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01/11/2018 13:24 CET | Aktualisiert 01/11/2018 13:24 CET

Mutter: "Ich habe es satt zu hören, dass ich meinem Kind Grenzen setzen soll"

Ich weiß, dass mein Kind in unglaublicher Not ist und ich tue alles, um es ihm so erträglich wie möglich zu machen.

Miriam Thumsers siebenjähriger Sohn ist Autist. Es gibt Tage, an denen er sehr gereizt ist, aggressiv, oder empfindlich. Manchmal weint er, schreit, beißt, schlägt, tritt oder spuckt.

Von außen betrachtet wirkt der Junge dann wie ein schlecht erzogenes Kind, das keine Manieren kennt. Und nicht selten mischen Fremde sich mit Erziehungsratschlägen ein. Doch Miriam Thumser weiß, dass sie ihrem Sohn keine Grenzen setzen muss. Was er braucht, ist Liebe, Sicherheit und Empathie. 

Nachdem der Dokumentarfilm “Elternschule”, in dem das Thema Grenzen setzen eine Schlüsselrolle spielt, für starke Diskussionen sorgte, beschloss Miriam Thumser, in einem Facebook-Post aus ihrem Alltag zu berichten: 

Liebe Eltern,

Ich möchte etwas aus unserem Alltag berichten. 

Mein Sohn ist Autist. Es gibt oft Momente, in denen es ihm nicht gut geht. Er ist an vielen Tagen dauerhaft im Overload, das bedeutet er ist völlig reizüberflutet und es reicht ein Funke, um ihn zum Explodieren zu bekommen. Dann ist er im sogenannten Meltdown. Bis es dazu kommt, reagiert er gereizt, gibt laute und mitunter frech erscheinende Antworten, hat keinerlei Frustrationstoleranz. 

Wie damit umgehen? 

Mein Impuls ist es immer, ihn zu entlasten, Verständnis zu zeigen und ihn so gut wie möglich aufzufangen, auch wenn seine Reaktionen es mir nicht immer leicht machen. 

Menschen, die das mitbekommen würden sagen, dass ich mir von ihm alles bieten lasse, dass ich ihn nicht im Griff habe, dass ich nur mal richtig klar die Grenzen ziehen muss, dass er nicht der Bestimmer sein darf... Ihr könnt es euch vorstellen. 

Was passiert mit einem Kind, wenn es ihm so geht?

Ich kann es nur aus meiner Sicht beschreiben. Man ist absolut überfordert, man könnte jeden anschreien, der einem im Weg ist, egal ob berechtigt oder nicht, man will nur Ruhe, man hat das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Dieser Kontrollverlust macht Angst, vielmehr Panik. 

Wenn mein Sohn in diesem Zustand ist, weint er viel, er wird fremd- und autoaggressiv. Wenn er dann in einen Meltdown kommt, ist er nicht mehr zu halten. Er schreit, beißt, schlägt, tritt, spuckt, wirft Möbel.

Manchmal beißt er so fest auf Gegenstände, dass ich Angst habe, er beißt sich die Zähne aus. Sein Körper ist angespannt, er schwitzt, manchmal schaltet er danach völlig ab, ist nicht ansprechbar und starrt vor sich hin. 

Nach außen hin kann das wie ein extremer Wutanfall wirken. 

Ich weiß aber, dass mein Kind in unglaublicher Not ist und ich tue alles, um es ihm so erträglich wie möglich zu machen. 

So auch heute. 

Ich hätte schimpfen können, stattdessen habe ich ihn gehalten

Unser Sohn war schon nach dem Aufstehen und dem Chaos um die Zeitumstellung nur gereizt. Wir haben es ruhig angehen lassen. Allerdings wollten wir gerne zur Landtagswahl gehen.

Er wollte nicht immer mit einem von uns draußen warten. Also haben wir ihn mit rein genommen. Anfangs war alles ok, bis ich zur Kabine bin. Mein Sohn wollte mir hinterher laufen, da springt eine Wahlhelferin auf, ihn abzuhalten. Ich rufe noch:

“Nicht anfassen, er ist Autist.”

Was macht sie? Sie packt ihn an der Schulter, um ihn wegzuziehen. Zum Glück ist es nur dabei geblieben, dass er sie angeschrien hat. Mein Mann konnte gar nicht so schnell eingreifen, wie das ging. 

Ich habe seine Not erkannt 

Ich hätte jetzt mit ihm schimpfen können, belehren können, dass man mit Erwachsenen so nicht spricht. Stattdessen habe ich mich draußen mit ihm auf die Treppe gesetzt, und ihn ihm Arm gehalten. 

Dann sind wir schnurstracks nach Hause.

Er wollte sich einen Rückzugsort bauen. Eine Höhle unter seinem Schreibtisch. Also habe ich mit ihm eine Höhle gebaut, mit Decken, Kissen und Lieblingskuscheltier. Er war einfach nur dankbar. 

Dann gab es viiiiel TV, das beruhigt ihn. Dazwischen ein Entspannungsbad. Und ganz viel kuscheln. Ich habe extra langsam und leise geredet. Ich habe nicht geschimpft, ich habe nicht auf die Einhaltung bestimmter Dinge bestanden. 

Ich habe seine Not erkannt, und sein Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe. 

Wir haben es geschafft, einen Meltdown abzuwenden. Mein Sohn liegt jetzt friedlich im Bett und schläft. Der Tag ist für ihn gut zu Ende gegangen. Er weiß, er kann sich auf uns verlassen. 

Ständig wird mir gesagt, ich müsste konsequenter sein 

Wie oft bekomme ich zu hören, dass ich nur konsequent sein müsste, dann würde es gar nicht zu solchen Situationen kommen. Ich habe mich lange verunsichern lassen. Bin ich vielleicht verantwortlich dafür, dass er seine Gefühle auf diese Art ausagiert. 

Ich wurde von unserem Autismuszentrum sehr darin bestärkt, auf mein Gefühl ihn aufzufangen zu hören, und vor allem darin konsequent zu sein. Alles andere macht mich nicht berechenbar, einschätzbar und vor allem nicht authentisch. 

Was wäre denn auch die Alternative? Ihn bestrafen dafür, dass er in diesen Momenten nicht anders kann? Ihm statt mit Verständnis mit Härte zu begegnen? Das würde nur dazu führen, dass die Situation extrem eskaliert, wir würden einen Meltdown provozieren. Das kann nicht das Ziel sein.

Wem bitte tut es weh, einem Kind in Not zur Seite zu stehen und es aufzufangen? Einem blinden Menschen sagt man ja auch nicht, dass er nur genau hinzuschauen habe. 

Wenn ich an den Film “Elternschule” denke, denke ich an Kinder in Not. Kinder, die vielleicht wie meines sind. Ich finde es unerträglich, wenn ich mir vorstelle, was sie durchmachten müssen. Es muss traumatisch sein. 

Wir haben selbst schlechte Erfahrungen in einer Klinik gemacht

Dieser Gedanke hat mich gerade heute sehr aufgewühlt, denn wir haben selbst sehr unschöne Erfahrungen in einer Tagesklinik gemacht: 

Unser Sohn durchlebt seit der Einschulung im letzten Jahr eine sehr heftige Krise. Es ging ihm so schlecht, und das dauerhaft, dass wir ihn in einer Tagesklinik angemeldet haben. Nach Monaten des Wartens wurde eine Probewoche vereinbart.

An einem der Tage wurde meines Erachtens nach mutwillig ein Meltdown herbei geführt. Im Umgang mit ihm wurde nicht unterschieden zwischen neurotypischen (nicht autistischen) Kindern und Kindern wie meinem. Das ist oft fatal, denn Kindern aus dem Autismusspektrum muss man mitunter anders begegnen. 

Mein Sohn hatte also einen Meltdown, so schlimm wie selten zuvor. In dieser Situation muss man darauf achten, dass ein Kind nicht sich oder andere verletzt. Ein absolutes Tabu ist es, einen Autisten in diesem Zustand anzufassen oder auf ihn einzureden. Beides sind Reize, die in diesem Moment durchaus schmerzhaft sind, sie tragen unter keinen Umständen dazu bei, dass ein Autist sich beruhigt. 

Stattdessen wurde mein Sohn an den Füßen und kopfüber aus dem Raum geschleppt, in einen anderen Raum gebracht und dann von mehreren Leuten auf dem Boden festgehalten. 

Ich war in dieser Situation völlig überfordert, wollte meinem Kind helfen, aber fühlte mich massiv abhängig von den Mitarbeitern dort. Eine Ärztin hat mir dann gesagt, dass ich den Raum verlassen solle.

Eltern mit einem kranken Kind stehen massiv unter Druck 

Heute würde ich es nicht mehr machen, aber fühlte ich mich, wie gesagt, sehr abhängig von dieser Klinik, schließlich haben wir uns für unseren Sohn Hilfe erhofft. Als ich mit dieser Ärztin alleine war, sprach ich sie darauf an. Mir wurde dann gesagt, dass es sich hierbei um die sogenannte Festhaltetherapie handele. Das wäre für die Kinder, die keine Grenzen erfahren. 

Diese Therapieform ist seit Jahren massiv umstritten, es gab sogar Todesfälle, das wissen sogar viele Laien. Und trotzdem wird das dort so selbstverständlich praktiziert und kommuniziert, als ob es die neueste und innovativste Idee wäre. 

Tage später wurde mir klar, dass mein Sohn und ich aus dieser Situation regelrecht traumatisiert hervor gegangen sind. Er verarbeitet dieses Ereignis selbst relativ wirr, kann sich nicht an alle Einzelheiten erinnern. 

Eltern sind von den Ärzten abhängig

Ich merkte sehr stark, in welchem Abhängigkeitsverhältnis man sich als Eltern in solchen Momenten befindet. Man wartet in einer Extremsituation monatelang auf einen Platz, und wenn es dann soweit ist, erscheint es wie der letzte greifbare Strohhalm. Das setzt uns Eltern wahnsinnig unter Druck.

Man will ja was von diesen Leuten, da traut man sich dann nicht, zu widersprechen. Zu groß ist die Angst, wieder ohne Hilfe dazustehen. Und was dann? An wen wendet man sich dann? Bedeutet es wieder monatelang warten zu müssen? Was passiert in der Zwischenzeit? 

Wir Eltern brauchen ein gutes und schnell greifendes Netzwerk, das auch in absoluten Notsituationen parat steht. Daran fehlt es viel zu oft. 

Wir sind daher umso dankbarer, dass wir ein sehr gutes Autismuszentrum und ambulant eine tolle Ärztin an unserer Seite haben. In solchen Grenzsituationen ist es wichtig, dass man es mit Institutionen zu tun hat, denen man vertrauen kann.

Wichtig wäre es, die Eltern zu bestärken, sie nicht noch zusätzlich zu verunsichern. Verunsicherte Eltern sind Kindern in Not keine große Hilfe. 

(glm)