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27/05/2018 16:49 CEST | Aktualisiert 27/05/2018 17:39 CEST

Wie es ist, Mutter von zwei Kindern zu sein – wenn nur noch eines lebt

Alle Eltern, die ein Kind verloren haben, leben mit der Angst, dass es in der Erinnerung noch einmal stirbt.

Jennifer Oh
Jennifer Oh postete auf ihren Social-Media-Kanälen Bilder von ihren Töchtern und plante schon die Outfits für den kommenden Muttertag.

Der 13. Mai 2018 sollte mein erster Muttertag als zweifache Mutter sein.

Ich habe eine wunderschöne zweieinhalbjährige Tochter. Sie hat ein kleines Grübchen in der Ecke ihres Mundes, genau dort, wo mein Mann eines hat.

Ihre Schwester, Arden, wurde 22 Monate später mit dem gleichen Grübchen geboren. Mein Mann Sam und ich haben immer den Witz gemacht, dass die beiden Grübchen der Beweis dafür wären, dass die Kinder von ihm sind.

Wir stellten auch immer stolz Fotos unserer Töchter ins Netz, die uns Rekord-Likes bescherten. Besonders Feiertage sind voller Gelegenheiten für Angeber-Eltern, wie wir es waren.

Und so freute ich mich sehr auf den Muttertag. Ich fing sogar an, mir bestimmte Outfits und Posen für meine Muttertags-Fotos zu überlegen.

Aber im Januar haben wir Arden verloren.

Es änderte sich alles

Der 13. Mai 2018 wird der erste meiner restlichen Muttertage sein, die ich mit nur einem meiner zwei Mädchen erlebte.

Arden ist plötzlich und ohne Erklärung gestorben, kurz nachdem sie sieben Monate alt wurde. Sie war bis zu ihrem Tod ein gesundes und kräftiges Baby.

► Und während sie da war, war mein Leben und das meines Mannes erfüllt.

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Ich war stolz darauf, zweifache Mutter zu sein. Ich ließ auch alle schamlos wissen, wie schwer es sei, zwei Kleinkinder unter einen Hut zu bringen.

Wir brauchten manchmal Stunden, um mit zwei Kindern das Haus zu verlassen.

Aber egal wie schwer es war, Mutter zweier Kinder zu sein, erfüllte mich mit Freude und Stolz.  

Wir behielten die Bilder für uns

Mein Mann und ich trugen unsere Augenringe wie Orden und ließen unzählige angefangene Mahlzeiten mit schnell unterschriebenen Schecks stehen. Wir machten tausende Fotos und behielten die besten für uns selbst:

► Ich, wie ich Arden in einem Arm säuge und mit der anderen Hand das Buch halte, das ich meinem Kleinkind vorlese.

► Ich, mit den Kindern in der Badewanne, wie ich ein glitschiges Baby auf jedem Bein habe. Weil das einfacher war, als zwei unwillige Teilnehmer hintereinander zu baden.

► Das unscharfe Familienselfie von uns in Klamotten, die sich farblich beißen und den Waschtag ankündigen – anstatt in den farblich passenden Pyjamas vom edlen Kinderausstatter.

Nun verzehren der Schmerz und die Trauer durch Ardens Tod die glücklichen Erinnerungen, so scheint es mir.

Ich habe Angst, dass sie vergessen wird

In den Wochen nach ihrem Tod suchte ich sie im Haus, obwohl ich wusste, dass sie weg war. Mein Mann und ich sagen immer noch nachts “Psssst!”, weil wir Angst haben, das Baby zu wecken.

Ich zucke zusammen, wenn ich die leeren Stellen sehe, wo sie früher immer gespielt hat. Ich spüre einen Stich in meinem Herzen, wenn mein Kleinkind ihre Puppen “Arden” nennt. An manchen Tagen weine ich mehr als an anderen und an den meisten Tagen hängt ein stiller Schrei in meiner Brust.

Aber mich packt auch die Angst, dass Arden vergessen werden könnte. Diese Angst bedroht eine meiner Identitäten. Arden ist untrennbar mit meiner Identität als zweifache Mutter verbunden. 

Ich will schreien

Wenn wir am Spielplatz sind, ziehen Geschwister meine Blicke auf sich, besonders Schwestern.

Wenn ich Eltern mit ihren Kindern sehe (“Du gehst mit der Großen zu den Schaukeln und ich stille die Kleine und wir treffen uns dann bei den Rutschen”), will ich manchmal schreien.

► “Ich auch!”, will ich rufen. ”Ich habe auch zwei Kinder. Ich habe auch immer Windeln in zwei verschiedenen Größen herumgeschleppt.”

Wir schauten einer Familie zu

An einem kalten Abend, nachdem Arden gestorben war, sind Sam und ich in ein Nudel-Restaurant im japanischen Viertel unserer Stadt gegangen. Während wir auf einen Tisch gewartet haben, schauten wir einer Familie zu, wie sie in einer allzu bekannten Formation zu Abend aß.

Die Mutter versuchte, glitschige Nudeln in den Mund des Kleinkindes zu stecken, während der Vater mit einem schlafenden Baby in einem Tragetuch um den Bauch steif da saß.

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Er nahm bescheidene Bisse von seinen Nudeln. Den Teller balancierte er vorsichtig über den Kopf seines schlafenden Kindes. Der Rest der Familie, seine Frau und die Großeltern, stopften sich währenddessen große Portionen Nudeln und Brühe rein.

Die Welt hört sich nicht auf zu drehen

Das letzte Mal, als wir im japanischen Viertel waren, waren wir Ramen-Nudeln essen, nicht Udon-Nudeln, und Sam trug Arden mit sich herum.

► Jetzt sind wir in den Augen anderer nur noch eine dreiköpfige Familie. Ich hasse es.

Die Welt hört nach dem Tod deines Kindes nicht auf sich zu drehen. Ab einem gewissen Zeitpunkt erwarten die Menschen von dir, dass du dich “besser” fühlst und “weitermachst”.

Tatsächlich haben mich manche nicht einmal zwei Monate nach Ardens Tod gefragt, ob ich mehr Kinder bekommen werde. 

Wir alle tragen eine Last

Ich befürchte, dass die Menschen glauben, dass ein weiteres Kind mich “heilen” würde und wir wieder eine vierköpfige Familie sein könnten (aber wären wir dann nicht eigentlich fünf?). Dann könnten die Bekannten erleichtert seufzen: ”Siehst du? Sie sind jetzt glücklich, also können wir jetzt auch glücklich sein.”

Aber Mutterschaft ist kein Übergangstitel und es kommt nicht darauf an, wo deine Kinder sind oder welche Form sie annehmen. Mutterschaft wird vom Leben geschaffen und überdauert Zeit und Tod.

Sam und ich sind einmal zu einer Selbsthilfegruppe gegangen, in der betont wurde, wie Liebe und Trauer das Leben überdauern.

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Die Eltern dort hatten Kinder jeden Alters verloren – ein siebenmonatiges Baby, ein vierjähriges Kind, einen Teenager oder einen erwachsener Mann mit eigenen Kindern.

► So unterschiedlich die Umstände waren, wir hatten alle Angst, dass unsere Kinder in der Erinnerung noch einmal sterben könnten.

Und wir alle tragen eine Last, die wir bis zu unserem eigenen Tod nicht ablegen werden.

Ein Teil von mir ist gestorben

Das Schicksal hinterbliebener Eltern ist, dass die Trauer nicht endet. Es gibt nichts, das mit dem Tod eines Kindes vergleichbar ist und es gibt nichts, über das man “hinwegkommt”.

Der Tod eines Kindes ändert die Eltern grundlegend. Er zerbricht das Leben in “davor” und “danach”. Irgendwann können wir vielleicht wieder Glück spüren und der brennende Schmerz wird schwächer, aber das Leben ist nun mit einer Fußnote gebrandmarkt.

► Ich werde für immer einen Abgrund in meinem Herzen tragen, weil ein Teil von mir mit Arden gestorben ist und nicht mehr auferstehen wird.

► Ich mache nicht weiter, weil ich stark oder inspirierend bin. Ich lebe weiter, weil ich keine andere Wahl habe.

Eltern, die ein Kind verloren haben, trauern im einen oder anderen Sinn für immer, weil ihre Liebe für immer anhält.

Ich werde dein Kind nicht vergessen. Vergiss Meines nicht. Ihr Name ist Arden. Und ich bin ihre Mutter.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der HuffPost USA und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt. 

(nc)