ELTERN
01/08/2018 15:30 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 15:31 CEST

Mutter: "Du bist kein schlechter Mensch, wenn du nicht stillst"

Es klappt nicht bei allen Frauen.

tatyana_tomsickova via Getty Images
Jordana Nativ sagte, dass ihr Herz brach, als sie feststellte, dass sie nicht stillen konnte.
  • Viele Frauen haben das Gefühl, dass sie ihre Babys stillen müssen. 

  • Mehrere Mütter erzählen, wie sie auf das Stillen verzichten konnten ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. 

Jewels M. plante von Anfang an ihre Kinder zu stillen, doch als sie mit ihren Zwillingen nach Hause kam, realisierte sie, dass es sich für sie nicht richtig anfühlte.

“Ich dachte, es würde eine wundervolle Bindungserfahrung mit meinen Jungen werden”, erzählt Jewels, die nicht ihren vollen Namen verwenden möchte, der HuffPost. “Aber von Anfang an fühlte es sich nie nach dieser Erfahrung an. Ich hasste es. Es hat sich unnatürlich angefühlt. Ehrlich gesagt, fühlte ich mich dabei sehr ... eklig.”

Zu Beginn fühlte sich Jewels schuldig, weil sie ihre Söhne nicht stillte, als ob sie einen “Frauen-Code” nicht befolgen würde. Doch schnell wurde ihr klar, dass es ihre eigene Entscheidung ist, was sie mit ihrem Körper macht. “Sie sind meine Kinder und sie wurden versorgt”, erklärt sie. “Beikost funktionierte für uns. Das hieß, dass mein Partner die Spätschicht übernehmen konnte und ich konnte dadurch acht Stunden schlafen.”

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Nicht jeder möchte oder kann Stillen

In Deutschland beginnen 90 Prozent der Mütter kurz nach der Geburt mit dem Stillen, doch viele stillen nach wenigen Wochen schon ab, zwei Monate nach dem sie wieder zu Hause sind, sinkt die Zahl auf 70 Prozent, zeigen die Daten der Studie der Nationalen Stillkommission. Nach etwa sechs Monaten ist die Stillrate nur noch bei etwa 40 bis 50 Prozent.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dagegen empfiehlt, dass das Kind innerhalb der ersten sechs Monate ausschließlich gestillt werden sollte – erst danach, bis zu einem Alter von zwei Jahren, solle man Stillen und Beikost kombinieren.

Für Frauen ist der Druck zu Stillen sehr hoch. Und wenn eine Frau nicht stillt – weil es zu anstrengend ist, nicht klappt, oder sie sich einfach dafür entscheidet – kann ein Schuldgefühl aufkommen.

Aber Mütter, die sich dafür entscheiden, dass Stillen nicht das Richtige für sie ist, sollten für ihren Mut und ihre Ehrlichkeit sich selbst gegenüber gelobt werden, findet Liana Salvador-Watts. Sie ist Krankenschwester und International Board zertifizierte Still- und Laktationsberaterin (IBCLC) bei Rumina Lactation.

“Letztendlich ist die Wahl nicht zu stillen immer eine individuelle Angelegenheit. Das Ergebnis einer solchen Wahl ist allerdings oft, dass unsere Gesellschaft die Familien für diese verurteilt ohne zu verstehen, was die komplexen Umstände sind, die sie zu dieser Entscheidung gebracht haben”, sagt Salvador-Watts der HuffPost.

“Stattdessen sollten wir unsere gegenseitigen Entscheidungen respektieren und uns unterstützen. Wir sollten daran glauben, dass es möglich ist, ein Gesundheitssystem zu entwickeln, in dem Familien ihre Ziele, welche auch immer das sein mögen, erreichen können und ihnen besser geholfen werden kann.”

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Stillen ist nicht immer einfach

Die meisten Schwierigkeiten beim Stillen fallen in verschiedene Kategorien, erklärt Salvador-Watts. Und viele davon können mit professioneller Unterstützung gelöst werden.

Diese beinhalten:

► Ein Baby, das zu krank oder verfrüht ist, um effektiv gestillt zu werden

► Schwierigkeiten mit dem Verständnis und der Position des Babys

► Probleme mit der oralen Anatomie des Babys

► Probleme mit der Versorgung

► Probleme mit effektiver Milchabführung, die zu Milchstau, verstopften Kanälen oder Brustdrüsenentzündung führen

“Wenn das Stillen nicht funktioniert ist das Leben mit einem Säugling sehr anstrengend”, sagt Salvador-Watts. “Durch das Problem kommen dann auch noch mehrere Arzt- und Spezialistenbesuche hinzu, Beratungen bei Still- und Laktationsberatern, Stillkliniken und alternative Therapien. Das ist alles furchtbar zeitaufwendig, emotional belastend und anstrengend für die Familien.”

Sie sagt, dass dieser Stress einen direkten Einfluss auf das Baby haben könne.

“Unser Kind fühlt, was wir fühlen. Wenn es ein Problem beim Stillen gibt, dass die Eltern stresst, kann es auch dazu führen, dass das Baby angespannt und gestresst wird – was das Stillen nur noch schwieriger macht.”

Einige Mütter wollen, können aber nicht stillen

Jordana Nativ hatte das Glück, dass sie Unterstützung von der Stillklinik ihres Krankenhauses bekam, als sie Schwierigkeiten nach der Geburt mit ihrer Tochter bemerkte – diese kamen durch eine Brustverkleinerung, als sie 16 Jahre alt war.

“Mein Arzt erklärte mir, dass es beim Stillen Probleme geben könnte, vielleicht gar nicht möglich sei oder eben auch ganz normal werde – das würde ich erst herausfinden, wenn ich es probieren würde. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht, dass es so eine Herausforderung sein würde”, erzählt Nativ der HuffPost.

“Unglücklicherweise produzierte ich zwar Milch, doch die Verbindung zu meinem Nippel war nicht sicher genug, um Milch durchzulassen und meine Tochter zu füttern. Es kam zwar etwas Vormilch, aber nach einer Woche des Probierens verlor meine Tochter immer noch an Gewicht.”

Nativ bekam eine Brustdrüsenentzündung durch den Versuch zu Stillen – sie musste aufhören, damit ihr Körper heilen konnte. Daraufhin gab sie ihrer Tochter Beikost. “Meine Tochter wuchs und wir sahen wieder nach vorne”, sagt sie.

Die Marketing-Kauffrau und Essenspsychologie-Coachin aus Toronto sagte, dass ihr Herz brach, als sie feststellte, dass sie nicht stillen konnte – sie freute sich schon ihr ganzes Leben auf diese Erfahrung.

“Mütter lassen das immer so einfach aussehen. Ärzte, Krankenschwestern und die Medien lassen es so natürlich aussehen”, sagt sie. “Ich fühlte mich wie eine Versagerin. Ich war frustriert und traurig, dass mein Körper nicht in der Lage war, mein eigenes Kind zu füttern. Es brauchte Zeit, aber ich versuchte das positive in Beikost zu sehen.”

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Ungleichheiten der Gesundheitschancen spielen eine Rolle

Salvador-Watts merkt an, dass es viele Ungleichheiten im Gesundheitssystem gäbe, welche einen Einfluss auf die Möglichkeiten des Stillens hätten. Und die Stillraten könnten außerordentlich verbessert werden, wenn es mehr Geld für Still- und Laktationsberatung in Krankenhäusern und nach der Geburt gäbe.

“Beispielsweise haben wir hohe Raten von Geburtseingriffen, die die Fähigkeit, das Baby zu Stillen, behindern”, erklärt Salvador-Watts. “Viele Krankenhäuser haben nicht genug Laktationsberater, um stillende Mütter angemessen zu unterstützen. Damit werden die Familien dann alleine gelassen und müssen privat Unterstützung eines Beraters aufsuchen und diesen aus ihrer eigenen Tasche bezahlen – und das nur durch diese schwache Besetzung.”

Sie fügt hinzu, dass Familien, die Zugriff auf die beste Unterstützung haben, eher weiter stillen und ihre Still-Ziele erreichen würden.

“Die Forschung hat festgestellt, dass die Bevölkerung immer älter und gebildeter wird sowie ein höheres Einkommen hat. Aber jüngere Eltern, Eltern mit wenig Geld und immigrierte Eltern werden eher weniger Stillen.”

Mütter sollten für ihre Entscheidung respektiert werden

Wenn es darum geht Still-Probleme anzusprechen, folgt Salvador-Watts den Regeln ihres Vereins “La Leche League Canada”. Eine davon ist, dass das Baby gefüttert werden muss, sei es durch das Stillen, abgepumpte Muttermilch oder Beikost. Und wenn das Stillen nicht funktioniert, sei das auch in Ordnung. Denn für die Familien sei es wichtiger ihre Optionen zu kennen und bei ihrer Entscheidung unterstützt und respektiert zu werden.

Jewels sagt, dass sie sich wünsche, dass ihre Gesundheits-Anbieter ihr vor zehn Jahren gesagt hätten, dass ihre Entscheidung okay war, als sie ihre Söhne bekam.

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“Wenn Beikost deine Wahl ist, dann mach es so. Wenn du das Stillen nicht magst, macht es dich nicht zu einer schlechten Mutter oder einer schlechten Frau”, sagt sie. “Mach das, was für dich und deine Familie funktioniert.”

Nativ stimme ihr zu und sagt, dass sie sich rückblickend wünsche, gewusst zu haben, dass die meisten Mütter mit dem Stillen kämpfen und es nicht immer auf natürliche Weise komme.

“Die meisten Mütter brauchen Übung und Zeit. Letztendlich ist das einzige was zählt, dass unser Baby gesund, gefüttert und glücklich ist.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost Canada und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(nc)