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27/11/2018 18:01 CET | Aktualisiert 27/11/2018 20:52 CET

"Warum ich Fotos von meinem toten Baby auf Facebook gepostet habe"

"Wer meinen Jungen gesehen hat, kann seine Vollkommenheit, seine Menschlichkeit nicht leugnen."

Die 40-jährige Sharran Sutherland aus dem US-Bundesstaat Missouri brachte am 23. April 2018 ihren toten Sohn Miran zur Welt. Der Junge war in der 14. Schwangerschaftswoche gestorben.

Ein Facebook-Post, in dem die Mutter Bilder des toten Babys veröffentlichte, verbreitete sich schnell im Netz und sorgte für Diskussionen über ungeborene Babys und Abtreibungen. Hier beschreibt Sharran Sutherland, was sie dazu bewegt hat, die Fotos zu veröffentlichen. 

Warnung: Die Fotos in diesem Artikel können auf einige Menschen möglicherweise verstörend wirken. 

13 Wochen und 5 Tage nachdem ich schwanger geworden war, verlor ich mein Baby. Mein kleiner Junge starb in meinem Bauch. Einfach so. Niemand konnte mir sagen, was geschehen war. Die Ärzte wollten nicht länger über mein Baby sprechen. Ihnen ging es jetzt nur noch darum, den Fötus aus meinem Körper zu entfernen. Plötzlich war mein Junge für sie kein Baby mehr, sondern ein Fötus.

Als ich fragte, was nun mit meinem toten Sohn passieren würde, rieten die Ärzte mir zu einer Ausschabung. Anschließend würden sie mein Baby als medizinischen Abfall entsorgen. Es war dieser Begriff – medizinischer Abfall – über den ich nicht hinweg kam.

Ich war verwirrt, unglaublich verletzt und immer noch erschüttert von dem toten Baby in meinem Bauch. Mein Mann und ich nahmen uns ein paar Tage Zeit, um zu entscheiden, was wir machen wollten. Etwa eine Woche später fuhren wir ins Krankenhaus und ich ließ künstliche Wehen einleiten. Ich hatte beschlossen, dass ich meinen Sohn – auch wenn er bereits tot war – auf möglichst natürliche Weise zur Welt bringen wollte.

Wenige Stunden später hielt ich meinen winzigen, leblosen Jungen in den Händen. Ich war vollkommen überwältigt. Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte. Jedenfalls nicht, dass er so perfekt aussehen würde. Er war zehn Zentimeter groß und wog 26 Gramm. Mein Mann und ich betrachteten ihn voller Staunen. Wir nannten ihn Miran.

Sharran Sutherland

Wir brachten Miran nach Hause

Während ich operiert wurde, um alle Reste der Plazenta aus meiner Gebärmutter zu entfernen, hielt mein Mann unseren toten Sohn. Im Krankenhaus machten wir einige Fotos und die Krankenschwester versuchte sogar, Fußabdrücke von ihm zu machen. Dann legten wir ihn vorsichtig in eine Schachtel und nahmen ihn mit nach Hause.

Da mein Baby so früh gestorben war, durften wir das. Denn in den USA ist ein Baby erst nach der 20. Schwangerschaftswoche ein “richtiges” Baby, das bestattet werden kann.

Wir beschlossen, Miran in einem großen Blumentopf unter einer Hortensie zu beerdigen. Uns gefiel der Gedanke, dass sie jedes Jahr erneut aufblühen und uns an ihn erinnern würde.

Dieser kleine, vollkommene Körper überwältigte mich

Vor seiner Beerdigung nahm ich mir die Zeit, um meinen Jungen zu trauern. Es half mir, seinen kleinen, perfekten Körper noch einmal zu betrachten. Obwohl er in der 14. Schwangerschaftswoche gestorben war, hatte sein Körper schon alles, was ihn zu einem Menschen macht. Er war ein sehr, sehr kleiner Mensch, aber ganz eindeutig ein Mensch.

Er hatte nicht nur Finger und Zehen, sondern sogar schon winzig kleine Fingernägel. Seine Augen, seine Nase, seine Ohren, sein Mund, ja, sogar seine Zunge waren schon genau zu erkennen. Als ich ihn betrachtete, stellte ich plötzlich erstaunt fest, dass er seinem zweijährigen Bruder ähnelte.

Mein Baby war vollkommen. Es hätte einfach nur weiter wachsen müssen. Doch es sollte nicht sein.

Wir beschlossen, noch einmal einige Erinnerungsfotos von ihm machen zu lassen. Eine Fotografin kam zu uns nach Hause und nahm sich viel Zeit. Erst als ich mir die Bilder hinterher genau ansah, spürte ich, dass ich sie nicht einfach in eine Schublade legen wollte.

Mirans Fotos gehen um die Welt

Ich wollte möglichst vielen Menschen zeigen, wie weit entwickelt ein Baby in der 14. Schwangerschaftswoche ist. Ein Stadium, in dem in den USA auch häufig noch Abtreibungen vorgenommen werden.

Miran war ein richtiges Baby. Nicht nur ein Klumpen aus Gewebe und Zellen, wie es so oft heißt. Viele Menschen wissen gar nicht, wozu ein Baby in Mirans Alter schon fähig ist:

  • Nach nur 18 Tagen beginnt das Herz zu schlagen.
  • Nach 42 Tagen können Gehirnaktivitäten gemessen werden.
  • Nach 52 Tagen können die Babys Schluckauf bekommen und gähnen.
  • Mit acht Wochen funktionieren bereits alle Organe.
  • Mit zehn Wochen fangen ihre Zehennägel an zu wachsen und sie können Schmerzen spüren.
  • Mit 12 Wochen können sie lächeln.

Wer Miran gesehen hat, kann seine Vollkommenheit, seine Menschlichkeit nicht leugnen. Und deshalb habe ich die Fotos von meinem toten Baby auf Facebook gepostet. Ich habe es gemacht, weil ich hoffte, dass ich andere Babys dadurch retten könnte. Ich dachte, wenn diese Bilder nur eine Frau von einer Abtreibung abhalten könnten, dann wäre es schon ein Gewinn. Mirans Leben war kurz. Aber es hatte einen Sinn.

Die Reaktionen auf meinen Facebook-Post überwältigten mich. Mehr als 2.800 Menschen kommentierten die Bilder meines Babys. Über 23.000 teilten den Beitrag. Und ich bekam unzählige private Nachrichten. Die meisten waren positiv. Nur wenige Menschen schrieben mir, um mich zu beschimpfen und mich dafür zu kritisieren, dass ich die Bilder veröffentlicht hatte.

(Die Bilder von Sharran Sutherland sind nach einem Klick in dem Facebook-Post zu sehen. Achtung: Verstörende Bilder)

Jede Frau hat das Recht auf vollständige Information

Eine Frau schrieb mir eine sehr wütende Nachricht. Sie fragte, wie ich es wagen könne, Frauen, die abtreiben wollen, ein schlechtes Gewissen zu machen. Sie schrieb, dass jede Frau diese Entscheidung selbst treffen müsse und ich nicht das Recht hätte, mich einzumischen.

Ich bin auch der Meinung, dass jede Frau diese Entscheidung für sich alleine treffen muss, denn sie muss dann auch damit leben können. Aber ich finde auch, dass jede Frau ein Recht darauf hat, eine informierte Entscheidung zu treffen. Und Information und Wissen ist genau das, was den meisten Frauen fehlt.

Ich bekam noch eine Nachricht, die mich bis heute erschüttert und sehr traurig macht. Ein junges Mädchen schrieb mir, nachdem sie die Bilder von Miran gesehen hatte. Sie erzählte, dass sie zwei Tage zuvor eine Abtreibung hatte. Sie war noch jung und hatte Angst, dass sie nicht genug Zeit und Geld für ihr Baby aufbringen könnte. Und nachdem die Ärzte ihr gesagt hatten, dass ihr Fötus noch gar kein Baby sondern nur Gewebe sei, hatte sie sich für den Abbruch entschieden.

Als sie jedoch sah, wie vollkommen Mirans kleiner Körper war, bereute sie ihre Entscheidung. Sie schrieb mir, dass sie sich anders entschieden hätte, wenn sie das gewusst hätte. “Ich hätte einen Weg für meinen Baby und mich gefunden”, schrieb sie. Es brach mir das Herz.

Ich bekam jedoch auch Nachrichten, die mich unendlich glücklich und dankbar machten. Einige Frauen schrieben mir, dass sie eine Abtreibung wollten – bis sie Miran sahen. Danach entschieden sie sich von Herzen für ihre Babys.

Auch ein ungeborenes Baby ist ein echtes Baby

Die Art und Weise, wie wir über ungeborene Babys denken und sprechen, muss sich ändern. Zum einen, damit wir die richtigen Entscheidungen treffen können. Und zum anderen, damit Frauen, die ein Kind verloren haben, richtig trauern können.

Vielen geht es so wie mir: Bei jeder Ultraschalluntersuchung sprach meine Ärztin von meinem Baby – bis es tot war. Dann war es plötzlich nur noch ein Fötus, den es zu entsorgen galt.

Wer eine Fehlgeburt hatte, kann häufig gar nicht richtig um den Verlust trauern. Viele Frauen schämen sich. Es ist auch im Jahr 2018 noch ein Tabuthema, über das kaum gesprochen wird. Unzählige Frauen leiden im Stillen, weil sie glauben, dass sie nicht das Recht haben, um “ein bisschen Gewebe” zu trauern.

Ich hoffe, dass mein kleiner Miran und ich einen kleinen Beitrag dazu leisten können, dass ein wenig offener und einfühlsamer über ungeborene Babys gesprochen wird.

Dieser Text wurde von Gina Louisa Metzler aufgezeichnet.