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06/06/2018 08:42 CEST | Aktualisiert 06/06/2018 12:12 CEST

Der Islam hat Platz für alle – auch für eine lesbische Muslima wie mich

Doch viele leugnen immer noch, dass es LGBTQI-Muslime gibt.

Wazina Zondon

“Ich wusste nicht, dass es sowas wie LGBTQI-Muslime gibt”

(Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer or Questioning, and Intersex – Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queere und Intersexuelle)

►Sogar unter den fortschrittlichsten, gebildetsten und wohlmeinendsten Menschen hört man diesen Kommentar viel zu oft.

Selbst Menschen, die verstehen, dass es Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender schon immer gibt, in jeder Nation, Kultur, Religion und Ethnie, haben jedoch immer noch Probleme zu akzeptieren, dass jemand gleichzeitig LGBTQI und ein gläubiger Anhänger des Islams sein kann.

LGBTQI-Muslime verschaffen sich Gehör

Zugegeben, etwas Verwirrung ist nachvollziehbar, weil die muslimische Leistung hinsichtlich Toleranz nicht gerade vorbildlich ist. Ganz im Gegenteil: Die Scharia, die orthodoxe Form des islamischen Rechts, kann für praktizierende Homosexuelle in muslimischen Ländern, wie im Iran, in Nigeria und in Saudi Arabien, sogar die Todesstrafe vorsehen.

Und als der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen im Jahr 2011 seine erste Resolution verabschiedete, die LGBTQI-Rechte anerkennt, erhielt sie die volle Unterstützung aus Amerika und Europa, aber wurde von Ländern mit einer muslimischen Mehrheit einstimmig abgelehnt.

Nichtsdestotrotz gibt es LGBTQI-Muslime und sie verschaffen sich in wachsender Zahl Gehör. Ramadan fällt dieses Jahr auf den Gay-Pride-Monat. Das eröffnet die einmalige Möglichkeit, die gegenwärtige Situation von LGBTQI-Muslimen und ihre wahrscheinliche Zukunft zu betrachten.

In Amerika herrschen noch immer Vorurteile

Warum? Ramadan, der gemäß der islamischen Tradition die erste Offenbarung des Korans an den Propheten Mohammed ehrt, wird nicht nur durch Fasten von Sonnenaufgang bis -untergang begangen, sondern auch durch große Gefälligkeiten gegenüber den Bedürftigten.

Spenden sind das ganze Jahr im Islam sehr wichtig, aber man glaubt, dass gute Taten während des Ramadans von Allah besonders wohlwollend betrachtet werden.

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Während es Disziplin kostet, den Mund zu halten und täglich für viele Stunden einen Bogen um alles Essen und Trinken zu machen, braucht es Tapferkeit, um den Mund weit aufzureißen und mit Mitleid und Barmherzigkeit für die Rechte aller Menschen laut zu werden.

Das haben wir mit der erzählerischen Aufführung “Coming Out Muslim: Radical Acts of Love” auf vielen Bühnen in den Vereinigten Staaten versucht.

Der Titel der Aufführung ist bewusst doppeldeutig. Er spielt einerseits auf die Selbstoffenbarung bei der öffentlichen Bekanntgabe der eigenen LGBTQI-Sexualität an. Andererseits auch auf die Herausforderungen, mit seinem Glauben an den Islam in einem Amerika nach dem 11. September offen umzugehen, in dem noch immer Ängste und Verdächtigungen bestehen, dass alle Muslime Terroristen sind.

In allen Religion wird die Diskussion geführt

Wie kürzlich vom Magazin “The New Yorker” berichtet wurde, zeigen Statistiken des FBIs, dass Gewalt gegen Muslime heute fünf mal häufiger ist als vor 2001. Unter diesen Bedingungen ist es exponentiell gefährlicher geworden, öffentlich zu bekennen: “Allah machte mich zum Muslim; Allah machte mich LGBTQI.”

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Dadurch, dass sie eine so mutige Aussage treffen, werden LGBTQI-Muslime an der Kreuzung zwischen Glaube und Sexualität sichtbarer und schalten sich in Diskussionen ein, die im Christentum und Judentum schon seit einiger Zeit stattfinden. 

Was diese drei Religionen gemeinsam haben, ist nicht nur ihre abrahamitische Tradition, sondern auch ihre Homophobie, die zum größten Teil auf eine biblische Geschichte zurückgeht: die von Sodom und Gomorrah.

Moderne islamische Gelehrte befürworten zusammen mit freidenkenden jüdischen und christlichen Theologen Interpretationen, die nahelegen, dass die wahre Verfehlung in der Geschichte von Lot (Sodom und Gomorrah) die Androhung männlicher Vergewaltigung ist. Und, dass es ein gewaltiges Versagen darstellte, Fremden keine Gastfreundschaft zu zeigen.

Neue Aufmerksamkeit erhalten auch Verse des Koran, die ohne Vorurteile das Dasein von Männern ohne das Verlangen nach Frauen beschreiben. Außerdem weisen manche Historiker darauf hin, dass in früheren islamischen Gesellschaften gleichgeschlechtliche Beziehungen in Liebesgedichten von persischen und urdu Dichtern sowie Sufi-Poeten zelebriert wurden. 

Gewalt gegen sexuelle Minderheiten entspricht nicht dem Propheten

Im Hinblick auf zeitgenössische Muslime, die nun nach Argumenten für die Todesstrafe für Homosexuelle in den Überlieferungen oder in den Geschichten außerhalb des Korans suchen, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden, darf man eines nicht vergessen: Es gibt eine Überlieferung, in der Mohammed sagt “Wenn du etwas hörst, was dich von mir abwenden lässt, ist es nicht von mir.”

►Gewalt gegen sexuelle Minderheiten ist nicht im Einklang mit dem Vorbild des Propheten von Liebe und Toleranz in der Gemeinschaft. 

Die meisten Amerikaner, viele Muslime und viele LGBTQI-Menschen wissen nicht, dass der Islam für uns alle Platz hat. Und vielleicht gibt es auch einige, die, nachdem sie das gehört haben, sagen werden: “Naja, das geht ja nur LGBTQI-Muslime an. Was hat das mit mir zu tun?”

Unsere Antwort ist: Viel. Weil wir glauben, je spezieller eine Geschichte ist, desto universeller.

“Coming Out Muslim” spricht den universellen Wunsch an, als die vielschichtige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, die Teil von Familien und Gemeinschaften ist und die nach Ganzheit streben. Immer wieder kommen Menschen nach den Aufführungen zu uns – Männer, Frauen, Heteros, Schwule, Lesben, Christen und Atheisten – und sagen uns genau das. 

►So gesehen, geht es beim Coming-Out wirklich darum, die Welt wissen zu lassen, wer man ist.

Also, ja, es gibt LGBTQI-Muslime. Indem man darauf stolz ist, kann Veränderung stattfinden und Liebe wachsen.

Der Artikel erschien ursprünglich in der  HuffPost USA und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.