückzug der Kanzlerin wurde aber auch Kramp-Karrenbauer überrumpelt. Und so hat die ehemalige Ministerpräsidentin im Saarland selbst noch keine Strategie für den Kampf um Stimmen innerhalb der Partei durchblicken lassen.

Einige Unterstützer sammeln sich aber schon jetzt: Der saarländische Landesverband um Ministerpräsident Tobias Hans sprach “AKK” die “geschlossene Unterstützung” aus.

Auch Schleswig-Holsteins als liberal geltender Ministerpräsident Daniel Günther soll die Saarländerin favorisieren.

Mit der Vorsitzenden der Frauen-Union, Annette Widmann-Mauz, hat sich zuletzt eine Vertreterin einer wichtigen Interessengemeinschaft innerhalb der Union für die Generalsekretärin ausgesprochen.

“Sie steht für Aufbruch, für eine moderne Politik“, sagte Widmann-Mauz der “FAZ”. 

2. Merz hat den besten Start erwischt

Im Kampf um die CDU-Spitze hat aber der Polit-Stehaufmann Friedrich Merz den deutlich stärksten Start erwischt. 

Der “Welt”-Journalist und Unionskenner Robin Alexander glaubt: Decken Medien bis zur Abstimmung keinen großen Skandal mehr auf, hat Merz – bis vor wenigen Tagen nur in Insiderkreisen als Option gehandelt – die besten Karten.

Laut der “Welt” gab es bereits telefonische Sondierungen zwischen den Vorsitzenden der drei größten CDU-Landesverbände Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg.

Der Favorit in diesen Gesprächen: Friedrich Merz.

Besonders vom Wirtschaftsflügel der Partei bekommt der erfahrene Merz Rückendeckung. 

Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrats der Union, sagte zuletzt: “Friedrich Merz hat als Fraktionsvorsitzender immer alle verschiedenen innerparteilichen Positionen gut integriert und dabei insbesondere auch die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stark berücksichtigt.” 

3. Auch die Deutschen wollen Merz

Sicherlich bei der Entscheidung nicht unerheblich: Mehrere Umfragen haben gezeigt, dass die Deutschen am liebsten Merz an der CDU-Spitze sehen würden.

Eine Emnid-Umfrage für die “Bild am Sonntag” sehen Merz mit 38 Prozent als klaren Favoriten vor AKK (27 Prozent) und Jens Spahn (13 Prozent).

Die Reihenfolge deckt sich mit Erhebungen von YouGov und Civey.

4. Merz hat einen weitreichenden Plan

Die “Bild am Sonntag” berichtet zudem von einem ambitionierten Plan des Managers und Juristen. Der ehemalige Fraktionschef, der 2009 aus der Politik ausgestiegen war, will Bundeskanzler werden.

Dazu provoziere Merz aber nicht direkt den Sturz der Kanzlerin, sondern wolle eher die SPD zum Aufkündigen der GroKo drängen.

Ein Regierungsmitglied sagte der Zeitung: “Merz wird, wenn er CDU-Vorsitzender ist, extrem souverän und großzügig gegenüber der Kanzlerin auftreten. Aber die SPD wird er quälen, wo es nur geht. Besonders bei den sozialpolitischen Projekten.“ 

Sollte der Koalitionsbruch folgen, wäre das wohl das Ende der Merkel-Kanzlerschaft. Und Merz könnte ein Wunsch-Projekt forcieren: Jamaika.

FDP-Chef Christian Lindner zumindest ist ein Fan des CDU-Kandidaten: “Friedrich Merz rechnen wir hoch an, dass er letztes Jahr unseren Ausstieg aus den letzten Jamaika-Sondierungen öffentlich als nachvollziehbar und verständlich verteidigt hat.”

Neue Verhandlungen zwischen Lindner und Merz? Denkbar.

5. Jens Spahn hat bei einem Thema einen klaren Vorteil

Jens Spahn ist zwar in Umfragen abgeschlagen, innerhalb der Union hat er sich aber als geschickter Taktierer einen Namen gemacht.

Mit seinem Werbe-Video zum “Neustart” der CDU geht er in die Offensive. Die Botschaft “alles umkrempeln” ist eine Breitseite gegen Kanzlerin Merkel.

Damit könnte Spahn vor allem bei ausgesprochenen Gegnerinnen der Regierungschefin punkten, die Merz’ bisherigen Kurs als zu unentschlossen empfinden.

Alexander Mitsch, Vorsitzender der konservativen Vereinigung WerteUnion, verweist im Gespräch mit der HuffPost auf ein mögliches Feld, auf dem Spahn punkten könnte: die Debatte um den Migrationspakt.

Spahn sagte der “Welt”: “Die Debatte über den Migrationspakt steht in der Bundestagsfraktion noch aus.” Wichtig sei, dass Deutschland seine Souveränität behält, Migration zu steuern und zu begrenzen.

Neben der WerteUnion hat zuletzt auch die Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel ihre Ablehnung des Dokuments verkündet. Mitsch glaubt: Weitere Abgeordnete werden folgen.

Mitsch sagt: “Ich denke, an der Positionierung zur Einwanderung und speziell dem Migrationspakt wird sich die Zustimmung der Konservativen entscheiden.”

Bisher hat Spahn hier das klar schärfste Profil.

Auf den Punkt:

Merz hat sich schnell vom Außenseiter zum Favoriten gemausert. Doch das ist eine Momentaufnahme. Bei den drei Kandidaten prallen inhaltlich verschiedene Welten aufeinander. Viel wird davon abhängen, welches Thema die Unionsmitglieder als am drängendsten empfinden. 

(ujo)