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24/01/2018 16:55 CET | Aktualisiert 25/01/2018 10:52 CET

Mein Sohn wurde vor 25 Jahren ermordet – das habe ich den Tätern zu sagen

Der kleine James wurde vor 25 Jahren in einer Metzgerei gekidnappt und dann ermordet.

DENISE FERGUS
James wurde vor 25 Jahren in einer Metzgerei gekidnappt.

Als ich meinen kleinen Jungen auf die Welt brachte, war ich voller Hoffnungen und Träume.

Doch eine Sache hätte ich mir niemals vorstellen können: Dass ich ihn eines Tages begraben müsste, weil ihn jemand ermordet hat.

Kein Elternteil möchte es sich auch nur ausmalen, länger als seine Kinder zu leben oder sich verabschieden zu müssen. Aber meine letzten Stunden und Minuten mit meinem wundervollen James werden mir in Erinnerung bleiben, bis ich sterbe.

Mehr zum Thema: Mord an Neunjährigem in Herne: Eltern schildern, wie der mutmaßliche Kindsmörder den Jungen zu sich lockte

Ich hatte mich damals weggedreht, um meinen Geldbeutel aus der Tasche zu holen und zwei Schweinekoteletts zu bezahlen. Das war das Letzte, was ich tat, bevor meine Welt zusammenbrach.

Mit meinem Sohn an der Hand war ich zum Metzger gegangen, der letzte Halt, bevor wir nach Hause gehen wollten. Ich verließ den Laden ohne James an meiner Hand.

Die Details des Geschehens waren wie aus dem Kopf gelöscht

Viele Details von den Minuten in der Metzgerei sind wie aus meinem Kopf gelöscht. Entweder habe ich sie komplett verdrängt und daher vergessen, oder sie wurden mir aus einem berechtigten Grund vorenthalten.

Ich aß nichts mehr, schlief nicht mehr, wusch mich nicht und sprach mit niemandem – ich befand mich wie in einem Vakuum. Die Stunden gingen ineinander über, Tag und Nacht waren gleich für mich. 

MALCOLM CROFT - PA IMAGES VIA GETTY IMAGES
Das Grab von James. 

Am Ende bekamen wir die Nachricht: Die Polizei hatte zwei zehnjährige Jungen verhaftet. Sie sollen James gekidnappt und ermordet haben.

Während wir auf den Prozess warteten, erfuhr ich, dass ich schwanger mit meinem zweiten Sohn Michael war.

Der Fall kam im Dezember 1993 vor Gericht, und Thompson und Venables erhielten eine Haftstrafe von acht Jahren. Die Belastung für meine Ehe mit Ralph war so unerträglich, dass wir uns scheiden ließen.

Irgendwann lernte ich meinen wundervollen jetzigen Ehemann Stuart kennen. Mit ihm bekam ich Thomas und Leon, und langsam bekam mein Leben wieder einen Sinn.

Nachdem Thompson und Venables aus dem Gefängnis entlassen wurden, überkam mich aber wieder eine entsetzliche Angst. Obwohl mir die Regierung wieder und wieder versicherte, dass nichts geschehen würde, fixierte ich mich auf den Gedanken:

Was ist, wenn die Mörder gleich um die Ecke sind?

Was ist, wenn sie nur um die Ecke wohnen, und dann? Ich fühlte mich bedrängt, machtlos und sorgte mich um meine Kinder. Ich verbrachte Jahre damit, die letzten Momente mit James vor meinem inneren Auge abzuspielen.

Diese Gedanken verstärkten sich besonders, als seine beiden Mörder aus dem Gefängnis kamen. Ich durchlebte Phasen, in denen ich Gefahr überall und zu jeder Zeit witterte.

Obwohl meine Jungs schon älter sind, drücke ich kein Auge zu, bis nicht alle von ihnen daheim sind. Ich erwarte regelmäßig Nachrichten von ihnen, wenn sie mal nicht da sind.

Sind sie nur ein paar Minuten zu spät, verfalle ich in schiere Panik. Ich weiß: Die kalte Angst, die ich verspürte, als James nicht mehr bei mir war, wird mich nie mehr loslassen.

IAN COOK VIA GETTY IMAGES
Die Vermisstenanzeige nach dem Verschwinden von James.

Über all die Jahre habe ich versucht, mit dem Schmerz klarzukommen.

In meinem Kopf musste ich so vieles in einer Art mentalen Box verstauen, dass ich Angst vor dem Moment bekam, in dem ich diese Box wieder auspacken müsste.

Ich gab mein Bestes, mich auf das Jetzt zu konzentrieren.

 

Schon als meine Jungs klein waren, erzählte ich ihnen von James.

Wenn wir gemeinsam am Esstisch saßen und einer meiner Jungs etwas tat, sagte ich sehr oft: “James hat das oft gemacht“, und dann erzählte ich ihnen eine kleine Geschichte über ihn.

Das half dabei, James so früh und natürlich wie möglich in ihr Leben einzuführen.

Wir gründeten eine Wohltätigkeitsinitiative

Stuart und ich gründeten die Organisation “James Bulger Memorial Trust”, die wir auch “Für James“ nennen.

Dabei handelt es sich um eine Wohltätigkeitsinitiative, die junge benachteiligte Menschen unterstützen soll.

Vor allem Kinder, die Opfer von Todesfällen in der Familie, Mobbing, Hassattacken oder Verbrechen geworden sind. Wir sammeln Spenden für betroffene Familien über das ganze Jahr hinweg.

Diese Initiative ist ein großer Teil meines Lebens geworden. Es ist ein unglaubliches Gefühl, dass nach all den Jahren voller Schmerz und und Kummer endlich etwas Positives in mein Leben getreten ist.

Ich habe aufgehört, mich selbst mit Fragen zu zerstören.

 

Was, wenn ich an diesem Tag nicht shoppen gegangen wäre? Was, wenn ich nicht in die Metzgerei gegangen wäre?

Was, wenn wir eine halbe Stunde später dort gewesen wären? Warum habe ich den Buggy nicht mitgenommen?

Zu viele Fragen sind der Weg ins Verderben

Denn das ist der Weg ins Verderben. Nur Venebles und Thompson wissen, warum sie taten, was sie taten. Ich realisierte, dass ich schon vor langer Zeit hätte aufhören müssen, nach dem Warum zu fragen.

Auf mein Warum würde niemals eine Antwort folgen. Und niemals werde ich den Mördern meines Kindes verzeihen. 

Die Zeit, mein Ehemann und meine Kinder haben mir Glück und Zufriedenheit geschenkt. Ich hätte niemals gedacht, dass ich solch ein Gefühl je wieder verspüren könnte.

Aber ich denke, 25 Jahre nach dem Mord an meinem Sohn und einem kürzlich begangenen Verstoß von Venables, ist die Zeit gekommen, den Fall noch einmal aufzurollen: Es sollte eine erneute landesweite Diskussion darüber geben, was eine angemessene Haftstrafe für Verbrechen ist, die Minderjährige begangen haben.

Wir haben bereits eine Petition gestartet. Mit dieser möchten wir sicherstellen, dass der Bewährungsdienst gezwungen ist, die Familien der Opfer unmittelbar nach einem Verstoß der Täter zu alarmieren.

Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug alles Erdenkliche für James tun.

Er wird immer mein Sohn sein und ich werde ihn und die Erinnerung an ihn wahren wie einen Schatz. Der Kampf geht weiter, er verändert sich nur mit den Jahren.

Denis Fergus schrieb das Buch “I Let Him Go“ (Blink Publishing). Ein Teil des Verkaufsumsatzes wird an den James Bulger Memorial Trust gespendet, um Eltern von Verbrecheropfern zu unterstützen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost UK und wurde von Meltem Yurt aus dem Englischen übersetzt.