ELTERN
07/05/2018 12:59 CEST | Aktualisiert 07/05/2018 13:10 CEST

England: Mutter treibt ihr Baby ab – wegen eines neuen Gesetzes

“Ich fühle mich schuldig, beschämt und wütend."

Favor_of_God via Getty Images
Sally und ihr Mann wollten das Kind behalten. (Symbolbild)
  • Eine Frau ließ aufgrund eines neuen Gesetzes in England ihr drittes Kind abtreiben.
  • Denn seit 2017 gibt es vom Staat für das dritte Kind keine finanzielle Unterstützung mehr.

Eine Mutter hat ihr Baby abgetrieben – wegen dem neuen “Universal Credit”-Gesetz in England. Dieses Gesetz zwingt inzwischen viele Eltern dazu, sich zwischen ihren ungeborenen und bereits lebenden Kindern zu entscheiden.

Sally erzählte unter diesem falschen Namen der britischen Zeitung “Mirror” die Geschichte ihrer Abtreibung. Sie wollte das Kind behalten, ihre zwei Söhne hätten eine kleine Schwester bekommen.

Doch Sally und ihr Partner mussten feststellen, dass der Staat nur noch steuerliche Kinderfreibeträge und Sozialleistungen für zwei Kinder zahlt. Da war Sally schon im vierten Monat schwanger.

Ein besorgniserregender Trend

Das Gesetz bezieht sich auf alle Kinder, die nach dem 6. April 2017 auf die Welt kamen und kommen werden. Es wurde stark kritisiert, vor allem von Frauenrecht-Organisationen und Anti-Kinderarmut-Aktivisten.

Die Wohltätigkeitseinrichtung Turn2us, die Menschen über Sozialhilfe informiert, veröffentlichte vergangenen Monat einen Tweet und sagen, dass sie einen besorgniserregenden Trend sehen.

Schwangere Frauen meldeten sich bei der Wohltätigkeitseinrichtung und erzählten, dass sie aufgrund der Steuern und Sozialleistungen wahrscheinlich ihre Schwangerschaft abbrechen müssen. Ohne finanzielle Hilfe können sie kein weiteres Kind versorgen.

Sally und ihr Partner wollten das dritte Kind

Sally ist eine dieser Frauen. Momentan bekommt sie eine staatliche Sozialleistung für ihre zwei Söhne, die vier und fünf Jahre alt sind, erzählte sie dem “Mirror”. Sie ist nach zwölf Jahren Anstellung nicht mehr fähig zu arbeiten, denn sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. 

Mehr zum Thema: Abtreibungsärztin: Dieses Foto sollten alle Menschen kennen, die gegen Abtreibungen sind

“Ich lebe nicht mit meinem Partner zusammen, da wir uns das nicht leisten können”, sagte sie gegenüber der Zeitung. Die Schwangerschaft wäre nicht geplant, aber auch nicht gezielt vermieden worden.

“Nach der Geburt unseres letzen Kindes haben wir darüber geredet, dass wir gerne noch ein Kind haben würden”, erzählte Sally. 

Sie planten viel für das Kind

Ihr Partner ist derzeit auf der Suche nach Arbeit, aber es sei schwer: “Momentan studiert er, um später Personal Trainer zu werden. So kann er dann Geld verdienen und uns unterstützen.”

Sie wussten, dass sie nur begrenzte finanzielle Mittel hatten. Dennoch versuchen sie, ihren Kindern ein gutes Leben zu bieten.

Für Sally war es schon die dritte Schwangerschaft, sie wusste, was auf sie zukommen sollte und freute sich auf das Kind. 

Sie mussten eine Entscheidung treffen

Doch das neue Gesetzt sollte alles für sie verändern. “Ich war vier Monate schwanger und plante, was wir noch für das Baby kaufen müssen. Dann erzählte mir meine Freundin, dass man kein Geld mehr für ein Kind, das nach 2017 geboren wurde, bekommt.”

Mehr zum Thema: US-Politiker fordert Todesstrafe für Frauen, die abtreiben

Sally konnte das nicht glauben. Aber das Gesetzt existiert und Sally und ihr Partner mussten eine Entscheidung treffen, die sie so nie getroffen hätten.

“Wir können selbst gerade so überleben”, sagte Sally gegenüber dem “Mirror”. Ihr war klar, dass sie diese Armut ihren Kindern nicht antun kann.

Sie hätten es vielleicht schaffen können, doch: “Selbst wenn wir beide einen Job bekommen würden und 85 Prozent Kindergeld, könnten wir uns keine Kinderbetreuung leisten, geschweige denn Essen.”

Sally wachte weinend auf

Also machte sie einen Termin für eine Abtreibung. Sie weinte bei jedem Besprechungstermin und auch bei der Operation. “Ich wachte auch weinend auf”, erzählte sie. 

“Ich denke, das ist etwas, das ich mir nie verzeihen werde. Ich weiß, ich hätte es von Anfang an verhindern sollen.” Auch ihr Partner war verzweifelt, aber er wollte es nicht zeigen, weil er wusste, wie sehr es Sally belastete.

Er konnte ihr auch nicht zur Seite stehen, denn er musste auf die Kinder aufpassen.

“Ich werde dafür bestraft, dass ich arm bin”

Die Mutter stellt nun das System und die Politiker in Frage, die ihr keine andere Wahl lassen, als eine gewollte Schwangerschaft abzubrechen.

“Ich fühle mich schuldig, beschämt und wütend. Die Regierung schätzt das Recht auf Familie, generell meine Familie, nicht”, sagte sie dem “Mirror”.

“Ich werde dafür bestraft, dass ich arm bin. Ich bin angewidert von der Regierung, ein Zwei-Kinder-Limit ist krank und ekelerregend.”

Das Gesetzt diskriminiert Kinder

Clare Murphy, Direktorin der außerbetrieblichen Angelegenheiten bei British Pregnancy Advisory Service, erzählte dem “Mirror”, dass finanzielle Schwierigkeiten, Unsicherheit im Job oder Wohnsituation die häufigsten Gründe sind, dass sich Frauen für eine Abtreibung einer ungewollten Schwangerschaft zu entscheiden.

“Aber die Drei-Kinder-Grenze ist viel mehr als das, denn es bestraft die, die sowieso schon in schwierigen finanziellen Situationen sind – und wie Anti-Armuts-Aktivisten schon angemerkt haben: Es zerstört das, was eine fundamentale Verbindung zwischen Notwendigkeit und der Bereitstellung von Unterstützung war”, sagt Murphy.

Außerdem wäre es eine Diskriminierung gegen Kinder, nur aufgrund der Reihenfolge, in der sie geboren werden.

Eine Abtreibung ist in England nicht einfach

“Minister sprechen davon, dass die Menschen sich für eine Anzahl von Kindern ‘entscheiden’ müssen. Dazu muss man anmerken, dass Frauen in England nicht so einfach eine Abtreibung machen können”, erklärt Murphy. Denn das würde erst dann gehen, wenn zwei Ärzte zustimmen, dass sie den Kriterien entspricht.

Murphy möchte klar stellen, dass Frauen nicht mit Absicht schwanger werden, um Geld vom Staat zu beziehen – 7,60 Pfund am Tag seien schließlich nicht genug, um davon zu leben. Sie machen es, weil das Kind gewollt ist und eine geliebte Bereicherung für ihre Familie sei.

(kap)