ELTERN
01/10/2018 18:18 CEST | Aktualisiert 01/10/2018 18:21 CEST

Mutter rastet aus, weil Tochter Gewicht rechtfertigen muss

"Meine Tochter war sprachlos und ihre Augen wurden feucht."

  • Bei einer Vorsorgeuntersuchung musste ein 13-jähriges Mädchen der Krankenschwester erklären, warum sie so viel zugenommen habe.
  • Die Mutter ist wütend: Ihre Tochter sei im vergangenen Jahr einfach nur viel gewachsen und in die Pubertät gekommen.

Julie Venn, eine Mutter aus dem US-Bundesstaat Illinois, konnte nicht glauben, was ihre Tochter Riley bei der jährlichen Jugend-Vorsorgeuntersuchung zu hören bekam.

In einem Facebook-Post schreibt sie, Riley sei sehr “sportlich, stark und gesund” – außerdem würde sie noch wachsen, denn sie sei erst 13 Jahre alt.

Gerade deswegen war sie wohl so schockiert, als die Krankenschwester mit einem Blick auf Rileys Maße fragte: “Sag mir Riley, kannst du erklären, warum du so viel Gewicht zugelegt hast?”

“Ich liebe es, zu sehen, wie sie langsam zu einer jungen Frau wird”

Eigentlich habe sich Venn auf die Untersuchung sogar gefreut: “Ich war gespannt, wie groß Riley sein würde. Dieses Jahr ist sie besonders viel gewachsen!”

Venn arbeitet als Sport-Trainerin für Soft- und Volleyball. Auch ihre Tochter ist sehr sportlich, spielt Soft- und Basketball.

► “Der Coach in mir liebte es, zu sehen, wie ihre Kraft und ihre Größe sich endlich anpassen und die Mutter in mir liebte es, zu sehen, wie dieses schöne junge Mädchen langsam zu einer jungen Frau wird”, schreibt die stolze Mutter in ihrem Facebook-Post.

Doch die Krankenschwester sah das offenbar anders. 

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Riley hatte Tränen in den Augen

Sie kam in den Raum, nachdem eine Arzthelferin Rileys Gewicht, Größe und Blutdruck gemessen hatte, und stellte ihr viele Fragen, schreibt Venn. Wann Riley ins Bett gehe, wie viel Sport sie treibe, ob sie genug Milchprodukte zu sich nehme. 

► Ihre Tochter habe die Fragen sehr offen und ehrlich beantwortet, so die Amerikanerin. 

Auf die Frage, wie das vergangene Schuljahr für sie gewesen sei, antwortete die 13-Jährige ebenso wahrheitsgemäß: Es sei sehr schwer für sie gewesen. Es habe viel Drama gegeben und das wäre sehr anstrengend gewesen.

“Die Krankenschwester erklärte dann, dass das in der siebten Klasse ganz normal sei und beendete das Thema damit”, schreibt Venn. 

“Dann sah sie auf ihren Computer und anschließend direkt in Rileys Gesicht und stellte die Frage: ‘Sag mir Riley, kannst du erklären, warum du so viel Gewicht zugelegt hast?’”

► Venn erinnert sich genau an Rileys Reaktion: “Meine Tochter war sprachlos und ihre Augen wurden feucht. Ich war sprachlos. Die Schwester fuhr jedoch fort und erklärte, dass ihr Gewicht aus dem letzen Jahr nicht zu ihrer jetzigen Größe passen würde.”

“Sie ist gesund und sie ist perfekt”

Weiterhin soll sie gefragt haben, ob Riley Fast Food esse oder sich weniger bewege.

“Ich verlor meinen Verstand. Ich hatte tatsächlich eine körperliche Reaktion. Ich hielt meine Hand hoch und sagte: ’Stop! Sie müssen aufhören, mit meiner Tochter über ihr Gewicht zu sprechen. Sie ist 13 und sie ist stark. Sie ist gesund und sie ist perfekt’”, beschreibt Venn ihre Reaktion.

► Die Krankenschwester schien überrascht von ihrem Verhalten gewesen zu sein, habe jedoch nichts gesagt und mit der Kontrolle weitergemacht, so die Mutter.

Nach der Untersuchung habe die Schwester Venn jedoch um ein Vieraugengespräch gebeten und gefragt, warum die Mutter so auf diese Frage reagiert habe.

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Junge Mädchen werden mit Perfektion überflutet

“Ich erklärte ihr, dass sie beim Umgang mit meiner Tochter eine Grenze überschritten hätte. Unsere Mädchen müssen ermutigt und unterstützt werden”, schreibt Venn.

“Sie müssen sich schon mit diesen bescheuerten Social-Media-Standards vergleichen. Sie werden durch Fernsehen, YouTube, Facebook und Snapchat mit perfekten Bildern überflutet – auf ihrem ganzen Leben liegt ein Filter!”

Die Krankenschwester verteidigte sich und erklärte der Mutter, dass Ernährung und Sport schließlich in den Händen der Kinder lägen und einige Kinder mit ihrem Taschengeld selbst Fast Food kaufen würden.

Doch die Mutter hatte eine klare Nachricht an die Krankenschwester: “Wenn meine Tochter ein Problem haben sollte oder übergewichtig ist, dann soll der Arzt mit mir sprechen – nicht mit meiner Tochter.”

► Außerdem sei eines vollkommen klar: “Kinder essen Fast Food! Kinder sitzen rum und gucken Netflix! Kinder werden schwerer, leichter, größer, breiter! Das ist normal!” 

Venn hat einen Vorschlag für die Krankenschwester

► Venn verließ mit Riley die Arztpraxis – zu ihrer Mutter soll Riley beim Herausgehen gesagt haben: “Mama, darum haben Kinder Essstörungen oder das Gefühl, sich selbst verletzen zu müssen.”

Venn stimmt ihrer Tochter zu. Aussagen wie die der Krankenschwester können einen enormen Einfluss auf junge Mädchen haben. In ihrem Facebook-Post schlägt sie vor, was die Schwester stattdessen hätte sagen können: “Ich weiß, dass das eine besonders spannende Zeit in deinem Leben ist. Ich kann sehen, dass du zu einer starken jungen Frau heranwächst und das ist fantastisch!”

Und auch für die kommende Zeit der Pubertät hätte sie schönere Worte wählen können, so Venn: “Du solltest wissen, dass manche Mädchen zunehmen, manche nehmen ab, manche haben Probleme mit Akne, manche fühlen sich unsicher, aber denk daran: Du bist perfekt so wie du bist! Wenn du älter wirst, musst du dich um Dinge wie Körperhygiene, Sport, Menstruation und gesunde Ernährung kümmern. Das ist nur der Anfang eines langen, verwirrenden und manchmal angsteinflößenden Wegs, um eine Frau zu werden – aber das ist es wert!”

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Venn teilte die Geschichte mit anderen Eltern

► Gegenüber dem Magazin “People” sagt die Mutter, dass sie nicht mehr zu dieser Arztpraxis gehen werden – außerdem glaube sie, dass die Krankenschwester schlecht ausgebildet wurde.

“Ich denke, dass sie solche Dinge sagt, weil sie ignorant und unsensibel ist”, äußert sich die Mutter gegenüber dem Magazin. “Riley hat in diesem Jahr zugenommen. Aber sie ist auch zehn Zentimeter gewachsen. Sie ist definitiv in die Pubertät gekommen. Ich glaube, dass diese Frau einfach keine Ahnung hat.”

Venn habe sich dafür entschieden, die Geschichte auf Facebook zu teilen, weil sie wisse, wie schwer es sein kann, sich in seinem Körper wohl zu fühlen, wenn man so alt ist wie Riley. 

Viele haben ähnliche Geschichten erlebt

Mit der Reaktion der Menschen habe Venn jedoch nicht gerechnet: “Ich bin geschockt wie viele private Nachrichten ich von Frauen bekommen habe, denen ähnliche Geschichten passiert sind.”

► Und in vielen dieser Geschichten sollen ähnliche Aussagen tatsächlich einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Mädchen gehabt haben: “Viele dieser Vorfälle führten zu Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie, lebenslangen Körperbildstörungen und sogar Suizidversuchen. Ich dachte mir zwar, dass dieser Post vielleicht einen Nerv treffen könnte, aber dass er gleich viral geht, hat mich umgehauen.”

In Deutschland sind die Jugend-Vorsorgeuntersuchungen J1 und J2 eine Fortsetzung der Vorsorgeuntersuchungen der U-Reihe, die von der Geburt bis zum Alter von elf Jahren in regelmäßigen Abständen stattfinden.

Durch die Untersuchungen können Probleme wie Rückenschmerzen, Essstörungen bei Jugendlichen oder eine falsche Jobwahl früh erkannt und besser vermieden werden.

► Die J1-Untersuchung wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

► Die J1-Untersuchung wird zwischen dem zwölften und 15. Geburtstag, die J2 zwischen den 17. und 18. Geburtstag empfohlen.

► Der Jugendliche entscheidet selbst darüber, ob die Eltern während der Untersuchung anwesend sein sollen.

Laut “familie.de” sind die J-Untersuchungen jedoch keine Pflicht.

(fk)