ELTERN
29/01/2019 14:32 CET

Mutter eines Kindes mit Autismus: Eine Lehrerin hat das Leben meines Sohnes verändert

Mütter versuchen zwar immer, ihre Kinder vor dem Schlimmsten zu beschützen – aber am Ende sind es die Lehrer, die Klassen- und Schulgemeinschaften formen.

michellegibson via Getty Images
Hannah Griecos Sohn ist autistisch (Symbolbild). 

Hannah Grieco ist Mutter eines autistischen Sohnes. In der Vergangenheit hat sie häufig die Erfahrung gemacht, dass Lehrer keinen Zugang zu ihrem Kind finden und sein Verhalten in der Schule fehlinterpretieren. 

Die Lehrerin, die Grieco in ihrem offenen Brief anspricht, scheint keine Ausnahme gewesen zu sein – und dennoch möchte ihr Grieco heute danken. Die Geschichte eines autistischen Kindes und seiner engagierten Lehrerin. 

Als wir uns kennenlernten, war ich die wütende, überfürsorgliche Mutter, vor der du dich gefürchtet hast. E-Mails, Telefonate, persönliche Treffen – deine Lippen wurden schmal, bevor du sie zu einem Lächeln zwingen konntest. Du kanntest Mütter wie mich und Kinder wie meine. Wenn mein Sohn aus deinem Klassenzimmer rannte, rolltest du mit den Augen. Wenn er murmelnd hinten im Raum herumlief, ermahntest du ihn, still zu sein.

Der Wechsel in deine Klasse war hart, manchmal schmerzhaft, da die Bedürfnisse meines autistischen Sohnes dich am Anfang überforderten. Deine Ideen und Vorurteile brachten mich zur Weißglut und während unserer Kämpfe hatte ich nicht die Geduld, dir richtig zuzuhören.

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Die Lehrer verstanden die Behinderung meines Sohnes nicht

In den vorherigen Schulen verstanden Lehrer die Behinderung meines Sohnes nicht und meinten vielmehr, er benehme sich absichtlich so. Sie überschätzten dabei seine Fähigkeit, sich anpassen zu können und unterschätzten zugleich seinen Verstand und sein Herz. Du schienst aus demselben Holz geschnitzt zu sein.

Bevor ich Mutter wurde, hatte ich selbst an einer Grundschule unterrichtet. Ich wusste, dass Lehrer oft erschöpft sind und zu wenig Unterstützung von Außen bekommen. Dass sie meist nicht über die Ausbildung oder die Kapazitäten verfügen, verhaltensauffälligen Schülern gerecht zu werden. Lehrer können in ihrem Verständnis, wie ein Schüler lernen soll, ziemlich festgefahren sein, und warum auch nicht? Vereinheitlichte Prüfungen fordern bestimmte Ergebnisse, die mithilfe von Noten bewertet werden. Ausreißer, insbesondere die von Kindern, die in Prüfungen gut abschneiden, werden nur beachtet, wenn sie im Unterricht ablenken.

Verhalten wie das meines Sohnes lenkt vom Unterricht ab.

Aber du bist nicht wie die anderen Lehrer. Es war zum Verrücktwerden: Auf bewunderswerte Weise bist du standhaft geblieben. Und letzten Herbst passierte dann etwas.

Plötzlich wollte mein Sohn zur Schule gehen

War da ein Riss in deiner Maske, der das Lächeln meines Sohnes nicht länger an dir abprallen ließ? Warst du eines Morgens vielleicht erschöpft von deinen eigenen Kämpfen als Mutter, als mein Sohn dir eine Lilie aus Origami auf den Tisch legte, ein ungelenkes Friedensangebot? War es, als wir beide während des Elternsprechtags in Tränen ausbrachen und darüber sprachen, wie schwierig alles ist und uns in diesem Moment kurz verbunden fühlten?

Ich weiß nicht genau, wann die Veränderung begann, aber plötzlich wollte mein Sohn zu Schule gehen. Er schrieb Gedichte über dich und seine Klassenkameraden, während wir beim Abendessen saßen. Wenn er abends ins Bett ging, erzählte er mir lustige Geschichten. Zum Beispiel, als er unabsichtlich laut fluchen musste, weil er eine Matheaufgabe nicht lösen konnte, und wie du so lachen musstest, dass dir die Tränen kamen. Ihm dann versichertest, dass das kein Problem ist. Und aus dem Erlebnis einfach ein Lernbeispiel für die Klasse machtest.

“Ich glaube, sie versteht mich jetzt”, sagte er.

Bei unserer Teambesprechung im Januar hast du mich zur Begrüßung umarmt. Wir haben kurz über die Fortschritte meines Sohnes gesprochen, seine neuen Freundschaften und über die Art und Weise, wie der Vertrauenslehrer flexible Denkmodelle für die ganze Klasse, nicht nur einen einzelnen Schüler, benutzte. Dann hast du einen Witz darüber gemacht, dass auch dein Ehemann ähnliche Unterstützung gebrauchen könnte.

Wir sprachen über Autismus in der Schule

Dann sprachen wir über Autismus in der Schule und wie Lehrer den Zugang zu autistischen Schülern verstehen, entsprechend anpassen und neu ausrichten können. Das gesamte Kollegium lächelte und hörte zu. Lehrer und Schuldirektoren verhielten sich normalerweise nicht so. Nicht für Kinder wie meine oder für Mütter wie mich. Was hatte sich geändert?

Du hattest dich verändert. Du konntest dich aus deinen starren Denkmustern lösen und meinen Sohn wahrnehmen. Er wurde für dich eine Person, war keine bloße Diagnose mehr oder ein Problem, das es zu lösen galt. Du sahst, wie er kämpfte, lernte und wuchs und folgtest seinem Beispiel.

Du hast dich gewandelt und damit gezeigt: Auch Erwachsene können sich anpassen und unangenehme, schwierige Situationen bewältigen. Du hast nicht nur die Vorstellung meines Sohnes sowohl von Schule als auch von sich selbst als Schüler verändert, sondern auch seinen Umgang mit anderen Menschen. Du hast ihm geholfen, seinen Platz in der Welt zu finden. Mütter versuchen zwar immer, ihre Kinder vor dem Schlimmsten zu beschützen – aber am Ende sind es die Lehrer, die Klassen- und Schulgemeinschaften formen. Sie entscheiden, wer Teil der Gruppe ist und wer gemobbt wird.

Du bist ein Vorbild für anderer Lehrer

An der Schule bist du für andere Lehrer ein Vorbild und motivierst sie, autistische Schüler besser zu unterrichten. Du hast eine Klasse geschaffen, in der normale Schüler mit und von untypischen Schülern lernen. Wo sie lernen, auch Menschen wie meinen Sohn und seine Andersartigkeit wertzuschätzen.

Diese Woche hat mein Sohn beim Poetry-Slam-Abend in der Schule den ersten Platz gemacht. Er nimmt jetzt den Bus zur Schule, läuft gemeinsam mit den anderen Kindern ruhig durch die Eingangstür und begrüßt im Gang Mitschüler mit Handschlag. Gestern Abend haben wir darüber gesprochen, dass er nächstes Jahr auf die weiterführende Schule gehen wird. Dass er dann einen Spind-Partner haben wird und probieren könnte, in der Schulband zu spielen.

Mein Sohn hat die Lehrerin, von der ich immer geträumt habe. Dich.

Dieser Text erschien ursprünglich in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde aus dem Englischen übersetzt von Babette Habenstein. 

(ak)