ELTERN
14/08/2018 11:18 CEST | Aktualisiert 14/08/2018 11:22 CEST

Mutter gesteht: "Ich war am Boden zerstört, als ich einen Sohn bekam"

Ich habe gelernt, dass ich nicht so unvoreingenommen bin, wie ich dachte.

kieferpix via Getty Images
Ich entschied mich dafür, keinen Sohn bekommen zu wollen (Symbolbild).

2016-10-13-1476358049-4082604-LOGO_GER.jpg   Dieser Artikel erschien zuerst bei Refinery29.

Schon immer hatte ich mir gewünscht, eine Tochter zu bekommen. Und ich war mir sicher, dass ich das schaffen kann. Ich hatte ein klares Bild von meinem Mädchen im Kopf: Eine dem Geschlecht trotzende Schlawinerin, die sich mit dem Status quo anlegen und das Patriarchat bekämpfen würde.

Sie würde ein Tütü über einem Superheldenkostüm tragen und aufrecht durch die Welt gehen – stets herrisch und neugierig. 

Der Gedanke, einen Jungen zu bekommen, fühlte sich für mich immer falsch an. Also entschied ich mich dafür, keinen Sohn bekommen zu wollen. 

Ich habe mich von ihr verabschiedet

Als ich dann schwanger wurde, kam die Überraschung: Während der Untersuchung in der 20. Woche winkte uns ein kleiner Junge mit seinem Penis zu. 

Ich habe geweint.

Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich nicht bekommen würde, was ich wollte. Ich fühlte mich von meiner Naivität verspottet.

Ich ging an diesem Nachmittag durch ein Kaufhaus, strich über Miniaturkleider und habe mich von ihnen verabschiedet – und auch von ihr, meinem starken Mädchen. 

Es fühlte sich wie ein Verlust an und es war mir bewusst, wie seltsam es war, etwas nachzutrauern, das ich zu keinem Zeitpunkt hatte.

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Kein Kind kann den Erwartungen gerecht werden

“Die Erwartungen beginnen, sobald wir mit unserer Fruchtbarkeitsreise starten. Wir kreieren in unserer Fantasie einen Lebensstil, noch bevor unser Kind überhaupt auf der Welt ist“, sagte Rachel Andrew, Psychotherapeutin, die sich auf Mutterschaft spezialisiert hat, zu mir, als ich ihr erzählte, wie ich mich gefühlt hatte.

“Und oft kann kein Kind den Erwartungen gerecht werden, die wir in unserer Fantasie erschaffen haben. Man kann eben nicht so einfach eine Persönlichkeit und eine Zukunft auf einen Menschen projizieren.“

Selbst wenn ich mit einer Tochter schwanger gewesen wäre, wer sagt denn, dass sie bereit gewesen wäre, gegen das Patriarchat zu kämpfen? Ihre Lieblingsfarbe wäre wahrscheinlich Rosa gewesen – nur um mich zu ärgern – und sie hätte Aschenputtel vergöttert, da bin ich mir sicher.

Ich dachte, Mädchen wären unkomplizierter

“Wenn dich das Geschlecht deines ungeborenen Kindes traurig macht, solltest du versuchen, zu verstehen, warum genau du ein Mädchen oder einen Jungen haben wolltest. Wir erschaffen oftmals ohne wirkliche Informationen ein Kind aus Stereotypen,“ fuhr Andrew fort.

“Versuche zu verstehen, welche Geschlechterstereotypen dich beeinflussen und triff bewusste Entscheidungen, um diese dann in Frage zu stellen.“

Ich hatte definitiv gedacht, dass Mädchen unkomplizierter seien würden. Mein kleiner Bruder war ungezogen – er hat immer irgendwelche Dinge angezündet und ist von Schuldächern gesprungen – und ich schätze, ich habe mein Wissen über Jungen im Allgemeinen auf den einzigen Jungen gestützt, den ich gut kenne.

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Jedes Geschlecht kann sein, was es will

Die Tatsache, dass ich bei der Geschlechtsbestimmung meines Babys weinen musste, hat mich dazu gebracht, meine Identität als Feministin in Frage zu stellen.

Ich will verzweifelt eine Person sein, die nicht glaubt, dass es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Und letztendlich glaube ich immer noch, dass jedes Geschlecht sein kann, was es sein will – warum hatte ich also eine so starke Präferenz?

Es fühlte sich wie eine innere Sehnsucht an – weniger vom Kopf angetrieben, mehr vom Herzen. Dadurch ist mir klar geworden, wie tief verwurzelt unsere Überzeugungen über Geschlechter sind. In einer Gesellschaft voller Labels können sich selbst die größten Pragmatiker nicht von Stereotypen freimachen.

Ich weinte in vielen Kleidungsläden

Auch verwirrend ist, dass sich viel von meiner Trauer auf die Kleidung konzentrierte. Ich weinte in Gap, ich weinte in John Lewis, ich weinte in Liberty.

Kleidung für Jungs ist langweilig. Wenn die Kleidung für kleine Jungs vorhersagen würde, was für eine Art von Mann sie eines Tages würden, dann würden alle Eltern spießige Rugby-Club-Anhänger großziehen. Diese würden langärmelige Poloshirts mit breiten Streifen, Cordhosen in verschiedenen Moostönen tragen und das ganze mit einem Kapuzenpulli abrunden. 

Die Kleidung, die mir angeboten wurde, fühlte sich nicht wie die von meinem Kind an.

Als ich dagegen ankämpfen wollte und Kleidung aus der “falschen“ Abteilung einkaufte, wurde ich beschuldigt, meinen Sohn zu benutzen, um gegen meine eigene Agenda zu kämpfen.

Die Gesellschaft, so schien es, konnte einen Jungen mit Feenflügeln weniger gut akzeptieren als ein Mädchen in einem Spiderman-Kostüm. Männlichkeit wird noch immer als Tugend für beide Geschlechter hochgehalten, aber Weiblichkeit ist ein unerwünschtes Merkmal für kleine Jungen.

Neben der Kleidung war ich enttäuscht über die Namen. Jungennamen erschienen mir langweilig und zaghaft, nicht feierlich und extravagant wie Mädchennamen.

All diese oberflächlichen Dinge kamen erst richtig zum Vorschein, als mir bewusst wurde, dass ich sie nicht haben oder umsetzen kann. 

Möglicherweise hätte es sich anders angefühlt, wenn es länger gedauert hätte, schwanger zu werden. Hätte ich länger auf ein Baby warten müssen, länger hoffen oder leiden müssen, dann wäre ich möglicherweise dankbarer dafür gewesen, das zu bekommen, was sich viele Frauen jeden Tag wünschen.

Es war eine unendliche Scham für mich, enttäuscht über ein gesundes Baby zu sein.

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Mein Sohn hat mich eine wichtige Lektion gelehrt

ALEX HOLDER
Alex' Sohn Cass

Aber mein Sohn, mein geliebter Sohn, der jetzt zwei Jahre alt ist, hat mich eine wichtige Lektion gelehrt. Er hat mir beigebracht, dass es bei der Mutterschaft nur darum geht, sich dem Unerwarteten gegenüber zu öffnen.

Er zeigte mir, dass Menschen vielseitige Wesen sind, die sich nicht mit Stereotypen kategorisieren lassen. Er lehrte mich, dass wir alle mehr sind als nur unser Geschlecht.

Ich habe mal einen Freund getröstet, als er herausfand, dass sein Kind ein Mädchen wird. Er hatte auf einen Jungen gehofft, weil sein Vater abgehauen ist, als er noch klein war. Und wünschte sich deshalb, mit seinem Kind eine Vater-Sohn-Beziehung erfahren zu können. 

Erst jetzt, wo ich selbst ein Kind habe, begreife ich, was für immense Erwartungen das für jedes Kind mit sich bringen würde.

Ich hatte zu große Erwartungen

Als ich nach Gründen suchte, warum ich ein Mädchen wollte, habe ich auch viel über mich selbst erfahren. Ich habe gelernt, dass ich nicht so unvoreingenommen bin, wie ich dachte.

Ich musste feststellen, dass ich dem Geschlecht Einschränkungen auferlegt und Erwartungen an die Mutterschaft hatte. Elternschaft bedeutet aber, seine Erwartungen ständig anzupassen und nicht in einer träumerischen Welt zu leben. 

Cass ist nicht besonders übermütig. Ich gab ihm einen Mädchennamen und er trägt seine Haare lang. Gender-Stereotypen trotzt er genau so oft, wie er ihnen entspricht: Am glücklichsten ist er, wenn er seinen Kinderwagen auf die örtliche Baustelle schieben kann, damit er und sein knuddeliger Fuchs zwei Minuten lang Baustellenfahrzeuge mit “Bagger“ anbrüllen können.

(nc)