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05/10/2018 17:57 CEST | Aktualisiert 06/10/2018 09:34 CEST

Mutter: So fühlt es sich an, ein totes Kind zu gebären

"An der Tür des Kreissaals hing eine weiße Papierrose als Zeichen der Trauer."

Sorajack via Getty Images
Ich werde immer die Frau sein, die ihr Kind verloren hat. (Symbolbild)

An einem späten Juliabend saß ich mit gekrümmten Rücken vor meinem Laptop und kontrollierte die Bankkonten für unseren kleinen Bauernhof in Iowa.

Draußen schwirrten Zikaden durch die dichten Hemlock-Tannen, während die Fensterklimaanlage in unserem Schlafzimmer um die Ecke gegen die schwüle Luft um mich herum ankämpfte. Meine Wangen glühten und in meinem Bauch rumorte es.

Ich machte mir Sorgen um unseren Bauernhof, der ständig zu wenig Gewinn einbrachte. Mein Mann und ich hatten beide noch andere Jobs, um uns den Bauernhof weiterhin leisten zu können.

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Doch es verging keine Woche, in der wir nicht um ihn kämpfen mussten. Außerdem fiel es mir noch immer schwer, mit dem Temperament meines Mannes klarzukommen. Denn in meiner Kindheit hatte ich meine Eltern kein einziges Mal fluchen gehört.

Ich vertraute unserer Beziehung nicht komplett

Jetzt war ich in der 27. Woche schwanger mit unserem ersten Kind. Die Schwangerschaft war für uns ein ganz natürlicher nächster Schritt, da wir bereits seit acht Jahren verheiratet waren. Außerdem war sie ein wichtiger Grund für unsere Entscheidung gewesen, zurück nach Hause in den Mittleren Westen zu ziehen.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass wir einen Sohn bekommen würden. Doch wenn ich ganz ehrlich bin, war ich mir damals eigentlich gar nicht so ganz sicher, ob es denn wirklich so eine gute Idee war, ein Baby zu bekommen.

►  Denn ich befand mich in einer Beziehung, der ich nicht komplett vertraute.

Wir hatten uns in letzter Zeit mehrmals miteinander gestritten und ich war extrem wütend und aufgewühlt. Bei diesen Auseinandersetzungen war es häufig um Geld gegangen. Noch häufiger hatten wir uns jedoch über die Beleidigungen gestritten, die mein Mann mir sofort an den Kopf warf, wenn er wieder einmal außer sich vor Wut war.

Und deshalb hatte ich bereits zu recherchieren begonnen, welche Abtreibungskliniken und Angebote es in meinem Bundesstaat gab. Und das, obwohl es eigentlich schon viel zu spät dafür war.

Ich spürte, dass etwa nicht stimmte 

Als ich die Ausgaben für unseren Bauernhof fertig aufgelistet hatte, spürte ich plötzlich weiter unten in meinem Bauch Schmerzen, die mir bekannt vorkamen. Hatte ich etwa Krämpfe? Ich schob den Gedanken beiseite und fuhr meinen Computer herunter. Mein Kopf brummte, weil ich seit längerer Zeit nicht mehr richtig tief geschlafen hatte.

Ich putze mir die Zähne und betrachtete meine Haare im Spiegel, die durch die Hormonumstellung sehr lang geworden waren. So lang hatte ich sie vorher noch nie getragen.

Ich setzte mich zum Pinkeln auf die Toilette und wusste plötzlich, dass etwas nicht stimmte.

Ich hatte Blutungen. Sie waren zwar nicht stark genug, um mir Angst einzujagen. Doch immerhin waren sie stark genug, dass ich nicht einfach unbesorgt schlafen gehen konnte.

Ich wusste es, bevor der Arzt es aussprach

Ryans Haut klebte vor Schweiß, als ich seine Schulter schüttelte, um ihn aufzuwecken.

“Pssssst”, murmelte er verschlafen und todmüde vor sich ihn. “Versuch ein wenig zu schlafen. Wir kümmern uns morgen Früh darum.”

Ryan hatte einen langen Tag vor sich und er musste schwer körperlich arbeiten. Wenn wir in die Notaufnahme gefahren wären, hätten wir den Rest der Nacht gar keine Ruhe mehr bekommen. Außerdem war das nicht das erste Mal, dass ich vor lauter Sorgen nachts wach lag. Das liegt eben in meiner Natur.

Dieses Mal war meine Sorge jedoch berechtigt. Bereits eine Stunde später schob eine Krankenschwester mich im Rollstuhl einen Flur in unserem Kleinstadt-Krankenhaus entlang. Kränklich-grünes Neonlicht fiel auf die beigefarbenen Wände und Fußböden. Die Krankenschwester nahm meine Symptome auf und fragte mich, in welcher Woche ich war. Als ich es ihr sagte, murmelte sie beunruhigt: “Das ist zu früh. Das ist viel zu früh.” Als ob ich das nicht selbst gewusst hätte.

Während die Nachtschwestern hektisch meine kurze Krankenakte vorbereiteten, verteilte der diensthabende Arzt mit dem Ultraschallkopf Gel auf meinem Bauch. Eine Minute verging. Der Arzt seufzte frustriert auf und rückte mit seinem Stuhl näher an mein Bett heran. Er führte die Ultraschalluntersuchung fort. Dieses Mal waren seine Bewegungen langsamer. Er wollte jetzt herausfinden, was genau passiert war.

Doch ich wusste es bereits. Und ich glaube, dass es auch Ryan bereits klar war: Das Baby war tot. Ich wollte nicht auf den Bildschirm schauen. Auch dann nicht, als der Arzt auf das viel zu ruhige Bild zeigte und die schreckliche Diagnose aussprach.

Ich fühlte mich so, als hätte ich einen mechanischen Defekt 

Mein Sohn hatte sich in den vergangenen Tagen ziemlich wenig bewegt, doch ich hatte mir nicht den Kopf darüber zerbrechen wollen. Immerhin hatte ich noch keine Erfahrung mit Schwangerschaften. Und ich wollte keine der werdenden Mütter sein, die schon wegen eines eingewachsenen Fingernagels sofort ins Krankenhaus rannten.

Ich hatte mich noch nicht einmal richtig an den Gedanken gewöhnt, dass ich Mutter werden würde. Und jetzt musste ich mich bereits mit der unvorstellbaren Tatsache auseinandersetzen, dass ich ein totes Baby zur Welt bringen musste.

Das ist die ganze Wahrheit. Wenn ein Baby im dritten Trimester stirbt, muss man dieses schreckliche Wissen stunden- oder sogar tagelang mit sich herumtragen. Und man trägt das sich immer weiter zersetzende Gewebe seines ungeborenen Kindes in sich, bis der Schutz durch das Östrogen dem Immunsystem nachgibt.

Schließlich beginnt der Körper, diese Masse aus geronnenem Blut und Knochen abzustoßen, da sie nun sehr leicht zu Infektionen führen kann.

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Ich musste 24 Stunden lang Pitocin, ein Medikament, welches bei ausbleibenden Wehen verabreicht wird, einnehmen, damit ich mein Baby auf die Welt bringen konnte.

In dieser Zeit bekam ich auch mehrmals Schmerzmittel und sogar Narkosemittel verabreicht. Ich hatte nicht vorgehabt, jemals solche Medikamente einzunehmen. Ich mag keine Medikamente und nehme sogar bei Kopfschmerzen äußerst selten eine Ibuprofen ein.

Doch im Paralleluniversum meines Kreißsaals, an dessen Tür eine weiße Papierrose als Zeichen der Trauer hing, schien diese Medikation eine Standardbehandlung zu sein.

Ich fühlte mich immer mehr so, als hätte ich einen mechanischen Defekt. Denn da mein Risiko für schwere Blutungen sehr hoch war, wurde ich so vorsichtig behandelt, als wäre ich ein abgestürzter Kampfjet, aus dem Benzin austrat.

Man fragte mich, ob ich Bilder mit meinem Sohn machen wolle

Der Moment der Geburt meines Sohnes rückte immer näher. Doch es fühlte sich für mich überhaupt nicht nach dem natürlichen Ablauf einer Geburt an. Es gab keine stärker werdenden Wehen und Hände, die sanft über meinen Rücken streichelten. Es gab keine zusammengebissenen Zähne oder Schmerzschreie, während ich mit gespreizten Beinen dasaß.

Stattdessen wachte ich plötzlich aus meinem Narkoseschlaf auf und befand mich mitten in der letzten Wehenphase. Ich drehte mich auf die linke Seite und klammerte mich an das Bettgestell.

Als ich um Hilfe zu schreien begann, lief mein Mann auf den Flur hinaus. Er brüllte das Personal an, dass jemand mir helfen und weitere Medikamente verabreichen solle. Als die Ärzte und Schwestern kamen, hatte ich mein Baby bereits in einem ekelhaften Schwall zur Welt gebracht. Auch dieses Mal konnte ich nicht hinsehen.

Die Krankenschwestern trugen meinen Sohn weg und wuschen mich. Sie gingen dabei so gründlich vor, als würden sie mich auf eine Operation vorbereiten. Was folgte, war eine schreckliche Stille. Die Schwestern wollten uns keinen Druck machen, doch sie brauchten trotzdem Antworten auf ihre Fragen.

Wir mussten weitere Entscheidungen treffen, mit denen ich nicht gerechnet hatte:

► Man fragte mich, ob ich meinen Sohn zum ersten und letzten Mal baden wolle.

Und ob wir Fotos machen wollten, auf denen wir ihn im Arm hielten.

Außerhalb dieser sterilen und klinisch sauberen Umgebung ergeben diese Fragen durchaus Sinn. Doch wenn man selbst in dieser Situation steckt, fühlen sich diese Fragen so bedeutend an, als müsse man über das Leben seines eigenen Kindes entscheiden.

Und es ist tatsächlich so, dass du in diesen Momenten darüber entscheidest, welche Erinnerungen du an dein Kind und an sein kurzes Leben haben wirst ― ein Leben, in dem dieses Kind keine weiteren Spuren hinterlassen wird.

Ich sah, dass seine Wangen rund und rosig wie meine waren

Mittlerweile würde ich betroffenen Eltern empfehlen, ihr Kind zu baden und Fotos zu machen.

Ich selbst entschied mich jedoch dagegen, meinen Sohn zu baden. Ich war mir einfach nicht sicher, ob ich wirklich das ganze Gewicht der kleinen Arme meines Sohnes spüren wollte. Ob ich seinen Kopf zur Seite drehen und die kleine Halsfalte unter seinem Kinn entdecken wollte, die sich überhaupt nicht bewegte.

Bei unseren Kühen musste ich nach der Geburt auch manchmal tote Kälber wegtragen. Es ist sehr schmerzhaft, einen Körper wegschaffen zu müssen, der unter etwas glücklicheren Umständen in diesem Moment eigentlich wild zappeln würde.

Wir entschieden uns dafür, unseren Sohn in den Arm zu nehmen und Bilder mit ihm zu machen. Wenn ich mir heute das winzige Gesicht meines Sohnes ansehe, das zum Glück noch nicht grau geworden war, erkenne ich darin die Stirn seines Vaters. Und ich kann sehen, dass seine Nase und Wangen rund und rosig wie meine geworden wären.

Hin und wieder – wenn auch inzwischen nicht mehr so oft wie früher – schaue ich mir diese Bilder ganz genau an. Ich versuche herauszufinden, was passiert ist. Ich erinnere mich daran, dass ich mich damals sehr stark darauf konzentriert hatte, nur ja nichts zu übersehen. Ich hatte eine Autopsie durchführen lassen. Ich hatte besonders auffällige Klumpen aus meiner Plazenta eingepackt und sie meinen Ärzten gezeigt. Denn ich hatte gehofft, dass man durch irgendeine Spur doch noch die Ursache dafür finden würde, warum alles schief gegangen war.

► Doch das war nicht passiert.

Ich werde für immer die Frau sein, die ihr Kind verloren hat

Man konnte nicht herausfinden, welche Komplikationen letztendlich aufgetreten waren. Doch sie waren nicht schlimmer gewesen als bei anderen Schwangerschaften, bei denen die Babys ganz natürlich überleben.

Mittlerweile weiß ich, dass nur eine Sache gewiss ist – auch wenn ich bereits seit zehn Jahren versuche, dies zu begreifen: Man wird dir niemals mit Sicherheit sagen können, warum dein Körper aufgehört hat, dein Kind weiter zu versorgen. Oder warum dein Kind einfach nicht mehr länger am Leben gehalten werden konnte.

Nachdem du tage- oder wochenlang mit tropfenden Brüsten und Nachblutungen im Bett gelegen hast, stehst du irgendwann wieder auf und lebst dein Leben weiter.

► Doch du wirst für immer die Frau sein, die ihr Kind verloren hat.

Auch wenn deine Mitmenschen irgendwann weitergehen und den Vorfall vergessen. Du wirst für immer die Mutter sein, die die Verantwortung für das Leben eines Kindes hatte und die es nicht geschafft hat, dieses Kind an seinen rechtmäßigen Platz zu bringen.

Die Krankenschwestern, die sich in der Nacht nach der Geburt meines Sohnes um mich kümmerten, wussten bereits, dass diese Schuldgefühle mich früher oder später heimsuchen würden.

“Sie sind doch noch jung”, flüsterten sie. “Sie haben doch noch genug Zeit.”

In dieser langen Zeit, die ich überstehen musste, kamen immer wieder einzelne Krankenschwestern zu mir und erzählten mir von ihren persönlichen Erfahrungen. Sie versuchten mich mit ihren Geschichten davon zu überzeugen, dass ich trotzdem noch eines Tages ein lebendes Kind zur Welt bringen könnte.

Damit hatten sie ja auch Recht. Und trotzdem bleibt die Tatsache, dass mein Sohn gestorben ist und dass ich niemals wissen werde, ob und wie ich ihn hätte retten können.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(nc)