ELTERN
26/07/2018 11:18 CEST | Aktualisiert 26/07/2018 13:11 CEST

"Muss ich sterben?": Wie eine Mutter ihrem Sohn sagte, dass er Krebs hat

“Ich konnte das Wort Krebs kaum aussprechen."

Vicky Weaver
  • Der zehnjährige Jack Weaver aus England hat einen Tumor im Rückenmark.
  • Seine Mutter erzählt der HuffPost, wie sie ihrem Sohn erklären musste, dass er einen inoperablen Krebs hat. 

Als Vicky Weaver ihrem neunjährigen Sohn Jack sagte, dass er einen Tumor im Rückenmark hat, fragte er sie, ob das heißt, dass er jetzt sterben muss. Sie sagte: “Nein, Jacky, nein. Es wird sich vielleicht schrecklich anfühlen und du wirst unglücklich sein – aber schau: Du bist immer noch da.”

“Er nannte den Krebs ‘Herr Knubbel’”

Es war das Gespräch, vor dem Weaver graute. Ihrem mittlerweile zehnjährigen Sohn Jack wurde im Februar 2017 ein langsam wachsender, inoperabler Tumor im Rückenmark diagnostiziert. Für die Mutter war es schrecklich genug, die Nachricht selbst zu bekommen. Aber ihrem Sohn die Botschaft zu überbringen war noch schlimmer.

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“Anfangs wollte ich das Wort ‘Krebs’ nicht vor Jack verwenden”, sagt die 42-Jährige aus dem englischen Teesside der HuffPost.

“Seine Oma ist plötzlich an Lungenkrebs gestorben und er ist alt genug, um sich daran zu erinnern.”

Trotzdem sagten ihr die Ärzte, dass es wichtig sei, dass sie mit ihrem Sohn selbst über Krebs spreche, weil er das sowieso aus den kindergerechten Broschüren über seine Krankheit erfahren würde.

“Ich habe ihm gesagt: Du hast da einen Knubbel, der nicht da sein sollte und manchmal wirst du wohl Leute sagen hören, dass es Krebs ist. Manche Knubbel sind schlimmer als andere und du hast Glück, dass deiner wahrscheinlich keine anderen Knubbel in deinem Körper machen wird”, erklärt Weaver.

Weaver sagt, ihr Sohn habe die Nachricht in dieser Form sehr gut aufgefasst – sie und ihr Mann hingegen hätten Tränen in den Augen gehabt.

“Ich habe ihm einfach erzählt, dass sie seinen Hals gescannt haben und da einen Knubbel gefunden haben, der auf seine Nerven drückt und es deshalb so weh tut. Ich sagte ihm, dass der Knubbel da nicht hingehört und sie ihn nicht rausmachen können. Er nannte ihn dann ‘Herr Knubbel’”, erinnert sich die 42-Jährige. 

“Dann sagte ich ihm, dass es Sachen gibt, die die Ärzte machen können, damit Herr Knubbel nicht weiter wächst und beruhigte ihn: ‘Keine Angst, du gehst nirgendwo hin’. Er sollte nichts über den schlimmstmöglichen Fall und die Nebenwirkungen der Therapie erfahren. Er brauchte nur die Gewissheit, dass alles gut wird.”

“Nichts half gegen Jacks Schmerzen”

Vicky Weaver
Jack nach der Kernspintomographie.

Bevor sie die Diagnose bekamen, im Dezember 2016, fing Jack an starke Kopf- und Nackenschmerzen zu bekommen. Seine Mutter brachte ihn zum Arzt, da er nicht mehr schlafen konnte. “Nichts half gegen die Schmerzen. Nicht mal Paracetamol oder Ibuprofen”, sagt Weaver.

Anfangs glaubten die Mediziner, er habe sich einen Muskel gezerrt. Aber im Verlauf der Zeit wurden die Schmerzen so schlimm, dass Jack sich kaum noch bewegen konnte. Also führten sie medizinische Tests an ihm durch.

Nach einer Kernspintomographie sagten die Ärzte Weaver und ihrem Mann, dass sie etwas in Jacks Rückenmark gefunden hätten. Es war Krebs. “Wenn du in einen Raum mit sechs Leuten geführt wirst, weißt du, dass es nicht gut ausschaut”, sagt sie. “Alle starrten auf ihre eigenen Schuhe.”

Vicky Weaver
Jack im Krankenhaus. 

Jack wurde ins Krankenhaus nach Newcastle gebracht und an einen Steroid-Tropf gehängt. Das stillte den Schmerz sofort. Nach Wochen schlief er zum ersten Mal eine Nacht durch. 

Am nächsten Tag erfuhr die 42-Jährige, dass die Ärzte den Tumor nicht operieren, aber behandeln könnten. Jack wurde eine sechswöchige Strahlentherapie angeboten, zu der er anschließend immer von Montag bis Freitag hingehen musste.

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Die Ärzte mussten den damals Neunjährigen an einem Tisch fixieren, damit er sich nicht bewegte.

“Der Tumor konnte nie komplett entfernt werden, da er von Nerven umschlungen ist”, sagt Weaver. “Uns wurde gesagt, dass er damit auf lange Sicht leben muss und dass die Strahlentherapie im besten Fall das Wachstum des Tumors stoppt. Wenn wir sehr viel Glück hätten, würde er vielleicht sogar ein bisschen schrumpfen. Alle anderen Hoffnungen mussten wir aufgeben.”

“Er fühlte sich wie ein Filmstar”

Vicky Weaver
Jack im Dorchester Hotel in London. 

Nach einigen Monaten zeigte ein erneuter Scan, dass der Tumor geschrumpft war. Eine Schwester empfahl der Familie, sich mit “Make A Wish” – einer Organisation, die schwerkranken Kindern Wünsche erfüllt – in Verbindung zu setzen. Jack sei gesundheitlich in einer guten Situation, um das genießen zu können.

Jack wünschte sich “ein Millionär zu sein”. Die Hilfsorganisation schaffte es, ihm diesen Wunsch zu erfüllen: Sie zeigten dem Jungen, wie er leben könnte, wenn er reich wäre. Dafür spendierten die Organisatoren Jack eine Reise nach London. Dort durfte er in der Suri-Suite, in der man einen einmaligen Blick über die Stadt hat, des fünf Sterne Luxus-Hotels Dorchester übernachten.

“Er konnte nicht glauben, wie groß dort alles ist. Als er in die Suite kam, sprang er überall mit meinem Handy herum. Er fühlte sich ganz, ganz besonders – denn normalerweise erlebt er solche Dinge nicht. Es hat seine Laune wirklich gehoben. Er fühlte sich wie ein Filmstar.”

“Wir wissen nicht, was als nächstes kommt”

Vicky Weaver
Jack und seine Mutter Vicky, Vater Ricky and Bruder Joe im Dorchester Hotel.

Die Krankheit macht es Jack im Alltag schwer, zu laufen und das Gleichgewicht zu halten. Er hat auch geistige Probleme und findet nur schwer Freunde. Alle vier Monate wird der Tumor erneut gescannt und bisher gibt es keine Anzeichen für ein weiteres Wachstum.

Weaver sagt, dass alles gerade sehr ruhig wirke. Sie weiß aber auch, dass sich alles an einem Tag ändern könne. “Er hat manchmal bessere und schlechtere Tage ”, sagt die Mutter.

“Er sagt, dass es gemein ist, dass er nicht so schnell rennen kann wie seine Freunde. Vor ein paar Wochen konnte er nicht gehen und saß im Rollstuhl. Immer, wenn sein Fuß den Boden berührte, hatte er stechende Schmerzen.”

Die Familie versucht mit Jacks Krankheit dennoch positiv umzugehen. Früher hätte sie viele Sachen, wie Familienurlaube, aufgeschoben, erklärt Weaver. Heute würden sie nichts mehr verschieben: “Wir wissen ja nicht, was als nächstes kommen wird.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt. 

(nc)