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07/07/2018 13:29 CEST | Aktualisiert 08/07/2018 11:50 CEST

Mein Ex hat meinen Sohn umgebracht – weil das Gericht nicht früher handelte

Eine Fehlentscheidung kostete meinen Sohn das Leben.

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"Das Familiengericht ließ mich im Stich." (Symbolbild)

Im Juli 2011 verließ ich den Vater meines Sohnes Prince. Es war genau zwei Wochen nach der Geburt unseres gemeinsamen Sohnes. Eine dramatische Schicksalswendung hatte dazu geführt, dass ich nicht nur um mein Leben, sondern auch um das meines Sohnes bangen musste.

► Der Vater von Prince hatte mir eine Pistole an den Kopf gedrückt und mir gedroht, mich zu töten, wenn ich ihn verlassen würde.

Mein Sohn und ich konnten in dieser Nacht nur mit sehr viel Glück entkommen.

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass ich damals vollkommen am Boden zerstört war. Schließlich war gerade mein großer Traum zerplatzt, dass wir unser Kind als traditionelle Familie mit zwei Elternteilen großziehen würden.

Mehr zum Thema: “Der Tod meines vier Tage alten Sohnes brachte mich dazu, Bestatterin zu werden”

In diesem ganzen Drama war meine größte Sorge, dass ich als alleinerziehende Mutter enden könnte. Fast sieben Jahre später erscheint mir dieser Gedanke ziemlich lächerlich.

Mein Ex bekam das Umgangsrecht

Obwohl ich Angst davor hatte, mein Kind allein großziehen zu müssen, beantragte ich beim Gericht das alleinige Sorgerecht und das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht für unseren Sohn.

Außerdem forderte ich, dass mein Ex unseren Sohn nur unter Aufsicht besuchen durfte, da er uns beide körperlich bedroht hatte. Dies war von mehreren Zeugen und Polizisten bestätigt worden, die in der Verhandlung vor dem Familiengericht gegen den Vater meines Sohnes ausgesagt hatten.

► Ich kämpfte 15 Monate lang darum, meinen Sohn schützen zu können.

Das Familiengericht ließ mich im Stich. Es gewährte meinem Ex ein Umgangsrecht mit meinem Sohn, das dieser schließlich missbrauchte, um Prince zu töten.

Die Fehlentscheidung kostete meinen Sohn das Leben

An einem der ersten unbeaufsichtigten Besuchstermine brachte mein Ex meinen Sohn um. Er hatte versucht, eine Lebensversicherung im Wert von über einer halben Million Dollar einzukassieren, die er auf Prince abgeschlossen hatte.

Nach dem Tod meines Sohnes herrschte in den Familiengerichten in Maryland Entsetzen und Panik. Die Richter und Anwälte hatten permanent mit Missbrauchsvorwürfen zu tun und sie hatten deshalb ihr Gespür dafür verloren, wie hoch das Konfliktpotential zwischen einem ehemaligen Paar tatsächlich sein konnte.

Außerdem hatten sie bisher selten einen derart deutlichen Beweis dafür erhalten, welche verheerenden Folgen eine einzige Fehlentscheidung über das Besuchsrecht haben konnte.

Nach dem Tod von Prince wurden einige Verbesserungsmaßnahmen eingeführt. So wurden beispielsweise neue Gesetze erlassen, die beim Abschluss von Lebensversicherungen für Kinder bestimmte Richtlinien erfordern. 

Außerdem gibt es mittlerweile ein Zentrum für beaufsichtigte BesuchstermineDieses Zentrum befindet sich übrigens in genau dem Gerichtsbezirk, in dem auch die unbeaufsichtigten Besuchstermine meines Sohnes mit seinem Mörder angeordnet worden waren.

Doch trotz dieser Änderungen gibt es noch immer viele Kinder, die zu Besuchen bei Missbrauchstätern gezwungen werden. Viele Richter betrachten Fälle wie meinen als absolute Ausnahme.

Doch eigentlich sollte meine Geschichte als warnendes Beispiel gelten und letzten Endes zu verbesserten Schutzmaßnahmen für Kinder führen.

In Zukunft kämpfe ich für meine Kinder

Vier Monate nach dem Tod meines Sohnes, im Februar 2013, sagte ich in Montgomery County, Maryland, vor Gericht für ein anderes Kind aus. Die Sicherheit dieses Kindes stand in Frage, nachdem sein Vater wegen häuslicher Gewalt und wegen Kindesmissbrauchs angeklagt worden war.

Dieser Fall schien meinem eigenen erschreckend ähnlich zu sein. Es war sogar derselbe Experte für beaufsichtigte Besuchstermine hinzugezogen worden, der auch in meinem Fall seine Einschätzung abgegeben hatte.

Nachdem Zeugen bestätigt hatten, dass ein Fall von Kindesmissbrauch vorliegen könnte, wandte der Richter sich an mich und blickte mir direkt ins Gesicht.

“In letzter Zeit sind in diesem Bezirk viele schreckliche Fälle passiert. Und doch können wir nicht jedes Mal gleich losrennen, wenn irgendjemand Alarm schlägt”, sagte der Richter.

Anschließend beschloss er, das Risiko einzugehen, und räumte dem mutmaßlichen Kinderschänder ein unbeaufsichtigtes Besuchsrecht ein. Für die Vorwürfe wegen Kindesmissbrauchs leitete er weder ein Verfahren noch weitere Untersuchungen ein.

Als ich an diesem Tag den Gerichtssaal verließ, war ich vollkommen niedergeschlagen. Doch ich hatte auch einen Entschluss gefasst: Ich würde für die Kinder kämpfen, die nach meinem Sohn kommen würden.

Meine eigene Erfahrung hat mir deutlich gezeigt, wie gefährlich es für ein unschuldiges Kind sein kann, wenn man sich den falschen Partner aussucht.

Ich wollte eine Single-Mutter werden

Hera McLeod
Hera McLeod und ihre Tochter Estela.

Kurz nachdem der Richter die Bedenken der Mutter derart beiläufig und gleichgültig abgeschmettert hatte, fasste ich den Entschluss, allein ein Kind großzuziehen.

Ich wünschte mir ein Kind und ich war finanziell abgesichert. Außerdem wollte ich dieses Mal um jeden Preis verhindern, dass mich irgendwann erneut ein Richter davon abhalten könnte, mein Kind vor Missbrauch zu beschützen.

Ich beschloss, durch eine anonyme Samenspendealleinerziehende Mutter zu werden. Meinem Kind steht die Möglichkeit offen, den Samenspender kennenzulernen, sobald es erwachsen ist. Falls es sich dafür entscheiden sollte, werde ich es dabei voll und ganz unterstützen.

Manche Frauen entscheiden sich für bekannte Samenspender. Ich entschloss mich dieses Mal jedoch für einen Weg, bei dem mit Sicherheit keine Anwälte zum Einsatz kommen würden.

40 bis 50 Prozent aller US-Ehen enden in Scheidung

In einer Studie aus dem Jahr 2005, die von einem amerikanischem Fachjournal über Gewalt gegen Frauen veröffentlicht wurde, heißt es, dass lediglich 17 Prozent aller Väter, die in der Vergangenheit Kindesmissbrauch verübt hatten, das Besuchsrecht für ihre Kinder verweigert wurde.

In diesen Fällen lag die Chance, dass die Mütter das alleinige Sorgerecht erhalten würden, nicht höher als bei Müttern, deren Partner keinen Kindesmissbrauch verübt hatte.

Diese Studie ist zwar mittlerweile bereits 13 Jahre alt. Doch sowohl mein eigener Fall als auch die Fälle der mehreren hundert Männer und Frauen, die mich mittlerweile kontaktiert haben, beweisen: In den amerikanischen Gerichten hat sich seither nicht besonders viel verändert. 

Wie die American Psychological Association berichtet, enden 40 bis 50 Prozent aller Ehen in den USA mit einer Scheidung. Paare lassen sich aus den verschiedensten Gründen scheiden. Doch ich höre immer wieder Geschichten von Männern und Frauen, die zugeben, dass sie sich viel zu schnell auf eine feste Beziehung eingelassen haben, weil sie einen Kinderwunsch hatten.

In den vergangenen sieben Jahren habe ich hunderte Briefe erhalten. Und ich habe mich sowohl mit Männern als auch mit Frauen unterhalten, die darum kämpfen, ihr Kind vor Missbrauch durch den anderen Elternteil beschützen zu können.

Bei jedem einzelnen dieser Fälle zerbricht es mir das Herz. Denn ich erinnere mich noch wie gestern an das Trauma, das das Familiengericht bei mir ausgelöst hat.

Die Scheidungszahlen sind erschreckend hoch und ich kenne unzählige Geschichten von Menschen, die sich in schrecklichen Auseinandersetzungen vor dem Familiengericht herumplagen müssen. Und deshalb ermutige ich all meine Freundinnen, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, allein ein Kind großzuziehen.

Das ist in jedem Fall besser, als sich Hals über Kopf in eine Beziehung stürzen, die irgendwann vor dem Familiengericht enden könnte.

Kein Richter darf sein Recht missbrauchen 

Mit meiner Entscheidung, alleinerziehende Mutter zu werden, will ich jedoch keineswegs behaupten, dass alle Väter schlecht sind. Ich kenne viele Männer, die großartige Väter sind. Und ich weiß den Beitrag zu schätzen, den gute Männer in unserer Gesellschaft leisten.

Meine Angst vor dem Familiengericht sollte andere Frauen nicht davon abhalten, mit einem Partner Kinder zu bekommen, den sie schon länger kennen und dem sie vertrauen können.

Alleinerziehende Mutter zu werden, ist gewiss ein “ungewöhnlicher” Weg. Doch bloß weil man Angst davor hat, sollte man sich als Frau nicht überstürzt auf eine feste Beziehung einlassen.

Nach diesem tragischen Erlebnis brachte ich ein süßes kleines Mädchen zur Welt. Woche für Woche darf ich mir nun von anderen Menschen anhören, wie unglaublich schwer es ihrer Meinung nach sein muss, eine alleinerziehende Mutter zu sein.

Meist antworte ich diesen Menschen lächelnd, dass es immer schwer ist, ein Kind großzuziehen – und zwar ganz egal, auf welche Art dies geschieht.

Ich bin trotzdem dankbar

Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mir einen Partner an meiner Seite wünsche, mit dem ich die schwierigsten Herausforderungen der Kindererziehung gemeinsam meistern könnte.

Zum Beispiel wenn ich meiner Tochter beibringen will, aufs Töpfchen zu gehen oder alleine einzuschlafen. Oder wenn sie ihre kleinkindtypischen Anfälle hat und ich vollkommen erschöpft vor Schlafmangel zusammenbreche.

► Doch ich bin nach wie vor sehr dankbar dafür, dass ich als alleinerziehende Mutter ein Kind bekommen konnte.

Meine Tochter hat viele positive männliche Vorbilder in ihrem Leben. Ich bin dankbar, dass ich mir als Mutter diese Vorbilder frei aussuchen darf. Viel wichtiger ist mir jedoch noch, dass ich den Kontakt zu schlechten Menschen einfach jederzeit abbrechen kann.

Und dieses Mal muss ich keine Angst davor haben, dass ich mir eines Tages wieder von einem Richter sagen lassen muss, dass die biologische Abstammung meines Kindes wichtiger ist als sein Recht auf Sicherheit.

Dieser Text erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.