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29/08/2018 19:28 CEST | Aktualisiert 29/08/2018 19:28 CEST

Muslima aus Chemnitz: Den Hass gibt es seit 20 Jahren – nicht nur von Nazis

Das sehr konservative Chemnitz hatte schon immer einen rechten Touch.

ODD ANDERSEN via Getty Images
Rechte Demonstranten in Chemnitz. 

Ich bin in Chemnitz aufgewachsen. Ich bin hier zur Schule gegangen, habe meine Ausbildung hier gemacht. Ich arbeite hier.

Und ich kann sagen, dass das sehr konservative Chemnitz schon immer einen rechten Touch hatte.

Das kann ich schon anhand meiner Familie belegen. Wir sind Muslime und haben einen Migrationshintergrund.

Meine Mutter und Schwester, beide verschleiert, wurden immer schon blöd angesehen oder gar inspiziert, als wären sie Aliens. Wir leben seit 20 Jahren in Chemnitz und es hat sich seither kaum etwas geändert.

Nur ist es nun kein stilles Anschauen mehr. Die Anfeindungen werden jetzt immer häufiger auch ausgesprochen. Meine Mutter musste sich schon rechtfertigen, weil sie ein Auto fährt oder bei H&M eine höhere Summe begleichen konnte.

Sie wird als deutsche Staatsbürgerin in eine Schublade gesteckt und das unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand. Und ja, wir laufen mit Absicht nicht nachts alleine durch die Gegend, da der Rassismus und die Gewalt spürbar geworden sind.

“Was mich stört, ist die mangelnde Aufklärung – und die fehlende Integration”

Doch seitdem die Flüchtlinge hier sind, hat sich mein Gefühl auf das Chemnitzer Zentrum fokussiert. Selbst ich (deutsch aussehend und unverschleiert) fühle mich unwohl und förmlich ausgezogen von den Jungpubertierenden.

Doch was mich wirklich stört, ist die mangelnde Aufklärung – und die fehlende Integration.

Es sollte mehr Diskussionsrunden oder Seminare geben, in denen meiner Meinung nach Menschen aus allen Gesellschaftsstrukturen im Brennpunkt – auch Flüchtlinge oder Muslime – eingeladen werden und diese ihre Geschichte erzählen.

Denn würden wir die Menschen von nebenan, die uns so fremd sind, kennenlernen und deren Hintergrund erfahren, würden wir sie besser verstehen.

Und wir müssen einander verstehen, unsere Kulturen kennenlernen.

Wir müssen wissen, warum die Frau wirklich verschleiert ist. Oder warum der jungpubertierende, männliche Flüchtling jede einzelne Frau anspricht. Oder warum die Muslima auch ihre H&M-Rechnung bezahlen können sollte, ohne dass sie deswegen angegriffen wird.

Mehr zum Thema:  Wie die Chemnitzer versuchen, den rechten Sumpf trockenzulegen

Die Chemnitzer Politik muss endlich die Extreme in der Stadt angehen

Ich glaube, eine Integration, so wie sie von allen erwartet wird, ist sonst nicht möglich.

Ich glaube, wir müssen erstmal damit beginnen, die Gesellschaftsschichten dafür zu sensibilisieren, dass es Menschen gibt, die anders sind und anders denken – und dass das völlig normal und in Ordnung ist.

Und wir müssen das tun, ohne das man sie verurteilt oder beurteilt. Haben wir das nicht geschafft, wird jede Integration in meinen Augen nicht funktionieren.

Ich denke, dass hier in Chemnitz jetzt der Tropfen gefallen ist, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, indem es einen Toten gab. Die Chemnitzer Politiker müssen endlich die Extreme in Chemnitz angehen.

Nicht nur die Rechten. Genauso die randalierenden Linken oder die wachsenden russischen Drogengebiete.

Ich fordere, dass ich mich in meiner Stadt wieder sicher fühlen kann.