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24/09/2018 16:49 CEST | Aktualisiert 24/09/2018 17:20 CEST

Mutter soll nach der Arbeit E-Mails checken – so antwortet sie dem Chef

Zwei Jobs, zwei Kinder, ein Abend: das Protokoll einer Mutter.

Peter Muller via Getty Images
Mit zwei kleinen Kindern bleibt keine Zeit, um abends noch E-Mails zu lesen.

Vor kurzem hat mich mein Chef gebeten, meine E-Mails im Blick zu behalten, falls noch ein Angebot von einem bestimmten Dienstleister reinkommt. Die E-Mail sollte gegen 19.30 Uhr eintreffen, dann müsste ich noch Unterlagen anhängen, an denen ich gerade arbeite, und sie weiterleiten.  

Ich habe geantwortet, dass ich um diese Zeit leider meine Kinder abholen müsse, mein Ehemann gerade nicht da sei und ich nicht so lange im Büro bleiben könne.

Er meinte daraufhin: “Das ist nicht schlimm, du kannst das ja auch von Zuhause aus machen!”

Von Zuhause aus. Um 19.30 Uhr, allein mit zwei kleinen Kindern. Ich wäre fast in Gelächter ausgebrochen, aber weil das vor meinem Chef nicht ging, lächelte ich nur gequält.

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Allein mit zwei kleinen Kindern – ein Protokoll

So sieht mein Abend von 18.30 bis 20.30 Uhr aus:

18.30 Uhr: Ich hole meinen fünfjährigen Sohn Robin von der nachmittäglichen Betreuung seiner Schule ab. Lehrer begrüßen, Kind begrüßen, über seinen Tag sprechen, meinen Namen und die Uhrzeit, wann ich meinen Sohn abgeholt habe, in eine Liste eintragen, ihn drei Mal ermahnen, dass er jetzt aufhören soll, sein Bild zu malen und mit mir mitkommen muss. 

Ins Auto einsteigen, während ich mir anhöre, was mein Sohn heute alles erlebt hat: Joule wollte nicht mit ihm spielen, aber glücklicherweise hat Blanche einen Ball mitgebracht. Beim Nachmittagstee hat Sacha sein Essen mit ihm geteilt. Die Erzieherin hat Lily geschimpft, aber dafür haben sie alle ein neues Wort gelernt. Warum da ein E am Ende des Wortes “Katze” steht. Ja, seine Erzählungen sind oft ein wenig chaotisch. 

18.45 Uhr: Meine Tochter Juliette von der Tagesmutter abholen. Einen Parkplatz finden, Robin mitnehmen, der seine ehemalige Tagesmutter unbedingt begrüßen will, ihm das Versprechen abnehmen, dass er brav sein werde. 

Klingeln, hochgehen, die Tagesmutter begrüßen, mich über den Tag meiner Tochter erkundigen (“Sie hat viel geschrien, wenig gegessen, ein wenig geschlafen, für morgen brauchen wir frische Windeln.”)

Meine Tochter küssen und umarmen. Ihr die Autoschlüssel, die sie sich gegriffen hat, wieder abnehmen, ihr darauf folgendes Geschrei ertragen. Robin drei Mal ermahnen, er müsse jetzt von der Rutsche runter, weil wir weiterfahren. 

Die Tasche meiner Tochter klemme ich unter einen Arm, meine Tochter unter den anderen, dann danke ich noch einmal der Tagesmutter, packe beide Kinder ins Auto und helfe Robin, der sich noch nicht selbst anschnallen kann und deswegen genervt ist. 

Ich muss meinen Sohn mehrmals ermahnen

19 Uhr: Wir kommen zu Hause an. Vorher müssen wir noch am Briefkasten Halt machen, weil Robin unbedingt die Post mitnehmen will, während das Garagentor sich öffnet. Das Auto in der Garage parken und die Kinder in die Wohnung bringen. 

Meine Tasche und die meiner Kinder sowie die Post hochtragen. Robin bitten, sich seine Schuhe auszuziehen und die Hände zu waschen. Mehrere Male. Ich bin genervt. 

Auf Juliette aufpassen, die sich langsam krabbelnd der Stereoanlage und ein paar Blumentöpfen nährt. Robin an den Esstisch setzen, seine Aufgabenhefte herausholen und ein wenig Schreiben mit ihm üben, so, wie es die Lehrerin aufgetragen hat. 

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19.15 Uhr: Robins Schultasche packen, seine Brotzeitdose spülen, Frühstück für den kommenden Tag vorbereiten und einpacken. Juliettes restliches Essen und ihre dreckigen Kleider auspacken und die Tasche für den nächsten Tag bei der Tagesmutter packen. 

Abendessen machen (ich bin keine gute Köchin: Oft mache ich Cordons bleus mit Kartoffelpüree, dazu einen kleinen Salat mit Mayonnaise). Zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her rennen und die Schuhe, die Juliette aus dem Schrank gezogen und die Taschentuchfetzen, die sie überall auf dem Boden verteilt hat, aufräumen. 

19:30 Uhr: Robin bitten, seinen Pyjama anzuziehen, was er natürlich nicht tut. Juliette auf dem Arm tragend Robin zum Händewaschen begleiten. Juliette dabei die ganze Zeit im Auge behalten, damit sie nichts anstellt. 

Dann lasse ich Juliette in Robins Zimmer, um währenddessen eine Ladung Wäsche zu trocknen und die Spülmaschine auszuräumen. Dabei höre ich Robin aus seinem Zimmer schreien: “Fass mein Spielzeug nicht da!” Kurz darauf knallt eine Tür, Juliette weint, ich eile zu ihr um nachzuschauen, ob sie sich nicht die Finger in der Tür eingeklemmt hat (die Finger sind glücklicherweise alle noch dran).

Wenn das Essen auf dem Tisch steht, kann ich mich das erste Mal hinsetzen

19.45 Uhr: Robin schimpfen, weil er sich immer noch nicht seinen Pyjama angezogen hat. Juliette ihren Pyjama anziehen. Den Tisch decken und das zerkochte Cordon bleu servieren. Ein Fläschchen für Juliette vorbereiten, die langsam ungeduldig wird und quengelt, während ich sie auf dem Arm habe.

Robin bitte, dass er zumindest Servietten holt, nachdem ich schon den Tisch gedeckt habe. Robins Gemotze anhören (“Ich muss hier alles allein machen!”). Ich werde wütend. 

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Ich bitte Robin, sich an den Tisch zu setzen und gebe ihm seinen Salat. Dann lasse ich mich auf die Couch fallen – das erste Mal, dass ich mich hinsetze, seitdem wir heimgekommen sind.

Juliette ihr Fläschchen geben. Das ist der schönste Moment des Abends. Ich genieße meinen kleinen Moment der Ruhe.

Juliette kriecht durch die Milch, die sie verschüttet hat – darum kümmere ich mich später

20 Uhr: Ich richte Robin sein Cordon bleu auf dem Teller an, während ich Juliette weiter füttere. Das nervt sie wiederum, deswegen fängt sie an zu weinen. Ich setze sie auf den Boden und stelle das Fläschchen vor sie.

Sie greift das Fläschchen, trinkt ein wenig und wirft es dann um, die Milch verteilt sich über den Boden. Juliette kriecht durch die Milchpfütze. Ich denke mir, darum kümmere ich mich später.

Ich setze mich neben Robin, esse ein wenig, ermahne ihn, seine Gabel korrekt zu halten und mit dem Messer nicht den Tisch zu zerkratzen. Danach bringe ich Käse und Nachtisch. 

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20.15 Uhr: Ich bitte Robin, sich die Zähne zu putzen, auf die Toilette zu gehen und sich dann schon mal in sein Bett zu legen, damit ich ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann. Glücklicherweise brauche ich nur ein paar Minuten, um Juliette ihren nassen Pyjama wieder auszuziehen.

Ich schaue nach Robin, der sich immer noch nicht die Zähne geputzt hat, dafür aber vor Juliettes Zimmer herumschreit, die mittlerweile schläft. Ich sage ihm, dass er leise sein und sich die Zähne putzen soll.

Ich begleite ihn, weil ich mich ebenfalls bettfertig machen will. Dann lege ich mich schon mal in Robins Bett und warte auf ihn, bis er aus dem Bad kommt. Meine zweite Pause des Abends. 

Wenn die Kinder schlafen, gehe ich meinem zweiten Job nach

20.30 Uhr: Ich fange an, Robin eine Geschichte vorzulesen, die er sich ausgesucht hat. Lese ein paar Seiten vor, bis er mich unterbricht. Dann lasse ich ihn die Seite, bis zu der wir gekommen sind, mit einem Lesezeichen markieren. Ich gebe ihm einen Gute-Nacht-Kuss.

Ich schaue Robin dabei zu, wie er wieder aufsteht und die CD mit den Kinderliedern einlegt, die er immer zum Einschlafen hört.

Er legt sich erst wieder hin, nachdem er herumgeschrien und auf dem Bett getobt hat, was natürlich Juliette wieder wach machen könnte. Ich sage Robin noch einmal Gute Nacht, umarme ihn, mache das Licht aus und verlasse das Zimmer.

Gehe ins Wohnzimmer, räume die Reste des Abendessens weg, spüle ab, mache sauber.

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20.45 Uhr: Ich gehe in mein Zimmer, wo ich noch für meinen zweiten Job, ein Unternehmen, das ich gegründet habe, arbeite.

So sehen also meine Abende aus. Und jetzt stellt euch mal vor, es wäre auch noch Badetag. 

Wenn mein Chef mir also das nächste Mal sagt: “Das ist nicht schlimm, du kannst das ja auch von Zuhause aus machen!” werde ich ihm deutlicher sagen, was ich von so einer Aussage halte. 

Dieser Text erschien ursprünglich in “Le jour où” und wurde aus dem Französischen übersetzt von Agatha Kremplewski.

(fk)