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11/04/2018 09:41 CEST | Aktualisiert 11/04/2018 19:23 CEST

An die Mutter, die ihrem Baby die Kackwindel auf dem S-Bahn-Sitz wechselt

Der Vorfall beschäftigt mich seit 24 Stunden.

Im Video oben: Diese Mutter stillt ihr Baby an einem höchst ungewöhnlichen Ort - und bringt es damit in Gefahr

Liebe Mutter in der S-Bahn,

vielleicht erinnerst du dich daran, was du gestern gemacht hast. Vielleicht machst du es auch täglich und es fällt dir deshalb schon gar nicht mehr selbst auf. Gestern jedenfalls hast du deinem Kind in der S-Bahn die Windeln gewechselt. Auf der Sitzbank gegenüber von mir.

Morgens S-Bahn fahren ist nicht gerade das Highlight meines Tages: Es ist früh, ich bin gestresst, die Luft ist schlecht und den anderen Menschen im Zug geht es wahrscheinlich nicht anders. Sprich: Niemand will eigentlich gerade hier sein.

Zuerst saß ich noch alleine in einem Vierer-Abteil. Und dann bist du eingestiegen, liebe Mutter, und hast dich mit deinem Baby zu mir gegenüber gesetzt. Dein dauertelefonierender Mann saß neben mir.

Stillen in der Öffentlichkeit finde ich in Ordnung

Zuerst ist das alles nicht weiter erwähnenswert, aber dann hast du etwas getan, was für Eltern an sich das Normalste der Welt ist. Aber weil du es in der S-Bahn getan hast, beschäftigt mich der Vorfall seit über 24 Stunden.

Denn du hast deinem Baby die schmutzige Windel gewechselt. In der S-Bahn. Inmitten aller Leute.

Oft liest man davon, dass sich Menschen über stillende Mütter in der Öffentlichkeit aufregen. Ein Punkt, der für mich kinderlose 22-jährige Studentin überhaupt nicht zur Debatte steht: Hat das Kind Hunger, bekommt es seine Milch, egal wo sich die Mutter und Baby gerade befinden.

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Aber was ist mit Wickeln? Das Baby kann sich nicht äußern, wie dringend es gerade ist. Aber muss das dann wirklich in der S-Bahn sein?

Liebe Mutter: Dein Baby war ruhig, schrie nicht, wirkte entspannt. Auch du warst nicht sonderlich gestresst. Und – so schnell konnte ich gar nicht schauen – hast du schon eine Unterlage auf den Sitz gelegt und das Kind lag halbnackt vor mir.

Ich bin nicht spießig, aber muss das sein?

Erläuterungen über den Inhalt der Windel erspare ich mir, aber mir drängt sich trotzdem die Frage auf: Muss das sein? Müssen alle Fahrgäste den Inhalt einer schmutzigen Windel sehen und riechen? Und: Geht es hier nicht auch um die Privatsphäre des Kindes?

Ich bin bestimmt nicht spießig, aber ist es wirklich nötig, dass Eltern ihrem Kind in der S-Bahn die Windeln wechseln. Oder zieht da eine Art Freifahrtschein, den Eltern mit Kind haben.

Frei nach dem Motto: Was muss, das darf? Und natürlich frage ich mich auch, was Eltern in solchen Situationen, in denen weit und breit keine Toilette in Sicht ist, am besten machen sollten.

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Seit gestern Morgen denke ich nun darüber nach, was die Lösung wäre oder ob es überhaupt eine Lösung braucht. Mache ich mir hier zu viele Gedanken und ist das etwas ganz Alltägliches, was bloß ich Kinderlose nicht kenne oder finden das auch andere Menschen befremdlich?

Ich habe mit meiner Mutter darüber gesprochen

Und natürlich kann ich es sehr gut verstehen, dass es schwer ist, wenn das Kind eine volle Windel hat und es keinen Wickeltisch gibt. Dass es doof ist, wenn man eine längere Reise mit Kind antritt – und dann muss die Windel gewechselt werden.

Ich verstehe auch, dass man gerade als frisch gebackene Eltern eines kleinen Säuglings in der Nacht nur schwer ein Auge zumachen kann und deshalb wahrscheinlich auch viele Dinge gar nicht mehr so wahrnimmt. Oder sich einfach keine Gedanken macht.

Ich habe mit der Frau darüber geredet, die sich auch mit solchen Sachen beschäftigt und in meinen Augen sowieso für alle Probleme eine Lösung hat: meiner Mutter.

Und sie hatte auch in diesem Fall eine Lösung parat. Meine Mutter hätte es gut gefunden, wenn du, liebe Mutter, die anderen Fahrgäste gefragt hättest: Stört es Sie, wenn ich mein Baby wickle?

Erstens sagen die wenigstens Leute dazu nein und zweitens bleibt dann immer noch die Möglichkeit sich wegzusetzen. Problem gelöst, danke Mami.